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unsicht-Bar: Licht aus, Geschmack an

Nach Berlin und Köln erhält nun auch Hamburg ein Dunkelrestaurant. Gäste sollen sich selbst und ihre Umgebung in vollkommener Dunkelheit anders wahrnehmen. Die temporäre Blindheit macht den Restaurantbesuch zu einem fühlbaren Geschmackserlebnis.

Von Monique Berends

Zwar hatte ich als Kind keine Angst im Dunkeln, aber darin zurechtfinden kann ich mich dennoch nicht. Ich laufe ja schon gegen die Wand, wenn ich nachts ins Bad muss. Ein bisschen Mut muss ich also schon aufbringen, um mich der gastronomischen Dunkelheit auszusetzen. In der unsicht-Bar in Hamburg werde ich herausfinden, wie es ist, ohne Sehvermögen klar zu kommen. Die Idee der Betreiber ist es, "normalen" Menschen während des Essens die Blindheit näher zu bringen und sie erfahren zu lassen, wie es ist, sich nur auf Hör- und Tastsinn verlassen zu können. Etwas karg ist der Empfang der unsicht-Bar. Wenige Holzstühle, zwei Tische, schlichte Dekoration. Aber auf Optik kommt es hier ja nicht an. Die blinden Kellner wird es ohnehin nicht stören, die Wahrnehmung mit den Augen spielt für sie keine Rolle.

Die Gäste suchen im beleuchteten Empfangsbereich ihr Menü - man kann zwischen vegetarischem Essen, Fisch, Käse, Lamm, Geflügel und einer Überraschung wählen. Ich entscheide mich für das Motto "Augen zu und durch" und habe keine Ahnung, welches kulinarische Highlight mich auf meinem Teller erwartet.

Unsere Kellnerin Janine führt mich und meine zwei Mitstreiter Andrea und Lorenz als Vier-Mann-Polonaise durch die Schleuse ins Restaurant. Es ist wichtig, dass wir uns mit Vornamen ansprechen können, da Gesten und Blicke hier flach fallen. Vor uns liegt die Tür in die Dunkelheit, hinter uns das Tor ins Licht. Die Tür wird geschlossen und schon fühlen sich alle etwas hilflos. Wo bin ich, wohin gehe ich? Die Augen müssen sich kurz an die Dunkelheit gewöhnen, an dem Geräusch, wie ihr Arm an der Kleidung entlang streift, merke ich, dass Janine zum Stuhl deutet: "So Monique, vor Ihnen steht ein Stuhl. Setzten Sie sich bitte bis auf eine Handbreit an den Tisch. Das verhindert das Kleckern." Leichter gesagt als getan. Ganz automatisch tasten die Hände ins Nichts, um die Lehne zu fassen zu kriegen. Bloß nicht hinfallen, das wäre ja peinlich. Ach was, sieht ja eh keiner.

Konversation frei von Gestik und Mimik

Stocksteif sitze ich dann am Tisch, Andrea und Lorenz scheint es nicht anders zu gehen. Die Unbeweglichkeit ist quasi greifbar. Wir bestellen das Überraschungsgetränk, ein vorsichtiges Schnuppern hilft mir nicht wirklich weiter. Nach dem ersten Schluck schmecke ich, dass es Melonenlimonade ist, Mich schüttelt's ein wenig - zu süß, zu künstlich. Am Nebentisch rumpelt es, ich denke noch "Vorsicht" und schon scheppert's.

Am Nachbartisch ist einer der Kurzzeit-Blinden wohl etwas übermütig geworden und hat seine Flache umgekippt. Ich kann gar nicht anders als schadenfroh zu lachen. Wir sind wirklich wie Elefanten im Porzellanladen.

Auch ein blindes Huhn findet mal ein Baguette

Der erste Gang kommt. Janine tastet nach meiner Schulter und platziert den Teller direkt vor mir. Ganz instinktiv fasse ich mit den Handflächen darauf um festzustellen, ob es warm oder kalt ist. Patsch, voll ins Pesto. Wenigstens weiß ich jetzt, dass ich mich auf etwas halb Flüssiges vorzubereiten habe. Ich taste weiter und entdecke, dass es sich auf meinem Teller um drei unterschiedlich bestückte Baguettescheiben handelt. Ohne zu wissen, was genau drauf ist, führe ich eine der Scheiben zum Mund. Ich kann mich nicht überwinden, rein zu beißen.

Was, wenn ich es nicht mag? Was, wenn die uns hier Insekten auftischen? Schnell verwerfe ich den Gedanken und beiße rein in das Brotvergnügen. Pesto gut, Baguette gut, etwas Viereckiges obendrauf... seltsam. Was ist das bloß? Ich bin erstaunt darüber, dass meine Geschmacksnerven mich angesichts des fehlenden Lichts so im Stich lassen. Ich versuche es noch einmal, vergebens. Ich kann ohne mein Sehvermögen nicht definieren, was ich da gerade esse. Nur, dass es schmeckt, weiß ich genau.

Das dunkle Gruseln im Mund

Mich überkommt ein leises Schaudern, als ich das nächste Stück versuche. Als Butter- und Margarinenhasser verschmähe ich das Canapé und taste hilflos nach meiner Serviette, um mir den Mund abzuwischen. Meine eigene Schuld, muss ich halt nicht so pingelig sein. Ein Schluck Melonenlimonade spült das Drama runter.

Janine deckt ab, wir warten auf den nächsten Gang. Sie fragt nach Getränkewünschen, und ob wir uns wohl fühlen. Tun wir. Ich höre, wie sie die Tasten eines Telefons tippt. Was macht sie denn da? "Ich telefoniere, ob der nächste Gang fertig ist." Um nicht ständig hin- und herzulaufen, kommunizieren die Kellner über Handys mit der Küche. Wenn das Telefon klingelt, holt Janine den Servierwagen aus der Küche und kann loslegen. "Die Küche ist fertig. Wir können das Essen holen."

Der nächste Gang steht vor mir. Ich kann mich nicht beherrschen und fasse unanständigerweise erneut aufs Essen. "Blinde machen das nicht so," erzählt mir Janine. "Wir benutzen unser Besteck, um Konsistenz und Größe der Portion zu testen." Auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen. Es scheint, als hätte ich mit meinem Sehvermögen auch meine Manieren draußen abgegeben.

Das große Nacht-Tisch-Raten

Mit dem freundlichen Rüffel im Nacken greife ich also nach Messer und Gabel. Es ist warm. Und weich. Patsch, und wieder mit den Händen drauf. Mein Teller muss wie ein Schlachtfeld aussehen, das was ich da gerade zerschneide, scheint aber nicht mehr zu leiden. In den Mund und... hmmm lecker. Süß ist es, mit Rosinen und Quark. Schnell erkenne ich, dass wir uns kulinarisch in Österreich befinden, aber mir will nicht einfallen, was genau es ist. "Das erfahrt ihr später." Mehr bekomme ich nicht aus Janine heraus.

Wir nähern uns dem Ende. Zum Abschluss gibt es wahrhaft noch eine kleine Überraschung: Ü-Eier für alle. Ich habe Glück - in meinem Überraschungsei ist eine kleine Figur versteckt. Ich muss also nichts mehr zusammenbauen. Meine Tischnachbarn dagegen kämpfen mit einem Auto und etwas Undefinierbarem. Später wird uns Lorenz das Auto zeigen, das er tatsächlich im Dunkeln zusammengebastelt hat, und wir werden beeindruckt sein.

Janine führt uns wieder zu einer Polonaise zusammen, langsam gehen wir zurück ins Licht. Es tut weh in den Augen, alles ist plötzlich gelb. Sehen ist ein Fluch. Nein, nicht wirklich. Aber blind sein eben auch nicht. Das Konzept ist aufgegangen. Nur weil manche Augen ins Leere blicken, heißt es noch lange nicht, dass sie nichts erkennen. In der unsicht-Bar sieht man die Welt eben einfach nur etwas anders.

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