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Unkonventioneller Bauer aus der Oberpfalz: Arbeiten und leben unter Zicken

In der Oberpfalz gilt nur als echter Bauer, wer Kühe hat. Einem Landwirt ist das egal: Er hält Ziegen, spielt Tuba und verehrt Bob Marley. Das Ergebnis: beste Milch, feinstes Fleisch, verrückte Musik.

Von Felix Hütten

Chill-out im Ziegenstall. Sebastian Meiers Tiere tragen Namen wie Lady Gaga, Banane oder Blödi.

Chill-out im Ziegenstall. Sebastian Meiers Tiere tragen Namen wie Lady Gaga, Banane oder Blödi.

Hier an der Wand gehören sie zusammen: zwei Persönlichkeiten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Ludwig II., König, Schlossbauherr und bayerischer Exzentriker – und Bob Marley, Rebell und Querdenker mit Frieden im Herzen. Die Porträts hängen nebeneinander in der Instrumentenwerkstatt, beide mit einem Lächeln auf den Lippen, stolz, selbstbewusst. Zwischen ihnen steht Sebastian Meier: Rastazöpfe unter roter Wollmütze, grüne Arbeitshose, und bläst in eine Tuba.

Meier ist Bio-Landwirt und Blechblasinstrumentenbaumeister. Im Licht der Deckenlampen glänzt das Messingblech seiner Trompeten, rundherum Hunderte Einzelteile, feine Schraubenzieher. Mit Ehefrau und Vater lebt Sebastian Meier auf seinem Hof in Stockau, ein Dorf in der Oberpfalz, ein paar Hundert Menschen, viele Trecker, viel Wald, viel Gülle. 200 Ziegen hält Meier. "Verrückt sans", sagen die Dorfbewohner. "Auf eine positive Art natürlich, gell?" Blasmusik, Ziegenzucht – das soll ein echter Bauer sein? Der hat ja nicht mal eine Kuh!

"Echte Bauern" haben Kühe

Vor drei Jahren war Meier noch "echter Bauer", da hatte er noch Kühe. Dann aber kamen strenge Bio-Auflagen: Der Stallboden sei zu hart, Bio-Rinder hätten auf Heu zu stehen, nicht auf Beton. Ein Umbau kam für ihn nicht infrage: zu teuer, zu aufwendig. Sebastian Meier verkaufte seine Kühe. Jetzt melkt Meier Bio-Ziegen. Deutsche Edelziegen, um genau zu sein, und ein paar Thüringer Waldziegen. Es ist sechs Uhr, als Sebastian Meier seine Rastazöpfe zum Knäuel verzurrt. Ausschlafen ist nicht, nie. Seine Ziegen scharren schon, meckern, reiben ihre Hörner am Gatter, ihre Euter sind prall. Die Damen sind unter sich – Jockl, der Bock, ist in der Nacht in den Nachbarstall ausgebüxt. Bevor Meier die Melkanlage anschaltet, muss er ihn wieder einfangen. Jockl ist wild auf junge Dinger, aber Lady Gaga und Banane sind gerade erst ein paar Wochen alt.

Ihm fallen keine gewöhnlichen Namen mehr ein, behauptet Meier. Aber wenn er ehrlich ist, macht er sich einen Spaß daraus: ein zarter Protest gegen das traditionelle Landleben, der Bob Marley in ihm. Einmal im Jahr gebären seine Ziegen. "Wir sind hier kein Streichelzoo", sagt Meier. Die weiblichen Zicklein bringen später Milch, die männlichen werden acht Wochen lang gefüttert, dann ist Schluss. "Klingt grausam", sagt Meier, "aber so ist das nun mal."

Nach dem Melken treibt Meier die Ziegen aufs Feld und holt Franz-Josef aus dem Kühlschrank. Acht Wochen wurde er alt, jetzt liegt er auf einem Holztisch im Freien. Ein Krachen, zwei Hälften. Am Tischrand tastet sich Blödi vor, schnuppert, sieht zu, wie der Ziegenbauer das Rückenfilet von Franz-Josef auslöst. "Kaum ein Tier ist jünger als das Milchzicklein, wenn es geschlachtet wird", sagt Meier. Wenn er Zeit hat, kocht Meier gern, mit Gemüse aus dem Garten, und am liebsten mit Ziegenfleisch. Auf Flohmärkten sucht er nach Kochbüchern aus der Vorkriegszeit mit längst vergessenen Ziegenrezepten.

Viel dran an so einer Ziege. Von links nach rechts: Keulen, Rücken, inklusive Brust und Hals, ausgelöste Filets und die beiden Schulterstücke. Das Fleisch ist hellrosa, zart und aromatisch.

Viel dran an so einer Ziege. Von links nach rechts: Keulen, Rücken, inklusive Brust und Hals, ausgelöste Filets und die beiden Schulterstücke. Das Fleisch ist hellrosa, zart und aromatisch.

Das Fleisch der Milchzicklein, der nicht geschlechtsreifen Böcke, ist besonders hell, fein strukturiert, nahezu fettlos – aber gar nicht streng im Geschmack. Es ist kaum vergleichbar mit dem Fleisch anderer Tiere, am ehesten noch mit Wild. Pur und würzig, ein Eigengeschmack, der an milden Ziegenkäse erinnert. Zu fressen bekommen Meiers Ziegen Heu, im Sommer gibt es frisches Gras, Gerste- und Haferschrot sowie Ackerbohnen dazu, alles selbst angebaut.

Leben muss er von der Milch

38 Euro verlangt Delikatessenriese Dallmayr am Münchner Marienplatz für ein Kilo von Meiers Ziegenfleisch, zehn Euro davon bekommt Meier. "Verlustkompensation", sagt er. Leben muss er von der Milch: 180 Liter am Tag zapft er seinen Tieren ab, zweimal die Woche verlässt ein Tankwagen den Hof. In Zeiten von Laktoseintoleranz läuft das Geschäft ganz gut: Ziegenmilch ist laktosearm. Eine Hofkäserei nimmt ihm die Milch ab, knapp 80 Cent für den Liter bekommt Meier. Zu wenig, sagt er, um die Arbeit zu rechtfertigen. Zu viel, um die Ziegen aufzugeben. Der Ludwig II. in ihm lässt sich nicht aus der Ruhe bringen auf dem hart umkämpften Milchmarkt. Bald will er eine eigene Käserei bauen.

Meier mäht frischen Klee: Abendessen für die Tiere. Er könnte sich viele andere Leben vorstellen, sagt er auf dem Traktor. Aber tauschen will er nicht. Als die Sonne längst hinter dem Wald am Hof verschwunden ist, muss Meier noch mal melken: Emma, Blödi und Oboe sind noch dran. Bald 13 Stunden ist Meier auf den Beinen, hat kaum etwas gegessen. Gleich will er noch kochen, Graupenrisotto mit Ziegenfleisch. Franz-Josef wird den Meiers heute Abend noch schmecken.