Serie "9 Milliarden. Wie werden alle satt?" Wie man Fische besser züchtet


Tilapia und Lachs statt Rind und Hühnchen: Immer mehr von unserem Essen wächst künftig im Wasser. Doch wie werden wir alle satt im Jahr 2050? Sind Aquakulturen die Lösung?
Von Joel K. Bourne, Jr.

Seit 1980 hat sich die Produktion aus Aquakulturen vervierzehnfacht. Und die Nachfrage wird weiter steigen, sagen Experten: um mindestens noch ein Drittel. "Wildfänge können den Bedarf in den zum Teil überfischten Ozeanen nicht mehr decken", sagt Rosamond Naylor, Expertin für Lebensmittelpolitik und Aquakultur an der Universität Stanford. Das zusätzliche Angebot wird ihrer Meinung nach fast ausschließlich aus Fischfarmen stammen.

Die "blaue Revolution" hat es möglich gemacht, die Gefriertruhen der Supermärkte mit billigen Shrimps, Lachs und Tilapia zu füllen. Aber oft mit ähnlichen Nebenwirkungen wie die Landwirtschaft auf dem Trockenen: Zerstörung von natürlichem Lebensraum, Wasserverschmutzung, Sorgen um die Sicherheit der Nahrung.

Lösung: Hunderprozentige Kontrolle

Die Lösung des Tilapia­ Farmers Bill Martin: Er züchtet die Fische nicht in Netzgehegen in Seen oder im Meer, sondern in eigenen Becken an Land. "Netzgehege sind oft ein Vabanquespiel", sagt er. "Da gibt es Parasiten, Krankheiten, ausgebrochene und tote Tiere. In unseren Becken haben wir alles hunderprozentig unter Kontrolle, ohne Auswirkungen auf die Umwelt, auf die Ozeane".

Pionierarbeit für Aquakultur?

Dreizehn Kilometer vor der Küste Panamas geht Brian O'Hanlon den anderen Weg. Der mit 34 Jahren noch junge Präsident des Unternehmens Open Blue setzt auf den offenen Ozean. Zwanzig Meter unter der kobaltblauen Oberfläche der Karibik drehen 40000 Cobias hypnotische Pirouetten im Inneren eines riesigen rautenförmigen Fischkäfigs.

Lachszuchtanlagen liegen meistens in geschützten Buchten nahe der Küste, über O'Hanlons Käfigen dagegen brechen sich manchmal sechs Meter hohe Wellen. Aber genau diese Wasserbewegung ist wichtig: Strömungen und Wellen führen ständig frisches Wasser zu, spülen Ausscheidungen und Erreger fort. Bisher musste O'Hanlon seine Cobias noch nie mit Antibiotika behandeln. Trotzdem musste er seine Zucht in Panama aufbauen. In den USA bekommt er dafür keine Genehmigung. O'Hanlon ist dennoch überzeugt, dass er Pionierarbeit für die Aquakultur leistet.

Fleischfressende Farmfische

Eines haben die Fische – ob in Zuchten vor der Küste oder in Becken an Land – immerhin gemein: Sie müssen gefüttert werden. Und im Vergleich zu Rindern oder Schweinen haben sie einen großen Vorteil: Sie brauchen viel weniger Futter, um Fleisch anzusetzen. Aquakulturen – besonders von Allesfressern wie Tilapia und Karpfen – benötigen also viel weniger Ressourcen, um den Fleischhunger von demnächst neun Milliarden Menschen zu sättigen.

Auf der anderen Seite haben manche Farmfische, die zahlungskräftigen Verbrauchern besonders gut schmecken, auch einen schwerwiegenden Nachteil: Sie sind selber Fleischfresser. Aquakulturen verbrauchen heute fast doppelt so viel Futterfisch wie noch im Jahr 2000.

Zehnmal so viel Fisch wie vor 20 Jahren

Für unseren Planeten könnte es sogar wichtiger sein, wie man Zuchtfische füttert, als die Frage, wo man sie züchtet. "Der Versuch, auf küstenferne Gewässer oder das Land auszuweichen, kommt nicht daher, dass wir in Küstennähe nicht genug Platz hätten", sagt Stephen Cross, ein Wirtschaftsgeograph, der die Aquakulturbranche Kanadas lange Zeit in ökologischen Fragen beraten hat. Er weiß, dass die Wasserverschmutzung durch küstennahe Lachsfarmen die ganze Industrie in ein schlechtes Licht gerückt hat.

Viele Skeptiker würden noch nicht akzeptieren, dass die Betreiber von Lachsfirmen dazugelernt hätten. Sie produzierten heute zehnmal so viel Fisch wie vor 20 Jahren, würden das Wasser viel weniger verunreinigen. Er selber probiert vor Vancouver Island etwas aus, das noch weniger Schäden anrichtet. Die Anregung dazu hat er aus dem alten China. Dort betrieben Bauern schon vor mehr als 1000 Jahren eine raffinierte Mischkultur mit Karpfen, Schweinen, Enten und Gemüse.

In einem Fjord an der Küste von British Columbia hat Cross seine eigene Mischkultur aufgebaut. Statt Karpfen hält er dort Kohlenfische, im Handel auch Black Cod genannt. In Strömungsrichtung, ein Stück von ihren Käfigen entfernt, hat er Körbe mit Kammmuscheln, Jakobsmuscheln und Austern aufgehängt, die sich von den Ausscheidungen der Fische ernähren. Neben den Körben lässt er lange Reihen von Zuckertang wachsen. Die Algen filtern das Wasser noch weiter und verwandeln nahezu die gesamten restlichen Nitrate und den Phosphor in Biomasse um.

"Wir brauchen Qualität, Vielfalt, Nachhaltigkeit"

Am Meeresboden, 25 Meter unter den Fischkäfigen, fressen Seegurken – die in China und Japan als Delikatesse gelten – die schwereren organischen Abfälle auf, die hier herabsinken. Abgesehen von den Kohlenfischen, sagt Cross, könnte man sein System in alle bestehenden Fischfarmen integrieren. Es würde als riesiger Wasserfilter dienen, der zusätzliche Lebensmittel – und damit zusätzlichen Gewinn – produziert.

"Ohne Aussicht auf Profit würde niemand eine Fischfarm betreiben", sagt er bei einem Teller mit gedünstetem Kohlenfisch und Jakobsmuscheln, so groß wie Kekse. "Aber man kann nicht nur auf Masse setzen. Wir brauchen auch Qualität, Vielfalt und Nachhaltigkeit."

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