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Astronauten-Nahrung: Rührei in den Sternen

Wenn Wisssenschaftler über Weltraumnahrung nachdenken, stoßen sie gleich auf Probleme: Nicht einmal Wasser kocht in der Schwerelosigkeit. Und erst die Astronauten: Die Amerikaner wollen Chips, die Europäer stehen auf Edelküche, den Russen wäre im All ein Schlückchen Wodka recht

Von Jan-Christoph Wiechmann und Jörg Zipprick

Nach monatelanger Reise zünden die Bremsraketen, ein sanftes Wummern erschüttert das gesamte Raumschiff. Skeptisch bis staunend blicken die Astronauten auf den roten Planeten. Der Mars ist in Reichweite, ein Menschheitstraum erfüllt. Zwei Raumfahrer checken die Landekapsel durch, andere sammeln die Zutaten für das Abendessen, ernten ein wenig Getreide, Salat, Tomaten, Zwiebeln, Soja, Algen und etwas Spinat. Über Monate haben sie ihren Proviant selbst gepflegt. "Mindestens 40 Prozent der Nahrung müssen an Bord angebaut werden" hatte man ihnen auf der Erde eingeschärft, "sonst ist die Mission zum Scheitern verurteilt."

Zukunftsmusik? Sicher. Aber auch Alltag für Vickie Kloeris, Leiterin der Abteilung Weltraumernährung bei der NASA, in ihrer Versuchsküche des Johnson Space Centers in Houston: Immerhin hat Präsident Bush angekündigt, Menschen zum Mars schicken zu wollen, wenn auch erst in zehn oder zwanzig oder noch mehr Jahren - da muss Frau Kloeris jetzt schon experimentieren: "Immerhin müssen wir für eine Mars-Expedition auch Lebensmittel entwickeln, die fünf Jahre haltbar sind. Schon der Flug dorthin dauert sechs Monate."

Das Menü von Hans Schlegel darf nicht riechen

Im Moment aber stehen noch kürzere Raumreisen an, wie jene der Raumfähre "Atlantis", die am vergangenen Donnerstag zur Raumstation ISS abhob, mit dem deutschen Wissenschaftler Hans Schlegel an Bord. Auch diese Astronauten müssen essen, gärtnern werden sie nicht. Allerdings: Wenn man das Raumfahrer-Menü betrachtet, dass jetzt vor Frau Kloeris ausgebreitet ist, möchte man den Männern doch ein Kräutergärtlein mitgeben, oder wenigstens ein halbes Schwein. Auf einem Tablett liegen mit Kreppband befestigte Speisen: eingeschweißte Shrimpcocktails, pulverisierter Aprikosensaft, vakuumverpacktes Kartoffelgratin, letzteres sieht aus wie vorgekauter Tofu. Geht das nicht hübscher, Frau Kloeris? "Diese Mahlzeiten werden eben schon Monate vorher zubereitet und auf Mikroben untersucht. Dann werden sie entweder gefriergetrocknet oder extrem erhitzt, um sie haltbar zu machen. Und sie dürfen nicht zu sehr duften." Denn Düfte verbleiben in der Raumstation, und am Ende des mehrwöchigen Aufenthalts wabern viele verschiedene durch die Raumstation. Deshalb erste Raumstation-Kombüsen-Regel: An Bord kommt nichts, was riecht.

Und auch sehr wenig Salz ("zu viel führt zu Knochenschwund, die Astronauten verlieren ohnehin pro Monat ein Prozent ihrer Knochenmasse"), keine Kohlensäure ("Rülpser kommen in der Schwerelosigkeit gerne in flüssiger Form") und ganz bestimmt keine Kartoffelchips: "Wir hatten Astronauten, die auf Kartoffelchips bestanden und nach ihrer Rückkehr sagten: Du hattest so Recht, Vickie. Chips machen Ärger." Also bleibt es bei Tütenessen, zu verzehren wie folgt: "Mit der Schere schneiden Sie die Packung auf. Dann öffnet man ein kleines Ventil, injiziert Wasser, schließt das Ventil und knetet den Beutel ordentlich durch. Dann nur noch erwärmen - guten Appetit." Oder auch nicht.

Aber eigenhändig kochen ist in der Schwerelosigkeit halt kompliziert, schon das Erhitzen von Wasser funktioniert nicht: Die sogenannte thermische Konvektion fehlt, Dampfblasen steigen nicht nach oben, sondern verharren im Topf, verbinden sich zu größeren Blasen und schließlich zu einer Mega-Blase. Der gesammelte Dampf jedoch leitet Wärme nur sehr schlecht, das Wasser in der Raumstation bliebe lauwarm. Doch Ideen existieren: Wasser könnte man in einer rotierenden Kugel zum Kochen bringen. Durch die künstliche Beschleunigung würde ausreichend Schwerkraft entstehen, um Dampf und Wasser genügend zu verquirlen. Das wäre wieder was für Mars-Expeditionen.

Alkohol ist strengstens verboten - außer für Russen

Für die Raumstation ISS dagegen hat Vickie Kloeris schon eine veritable Auswahl zu bieten: Immerhin 180 Produkte, darunter Shrimps in Cocktailsoße. Vegetarische Quiche. Grüne Bohnen auf kreolische Art. Fehlt nur noch ein Gläschen Wein.... "Kein Alkohol!" Nicht mal ein Bierchen? "Nein. Sollte es einen Notfall geben, braucht die NASA die Crew auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit." Die Russen sollen das aber anders... "Ich weiß, dass die Russen eine etwas andere Meinung haben. Sie wollen uns bei der NASA davon überzeugen, aber bisher: Nein." Die Russen schmuggeln also ihren Wodka nach oben? Und jetzt muss Frau Kloeris doch mal grinsen: "Eigentlich sollen sie das nicht..."

Aber nun ja: Die Russen. Und, wo wir dabei sind, die Europäer. Man muss wissen: In Sachen Raumfahrt forschen NASA, Esa (European Space Agency) und Roskosmos nicht immer gemeinsam, sondern manchmal auch nebeneinander her. Und beim Essen geht es sogar ein wenig auseinander: Denn während bei der NASA eine funktionale Auffassung von Essen vorherrscht, geben sich Europäer und Russen eher traditionell: Essen ist für sie auch Kultur und nicht nur Körpertreibstoff. Und weil das Hauptquartier der Esa in Paris angesiedelt ist, lag es für die Europäer nahe, für die kulinarische Weltraumforschung mit französischen Spitzenköchen zusammenzuarbeiten, seit 1994 läuft die Kooperation bereits. Aber erst vor drei Jahren stieß der Gottvater der feinen Gastronomie dazu: Alain Ducasse. Ducasse, 51, ist in Frankreich und der übrigen Kochwelt ein Mythos. Ein Herdmeister, dem einfach alles gelingt, ausgezeichnet mit den höchsten Ehrungen aller Freßführer. Drei Michelin-Sterne tragen gleich zwei seiner französischen Restaurants. Rund 1000 Menschen, davon über 600 Köche, arbeiten heute in Ducasses Imperien, bekochen toskanische Herbergen ebenso wie Bäckereien und Szene-Lokale in Tokio oder Las Vegas.

Pfeffer steht auf einer Stufe mit Staub

Der Mann muss also delegieren können, in Sachen "Weltraumnahrung" etwa an Quentin Vicas, dem "Project Manager" in Ducasses Kochschule im Pariser Vorort Argenteuil. Hier werden die Gerichte für eine Marsmission ebenso entwickelt wie die "Special-Event-Menüs" für die internationale Raumstation ISS, die Kost für Geburtstage und Weltraumtouristen.

Vicas ist ein junger, schlanker Mann mit dunklem Haar, der schon als Koch, Banker und Ingenieur arbeitete. Monsieur spricht druckreif: "Präzision, Technik, Hygiene, reproduzierbares Know-How - die großen Linien der Küche von Alain Ducasse gelten auch für Weltraumkost. Unser Problem ist die Schwerelosigkeit." Und die verbietet viele Dinge, die Pepp ins Essen bringen: Eine Prise Pfeffer? Vicas schüttelt den Kopf. "Steht in der Raumfahrt auf einer Stufe mit Staub. Er könnte sich in Meßinstrumenten oder den Schleimhäuten der Astronauten absetzen. Das erzeugt dann erkältungsähnliche Symptome." Olivenöl? "Könnte unbeherrschbar durch das Raumfahrzeug vagabundieren. Im schlimmsten Fall blieben Tausende zerstreuter Ölpartikel jahrelang zwischen den Instrumenten hängen."

Aber warum sollte im All überhaupt Edel-Küche serviert werden? "Gutes Essen" erklärt Vicas entschlossen "hat einen großen Einfluss auf ‚la morale'", ein Wort, mit dem Franzosen jeden geistig-seelisch-psychologischen Zustand beschreiben. "Bei diversen Problemen auf der russischen Mir-Station haben unsere Partner schon vor Jahren festgestellt, dass gutes Essen hilft, länger durchzuhalten."

Bloß nichts essen, was Blähungen verursacht

Für die ISS konzipierte Vicas mit seinem Köchen zunächst simple, aber höchst wohlschmeckende Rezepte: Geflügel nach Thai-Art oder Wachteln in Madiran-Wein mit Selleriepüree. "An einer simplen Ratatouille sind wir gescheitert, weil die darin enthaltenen Zwiebeln gewisse physiologische Phänomene hervorrufen können." Vulgo Blähungen, die in einer Drei-Mann-WG wie der ISS dann doch unerwünscht sind. Mittlerweile ist aus der Ratatouille eine sizilianische Caponata mit Tomaten, Paprika, Zucchini, Korinthen und Pinienkernen geworden. Ducasse kostete höchstselbst und war zufrieden.

Blieb die Frage, wie die Astronauten zu ihrer Nahrung kommen sollten - in Dosen, Tuben oder Beuteln. "Die Konsistenz eines Gerichts, seine weichen und festen Bestandteile sind entscheidend für den Genuß. Also haben wir uns nach russischem Vorbild für Dosen entschieden, die leicht an Bord aufgewärmt werden können."Für die Herstellung von nur 1250 Blechbüchsen musste Alain Ducasse seine Blutwurstfabrik im Baskenland radikal aufrüsten, ließ Schleusen und Luftfilter installieren. Jetzt sind die Räume keimfrei, die Luftfeuchtigkeit auf ein Minimum gesenkt. Geflügel und Gemüse werden bei unter 10 Grad verarbeitet, bei Temperaturen zwischen 63 und 80 Grad gegart und schließlich bei 117 Grad sterilisiert.

Die Dosenlösung russischer Art hat weitere Vorteile: Das Essen kann wie auf Erden (oder mindestens wie im Flugzeug) mit Oberhitze aufgewärmt werden. Und die Astronauten können es, wie auf Erden, sogar mit einer Gabel essen. "Der Feuchtigkeitsgehalt der Gerichte ist perfekt ausgewogen" erläutert Vicas, "anders als bei Dosen für den Heimgebrauch werden beim Öffnen weder Öl noch Feuchtigkeit austreten. Das Gleiche gilt für trockene Krümel. Wenn man nicht kräftig zustößt, kann der Inhalt unserer Dosen ganz normal verzehrt werden." Schwerelosigkeit hieße ja nicht, dass Dinge ohne Krafteinwirkung plötzlich durch die Umgebung flögen.

Wie bekommt man den Wein alkoholfrei in Puderform?

Letztendlich entschieden die russischen Experten in Baikonur über die französischen Rezepte für die ISS. Sie testeten die Kost auf bakteriologische Verunreinigungen, Hefen, Pilze, maßen den PH-Wert jeder einzelnen Dose. Dazu gab es einen "Rütteltest": Beim Start müssen Essen und Verpackung das 15-fache der Erdanziehungskraft aushalten.

In der Nacht zum 1. Dezember 2006 kamen Ducasse, Vicas und ihr Team dem Mars erstmals um 400 Kilometer näher: Auf der Raumstation ISS wurden Caponata, Wachteln mit Selleriepüree und Reispudding mit Früchten, gemeinhin als Milchreis bekannt, serviert. Aufgewärmt wurden die offenen Dosen in einem soliden russischen Ofen. Die drei Astronauten Thomas Reiter, Mikhail Tjurin und Michael Lopez-Alegria teilten sich jedes Gericht und strahlten: "Delikat" fand es der Deutsche Thomas Reiter. Sicher, die aromatischen Feinheiten waren teilweise der Sterilisierung zum Opfer gefallen. Aber die Würzung gefiel: Der Hauch Muskatnuss zum Selleriepüree, zum Beispiel.

Ganz perfekt ist das Menü im All noch nicht: Tjurin wünscht sich "einfachere Gerichte wie eine Fischsuppe." Und Reiter erklärt, dass "Festmahl hätte mit einem Glas Wein noch besser geschmeckt." Quentin Vicas zieht nachdenklich die Brauen zusammen. "Fischsuppe ist kein Problem" meint er "Aber wie kriegen wir den Wein alkoholfrei in Puderform? Und können Trauben auf einem Marsflug nachwachsen?" Noch hat er Muße, das Problem zu lösen, die Mars-Mission hat ja noch ein, zwei Jahrzehnte Zeit.