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3,50 Euro pro Kind: Schulessen muss billig sein: Warum die Politik daran bislang nichts ändern möchte

3,50 Euro. Mehr darf ein Mittagessen in Hamburger Schulen nicht kosten. Der Druck ist enorm, die Caterer kämpfen seit gut zwei Jahren dafür, dass der Schulsenator 50 Cent drauflegt. Der argumentiert gegen die Erhöhung.

Nicht mehr als 3,50 Euro darf ein Mittagessen an Hamburgs Schulen kosten. Viel zu wenig, finden die Caterer. Die Schulbehörde vertröstet. (Symbolbild)

Nicht mehr als 3,50 Euro darf ein Mittagessen an Hamburgs Schulen kosten. Viel zu wenig, finden die Caterer. Die Schulbehörde vertröstet. (Symbolbild)

DPA

Als erste in die Mittagspause dürfen die Jüngsten. Die Fünft- und Sechstklässler. Schnell bildet sich eine Schlange vor der Glastür der Schulkantine im Gymnasium Hoheluft in Hamburg. Die Schüler tragen die Karte, mit der sie gleich ihr Mittagessen abrechnen, mit einer Kordel um den Hals. Der Ansturm ist groß - und die Essenswahl der Schüler recht ähnlich.

Heute gibt's panierten Fisch mit Kartoffelpüree oder Quesadillas, die man sich selbst rollen darf. Auf den Tellern landet Kartoffelpüree pur oder Quesadilla mit Fleisch und etwas Käse. Die meisten Kinder machen einen Bogen um die bunte Salattheke mit Rote Bete, Gurken, Antipasti aus Zucchini, Auberginen und hartgekochten Eiern. Dafür greifen sie tüchtig beim Nachtisch zu. Es gibt Donuts.

Schulessen ist nicht nur Essen in Schulen, sondern auch Politik. Denn die gibt vor, wie viel ein Essen pro Kind und Tag kosten darf. Es sind genau drei Euro und fünfzig Cent. Brutto. Der Preis wurde 2012 vom Schulsenator Ties Rabe (SPD) festgelegt. Und genau hier liegt das Problem.

Die Preise sind gestiegen, die Vergütung nicht

Für drei Euro und fünfzig Cent müssen nicht nur Lebensmittel gekauft und gekocht, sondern auch weitere Kosten abgeglichen werden: Beispielsweise die Ausgabe des Essens durch Mitarbeiter des Caterers vor Ort, der Abwasch des Geschirrs, die Reinigung der Küchen, das Bestell- und Abrechnungssystem, eine Kundenhotline, Entsorgungskosten für Speisereste und die aufwändige Abrechnung mit der Schulbehörde. Seit der Festlegung von 3,50 Euro sind jedoch acht Jahre vergangen. Die Preise sind seit 2012 um 21,5 Prozent gestiegen. Darin sind sich nicht nur die Caterer einig, sondern auch die Hamburger Schulbehörde. "Wir spüren einen enormen Kostendruck", sagt Okan Saiti, der die Cateringfirma "Mammas Canteen" betreibt.

Das Konzept von "Mammas Canteen" sieht vor, dass viel mit Fachpersonal und nicht mit Minijobbern gearbeitet wird, um Personalkosten zu drücken. Auch Volker Jahr von "Kinderwelt Hamburg e.V.", ein Caterer, der zu 100 Prozent Bio-zertifiziert ist, sieht die größte Herausforderung beim Personal: "Wir setzen voll auf Fachpersonal, das ist sowieso schon schwierig zu finden, und kostet natürlich dementsprechend. Aber nur so können wir frisch für die Kinder vor Ort kochen."

Aus diesem Grund sind Saiti, Jahr und sieben weitere Caterer auch Mitglied der "Initiative Hamburger Caterer", sie kochen 70 Prozent des Schulessens in Hamburg - und fordern vom Schulsenator 50 Cent mehr. Von dem wiederum fühlen sich die Caterer hingehalten: "Seit 2018 sind wir im Dialog mit dem Schulsenator Ties Rabe, der sagte uns dann im Juni 2019, dass er sehr zufrieden mit der Qualität der Hamburger Schulcaterer sei und auch einen Handlungsbedarf sehe." Getan hat sich bislang noch nichts.

Fanny H. 

Woran liegt das? Die Schulbehörde stellt sich momentan noch stur und verweist auf Essenspreise in anderen Großstädten, beispielsweise in Kiel. Dort liege der Preis viel niedriger, bei 2,40 Euro und 2,80 Euro. Tatsächlich ist das nicht ganz richtig: Die Eltern zahlen zwar den genannten Preis, die Caterer aber erhalten mehr. Ganze 4,60 Euro bis 5 Euro sogar. Der Differenzbetrag wird durch die Stadt getragen. 

Der Schulsenator steht nicht für ein Gespräch zur Verfügung

Der stern wollte persönlich mit dem Schulsenator sprechen. Doch auch die Presse wird vertröstet: Man könne leider bis zu den Bürgerschaftswahlen am 23. Februar keinen Termin mit Ties Rabe anbieten. Auf eine Email mit konkreten Nachfragen zum Thema Schulspeisung in Hamburg, antwortet die Schulbehörde nur mit einem Newsletter vom 10. Januar. Darin, so ein Sprecher, werden alle wichtigen Punkte behandelt.

Beispielsweise steht darin, dass die Schulbehörde Bedingungen an die Preiserhöhung knüpft: Erst soll die Qualität steigen, dann gebe es eine höhere Vergütung. Dazu seien bisher nicht alle Unternehmen bereit, so der Vorwurf der Schulbehörde. Die unterstellt den Caterern außerdem, dass "sie höhere Preise ohne verbindliche Qualitätsverbesserungen über die Medien durchsetzen" wollen. "Das ist irritierend", sagt Amedeus Hajek, Geschäftsführer von Alsterfood, der nicht nur Schulen mit Essen beliefert, sondern auch Firmenkantinen betreibt. "Im Gespräch hat der Senator gesagt, dass er sehr zufrieden mit unserer Qualität sei und wir ihm damit sogar den Rücken freigehalten hätten, weil es nie ernsthafte Probleme gegeben habe. Aber plötzlich geht es wieder um die Qualität, die wir angeblich verbessern müssen? Da fühle ich mich persönlich angefasst."

Um zu ermitteln, wo die tatsächlichen Kosten für den Caterer liegen, wurde eine bundesweite Studie zu Kosten und Preisstrukturen in der Schulverpflegung (kurz "KuPS-Studie") in Auftrag gegeben. Ein guter Weg, um herauszufinden, ob die Preiserhöhung, die die Caterer in Hamburg fordern, wirklich gerechtfertigt ist. Bis zum Erscheinen der Studie sollten die Caterer abwarten, so damals der Konsens der Hamburger Schulbehörde. Ende 2019 lag diese schließlich vor. Die Studie kommt zum Ergebnis, dass die Kosten für den Caterer zwischen 4,23 Euro und 5,73 Euro liegen.

Damit gibt es eigentlich keine Diskussionsgrundlage mehr. Und trotzdem hält die Hamburger Schulbehörde die wissenschaftliche Studie, die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) beauftragt wurde, für Hamburg nicht anwendbar und kündigt eine erneute Untersuchung durch eine Unternehmensberatung an. Die Hamburger Caterer verstehen das nicht. "Die Kalkulation ist durch die 'KuPS-Studie' hinlänglich belegt", sagt Volker Jahr von Kinderwelt e.V. "Ich weiß nicht, warum eine Hamburger Studie notwendig ist. Ich sehe keinerlei Grund, warum vom Senat der seit acht Jahren unveränderte Essenspreis nicht angepasst werden kann."

Keine Preiserhöhung wegen Wahlkampf?

Aus dem Newsletter, den der Schulbehörden-Sprecher dem stern schickte, geht der Grund, warum die Studie nicht auf Hamburg anwendbar ist, leider nicht hervor. Wie die "taz" berichtet, sei die Essenspreiserhöhung offenbar kein gutes Thema im Wahlkampf. Obwohl das Geld für die Preiserhöhung eigentlich da sei. Denn seit August 2019 erstattet der Bund über das "Starke-Familien-Gesetz" die Essensbeiträge für die knapp 47.000 Kinder aus Hartz-IV-Familien vollständig. In den Jahren zuvor musste Hamburg einen Euro pro Kind und Mahlzeit dazu bezahlen. Mit der Summe könnte man die Preiserhöhung für alle Kinder auf vier Euro subventionieren, argumentieren die Caterer. Die Schulbehörde aber hält von dem Vorschlag nichts, denn das Geld sei "dringend nötig", um Verbesserungen in der Inklusion zu finanzieren, schreibt die "taz". Hamburg stehe "beim Schulessen sogar sehr gut da". Die "KuPS-Studie" basiere auf Rechnungen, die nirgendwo umgesetzt würden, so die Schulbehörde. Die Stadt Berlin wiederum hat gerade den Essenspreis von 3,25 Euro auf über vier Euro erhöht.

Die Hamburger Caterer trommeln deshalb jetzt noch lauter - und forderten bereits zum 1. Februar eine Art "Not-Preiserhöhung" von 50 Cent. "Natürlich bleiben wir dann auch weiter im Dialog, um Qualitätsanforderungen einzuhalten und Standards festzulegen", sagt Amedeus Hajek. "Am Ende aber geht es um die Kinder." 

Das nächste Gespräch mit den Caterern und der Hamburger Schulbehörde findet am 5. Februar statt.

Update: Die Hamburger Schulbehörde hat sich im Streit über die Essenspreise mit den Lieferanten der Schulkantine geeinigt - und will die Qualität des Essens verbessern. Ab August 2020 wird der Preis für ein Mittagessen von 3,50 Euro auf 3,90 Euro angehoben, das teilte die Behörde am Freitag (21. Februar) mit. Ob die Stadt auch ab 2021 für die Preissteigerungen aufkommt, ist unklar. Das werde später entschieden, so der Schulsenator Ties Rabe.