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Kulinarische Weltreise: Gourmet spurlos verschwunden

Einmal in allen Drei-Sterne-Restaurants der Welt essen: Das war das verrückte Projekt des Schweizers Pascal Henry. In Spanien ist er spurlos verschwunden, seitdem wird über ein Verbrechen spekuliert. Gegenüber stern.de schloss jetzt ein Freund nicht aus, dass Henry frewillig untergetaucht sein könnte.

Von Jörg Zipprick, Paris

Der 5. Mai 2008 muss Pascal Henrys Glückstag gewesen sein. Jahrelang hatte er für eine kulinarische Weltreise gespart: eine "Tour de Gourmet" durch die Drei-Sterne-Restaurants aller Länder auf allen Kontinenten. Auf dem Reiseplan des Feinschmeckers standen alle 68 Speiselokale, die der Guide Michelin mit der höchsten Auszeichnung versehen hatte. "Den Gegenwert eines Mittelklassewagens werde ich verspeisen" sagte der 46-Jährige. Jetzt war es soweit. Der Kurierfahrer aus Genf saß vor Paul Bocuse, dem Kaiser der Köche.

Bocuse spendierte das erste Menü, regte an, Henry möge ein Buch über seine Tour schreiben. Den Verleger besorgte er gleich selbst. Abschließend sagte "le chef": "Sie haben bei mir das erste Essen ihrer Tour genossen, sie werden ihre Reise bei mir abschließen." Soweit sollte es jedoch nie kommen. Pascal Henry ist spurlos verschwunden.

Im spanischen Rosas, im Restaurant "El Bulli" von Ferran Adrià, dem Propheten der sogenannten Molekularküche, wurde er am 12. Juni zum letzten Mal gesehen. Henry wollte eine Visitenkarte für eine Journalistin am Nebentisch holen und tauchte nie wieder auf. Zurück blieben ein Hut und eine kostbare Kladde von Monsieur Bocuse mit Autogrammen von 39 Spitzenköchen.

Aus Scherzen über Henrys Verschwinden wurde bitterer Ernst

"El Bulli" war das 40. Restaurant auf Henrys Liste. Degustationsmenüs in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, halb Frankreich und Italien hatte er bereits genossen. Großbritannien, die USA, Japan und Paris standen noch auf seiner Liste. Der Verlauf seiner Reise wurde von seinem Freund, dem französischen Weinhändler Jaques Perrin, in einem Internetblog festgehalten. Nach sechs Tagen ohne Neuigkeiten schlug Perrin auf seiner Seite Alarm. Die ersten Kommentare waren noch scherzhaft: "Pascal, bist Du geplatzt?". Dann kam Besorgnis: "Pascal, melde Dich." Schließlich wurde die Polizei eingeschaltet.

Als Paul Bocuse vom Verschwinden erfuhr, rief er persönlich die Genfer Tageszeitung "La Tribune de Genève" an und forderte von den Journalisten "Macht was!" Interpol wurde aktiv und befragte die Chefköche der bereits besuchten Restaurants. Die Herdmeister erinnerten sich gut an den einsamen Kunden: "Er hat mir eine Schachtel Schweizer Schokolade geschenkt", sagte der Pariser Koch Guy Savoy. "Ein sympathischer und kenntnisreicher Gast."

Über die Ursachen des Verschwindens wird bisher nur spekuliert: War Pascal Henry ins Meer gestürzt? "Dies", sagt Juli Soller, der Direktor des "El Bulli", "hätten die Gäste der Terrasse mitbekommen." Wurde er ausgeraubt? Henry zahlte überall mit Kreditkarte, trug keine große Menge Bargeld bei sich. Eine Entführung scheint ebenso kurios: Die Parkplätze der bekannten Restaurants der Welt sind für Kriminelle sicher interessanter als ein Schweizer Kurierfahrer. Von Herzinfarkt bis zum Mangel an Appetit reichen die Vermutungen. Was wirklich mit Henry geschehen ist, weiß keiner.

Hält sich Henry nur versteckt?

Jacques Perrin meint und hofft: "Pascal Henry hält sich versteckt. Vor etwa zehn Jahren hat er das schon einmal gemacht." Auch Geldnot schloss Perrin im Gespräch mit stern.de nicht aus "Anscheinend erwartete er eine größere Summe, die nicht eingetroffen ist." Im Restaurant "La Pergola" in Rom soll Henry einen verwirrten Eindruck gemacht haben. Er habe mit sich selbst gesprochen, erfuhr Perrin von einem Freund.

Warum aber hat er die Mappe mit den Autogrammen der Köche zurück gelassen? Die Erinnerung an die Reise seines Lebens, an mehr als einen halben Mittelklassewagen? "Entweder ist ihm wirklich etwas zugestoßen. Oder er hat tatsächlich sein Verschwinden glaubhaft vortäuschen wollen, weil er das Scheitern seiner Tour nicht verkraftet hätte", sagt Perrin. "Diese Reise war für ihn wie eine sportliche Höchstleistung. Wie müde und abgekämpft er nach unzähligen Gängen und tausenden Kilometern war, weiß nur er selbst."