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Chili: "Viagra der Abruzzen"

Für wagemutige Gaumen ist Chili besonders in Verbindung mit zarter Schokolade ein Schmankerl. In Diamante, Italien, feiern Chili-Esser den "Roten Oktober" bis die Zunge brennt und der Rachen lodert.

Echt scharf. So mögen es die Italiener. Erst wenn es auf der Zunge brennt und im Rachen lodert, dann haben die Spaghetti "Aglio, Olio e Peperoncino" das rechte Maß an Paprikaschoten. Viele denken beim Anblick der feurigen Früchtchen eher an Mexiko oder Asien. Aber auch in Italien gehören sie - mal frisch, mal getrocknet, mal in Pulverform - zu den meisten traditionellen Gerichten dazu. Deshalb feiert das Dörfchen Diamante in der süditalienischen Region Kalabrien bis zum kommenden Wochenende bereits zum 13. Mal ein Chilischoten-Festival mit dem bezeichnenden Namen "Roter Oktober". Eine "Peperoncino"-Akademie gibt es in dem Ort ohnehin schon lange. Ziel: "Die scharfe Kultur zu vertiefen und zu verbreiten", wie es auf der Homepage des Vereins heißt.

Mittlerweile zählt die Akademie 82 Sitze in Italien und 20 im Ausland, darunter in New York und Tokio. Beim Festival soll jetzt auch die absolute Neuheit in Sachen Pfefferschote präsentiert werden, die sich in diesem Sommer in Italien zu einer wahren Attraktion gemausert hat: Die Verbindung von süßer Schokolade und pikantem Peperoncino. "Diese Verschmelzung ist dazu vorbestimmt, Erfolg zu haben", kommentierte die Zeitung "Il Messaggero".

Feurige Schokolade

Besucher können die gewagte Mischung ausgiebig testen, ob als Tafelschokolade, als Brotaufstrich, Pralinen oder Likör. Auch beim Eurochocolate-Festival in Perugia, einer der berühmtesten gastronomischen und folkloristischen Messen des Landes, soll vom 15. bis 23. Oktober die neue Tendenz zu feuriger Schokolade im Vordergrund stehen.

In vielen Eisdielen des Landes hat sich die Geschmacksrichtung "Cioccolato al Peperoncino" bereits zu einem echten Hit entwickelt, so etwa in der berühmten "Gelateria" auf der römischen Tiberinsel oder im brandneuen Eiscafé "Chocolat" in der Nähe des Vatikans. "Einfach köstlich", schwärmt eine Touristin aus Köln. "Erst schmeckt es nach Bitterschokolade und dann beginnt es ganz leicht in Gaumen und Kehle zu ziehen."

"Wichtiger als schwarzer Pfeffer"

"Capsicum annuum" - so lautet der wissenschaftliche Name der in Italien verbreiteten scharfen Peperonis. Archäologische Forschungen haben ergeben, dass das Gewürz bereits vor 9000 Jahren in Mexiko bekannt war. Dort wächst bekanntlich auch das schärfste aller Früchtchen, die gefürchtete Red Habanero. Gemessen wird der Schärfe-Grad in der so genannten Scoville-Skala - und da kommt die Schote aus dem Yucatan auf sage und schreibe 300.000 Einheiten. Zum Vergleich: Die in der Mittelmeerregion angebauten Peperoncinos haben gerade mal 100 bis 500 Einheiten - und selbst die brennen schon.

Apropos Mittelmeer. Nach Europa kam das auch für seine angeblich aphrodisische Wirkung bekannte Gewürz durch Christoph Kolumbus, der es aus Amerika mitbrachte. Ein Mitglied der ersten Kolumbus- Expedition schrieb damals ins Bordbuch: "Das Gewürz, das die Menschen dort essen, ist reichlich vorhanden und wichtiger als schwarzer Pfeffer." Auch für die Gesundheit, wie man heute weiß. Experten zufolge ist Peperoncino eine gute Vorbeuge-Maßnahme gegen Herzinfarkte und senkt - bei konstantem Gebrauch - den Cholesterinspiegel. In Mittelitalien wurde die Feuer-Frucht gar in "Viagra der Abruzzen" umbenannt.

Meisterschaft für lechzende Gaumen

In Diamante, diesem süditalienischen Peperoni-Juwel, werden sich unterdessen die Wagemutigsten unter den Chili-Essern in der italienischen Meisterschaft messen. Frauen und Männer müssen die gleichen Regeln befolgen und so viel klein geschnittenen rohen Peperoncino essen, wie es die lechzende Kehle erlaubt. Als Beilage dürfen nur Brot und Öl verzehrt werden. Der bisherige Rekord bei den Männern liegt bei stolzen 729 Gramm, bei den Frauen immerhin bei 459 Gramm - nichts für zarte Gaumen, warnen die Organisatoren.

Carola Frentzen/DPA / DPA
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