HOME
stern-Serie

Deutschlands schönste Weingebiete: Alles andere als lieblich: Für die Weinlese muss man sich an der Mosel fast anseilen

Steilvorlage: Der zweite Teil der stern-Serie über Deutschlands schönste Weingebiete führt an Hänge so schräg, dass man sich bei der Lese fast anseilen möchte

Von David Baum

"Strom, der kein Geheimnis kennt", so besang der Dichter Ausonius um 371 der Mosel klares Wasser. Darüber thront die Burgruine Metternich

"Strom, der kein Geheimnis kennt", so besang der Dichter Ausonius um 371 der Mosel klares Wasser. Darüber thront die Burgruine Metternich

stern

Mit bedeutungsvollem Gesichtsausdruck zeigt Horst Frieden zum Deckengewölbe seines Weinkellers: "Sehen Sie das?" Man schaut und wundert sich, denn da schimmert es bloß schwarz und grau. Ist das Schimmel? "Ganz genau!" , freut sich Horst Frieden und beugt sich verschwörerisch nach vorn. "Hab ich persönlich abgekratzt in Kellern der Champagne, nicht ganz legal, aber sehr hilfreich!"

So muss eine perfekte Weinreise wohl beginnen – mit einem Prachtexemplar von Moselwinzer, der einen gleich in die wundersamen Geheimnisse seines Schaffens einweiht. Etwa in die Wirkung dieser "sauberen Schimmelkulturen" , welche der Spontangärung seiner Weine zuträglich sind. Horst Frieden und Sohn Max stehen geradezu phänotypisch für ihre Region. Man blickt auf eine lange Familientradition im Weinbau zurück, die leider nicht weiter zurück als bis Mitte des 18. Jahrhunderts belegbar ist, da alle älteren Dokumente mit dem Einmarsch des verdammten Napoleons verbrannt wären. Obwohl: nichts Schlechtes über Franzosen und schon gar nicht Luxemburger, denen man gegenüber – auf der anderen Flussseite – in die Wohnzimmer schauen kann. "Wir sind Lothringer und Teil des Pariser Beckens!", sagt Frieden senior. Dieser Fluss soll keine Grenze sein.

Noch vor Jahren galt die Region selbst als angeschimmelt. All die Billigtouristen, die sich den lieblichen Moselwein in die Kehle leerten, hatten der Gegend den Ruf beschert, ein Rentnerballermann zu sein. Ganz so, als hätte jemand die kreuzfidele Schunkelzeit der Wirtschaftswunderjahre eingefroren.

Den Friedens gilt es heute als Glücksfall, dass ihr kleiner Ort Nittel nie als schnuckelig genug galt, um dieses Klientel anzuziehen.Horst Frieden hatte den Betrieb mit großteils Fassweinproduktion übernommen. Wo Kühe und Kälber standen war das Flaschenlager errichtet worden. Aber er hat früher als andere an sein Produkt geglaubt – und an die natürliche Spontangärung des Weins, die weniger planbar ist, eigensinnig, aber im Idealfall individuell. Er reiste zu den großen Namen der Gastronomie, nach Hamburg – ins berühmte Landhaus Scherrer. "Ich setzte mich ins Restaurant und investierte in ein Menü, das ich mir nicht leisten konnte, und sagte dem Kellner, er möge dem Chef ausrichten, ein junger Winzer würde um ein Gespräch bitten." Eine Viertelstunde habe der Spitzengastronom Heinz Wehmann ihm widerwillig gewährt – aus der mehrere weinselige Stunden werden sollten. Beim Wein wie beim Weinbauer gilt: Auf den Charakter kommt es an. 

Bei Kröv ist eine der berühmtesten Moselschleifen zu bewundern. Die Ansicht ziert seit 2016 eine Briefmarke.

Bei Kröv ist eine der berühmtesten Moselschleifen zu bewundern. Die Ansicht ziert seit 2016 eine Briefmarke.

stern

Eine Region wie ein Gedicht

Wenn sich frühmorgens die Mosel dampfend aus ihrem Bett erhebt und ihre Nebel über die Ufer schickt, möchte man spontan über das Naturschauspiel dichten können. Nicht umsonst hat ein begabter Verwandter der Friedens den Spruch "Wine is bottled Poetry" an die Wände des Weinkellers gesprayt. Viele sind diesem Drang erlegen – schon in der Römerzeit. "Man sieht durch deinen glatten Spiegel hinab, Strom, der kein Geheimnis hat", schwärmte der Dichter Ausonius um das Jahr 371 in seiner "Mosella" und ließ Flussnymphen in "rebgrünen Hügeln" naschen. Natürlich zählt auch Goethe zu den Reihen der Moselreimer sowie Tucholsky, der sich langsam den Fluss hinabgesoffen hatte, bis der Wein bei Koblenz "Papa und Mama" sagen konnte, "wir aber nicht mehr".

Auch gelehrte Geister saufen gern. Friedrich Engels soll stets einen Teil seiner "schlanken Männer" – womit die Moselweinflaschen gemeint waren – an den Kollegen Marx nach London abgetreten haben. Der stammte selbst aus einer Familie, die sich von Trier aus im Weinbau versucht hatte. Heute steht der alte Marx mit steinerner Miene unweit der Porta Nigra. Das Denkmal hat ihm die Volksrepublik China zum 200. Geburtstag gesetzt. Chinesische Touristen strömen zu Hauf nach Trier, um des Philosophen Statue zu bestaunen. Sowie den eigenartigen Einfall, den Verfasser des "Kommunistischen Manifests" als Ampelmännchen zum Einsatz zu bringen.

Dies gilt nicht als einziges Mysterium zwischen römischen Mauern und Fachwerkfassaden der Moselmetropole. Staunend betrachten Touristen die Tafeln hinter dem Tresen der Weinstube Kesselstatt. Geduldig übersetzt der Wirt, was es mit "Hobelkäse Sbrinz" und "Himmel un’ Äd" auf sich hat. Dabei ist die eigentliche Attraktion des Lokals der Riesling aus dem Weingut Reichsgraf von Kesselstatt. Glücklich sitzen die Urlauber dann im weinumrankten Gastgärtchen, picken in dem merkwürdigen Käsegericht und glotzen romantisch auf den Dom.

Nur 15 Kilometer von Trier entfernt, residiert das alte Weingut im Schloss Marienlay bei Morscheid. Die Adelsfamilie von Kesselstatt existiert noch, hat aber den Betrieb in den Siebzigern verkauft. Zu den heutigen Betreibern besteht Kontakt – vor allem, wenn es um sensible Angelegenheiten geht, wie das Design der Etiketten. "Mit ihrem Wappen sind die Herrschaften naturgemäß sensibel", sagt Mona Steffen, eine von drei Geschäftsführerinnen. Für sie und ihre beiden Kollegen Wolfgang Mertes und Michael Weber gelten nicht die alten Ritter, die das Weingut im 14. Jahrhundert als Mundschenke des Kurfürsten begründeten, als wichtigste Ahnen – sondern eine moderne Frau: Annegret Reh-Gartner war eine der Ersten, die ein bedeutendes Weingut führte und den Weinbau bis heute prägt. "Sie war eine Legende", sagt Steffen, die von Reh-Gartner ein Jahr vor deren Krebstod 2016 ins Unternehmen geholt worden war. "Liebevoll sagen die Leute, dass sie einen so zusammenfalten konnte, dass man ihr dankbar war." Die wichtigste Innovation der Matronin war die Durchsetzung des Begriffs "feinherb". 

Winfried und Sigrid Reh mit Sohn Lukas. Die Hänge, die die Winzerfamilie bewirtschaftet, sind so steil, dass manchem Saisonarbeiter bei der Lese schwindelig wird.      Tipps  Unterkünfte, Weingüter, Lokale und mehr an der Mosel      Übernachten  Moselschlösschen: Die Zimmer in dem Gebäude von 1901 sind modern eingerichtet. Blick auf die Mosel. DZ/F ab 124 Euro, Traben-Trarbach, An der Mosel 15, Tel. 06541/83 20, www.moselschloesschen.de  Wein- und Tafelhaus: Wer sich hier einquartiert, schaut auf die berühmte Steillage der Trittenheimer Apotheke. Gutbürgerliche Küche. DZ ab 98 Euro, Trittenheim, Moselpromenade 4, Tel. 06507/70 28 03, www.wein-tafelhaus.de  Richtershof: kuscheliges Traditionshaus mit gut sortiertem Weinkeller. DZ/F ab 165 Euro, Mülheim an der Mosel, Hauptstraße 81–83, Tel. 06534/ 94 80, www.weinromantikhotel.com      Essen und trinken  Weingut Frieden-Berg: Verkostung in der Wein Kost Bar. Nittel, Weinstraße 19, Tel. 06584/990 70, www.frieden-berg.de  Weingut Reh: Verkostung nach Terminabsprache. Schleich, Weierbachstraße 12, Tel. 06507/991 10, www.weingut-reh.de  Weinstube Kesselstatt: Gegenüber dem Dom von Trier werden regionale Speisen und Weine des Guts Reichsgraf von Kesselstatt serviert. Trier, Liebfrauenstraße 10, Tel. 0651/411 78, www.weinstube-kesselstatt.de  Schloss Monaise: In dem 1780 errichteten Prachtbau bereitet Hubert Scheid Klassiker wie Kalbsnierchen oder Rehrücken zu. Trier, Schloss Monaise 7, Tel. 0651/82 86 70, www.schloss-monaise.de  Schanz: sehr gutes Gourmetlokal von Thomas Schanz. Unbedingt probieren: Frikassee vom Hummer, Seezunge mit pochierten Austern. Piesport, Bahnhofstraße 8 a, Tel. 06507/925 20, www.schanz-restaurant.de      Erleben  Mythos Mosel: Vom 5. bis 7. Juni 2020 laden etwa 120 Weingüter zur parallelen Jahrgangsverkostung in 30 Gastgebergütern. www.mythos-mosel.de  Burg Eltz: Der wehrhafte Bau aus dem 12. Jahrhundert gehört zu Deutschlands bekanntesten Burgen. Märchenhaft! Wierschem, Tel. 02672/95 05 00, www.burg-eltz.de  Mosel-Weinmuseum: Hier kann man sich über Weinbau, -kultur und -geschichte informieren. Bernkastel-Kues, Cusanusstraße 2, Tel. 06531/41 41  Mosel Musikfestival: Zwischen Trier, Luxemburg und Koblenz treffen sich internationale Musiker aller Genres, von Barbara Hendricks bis Thomas Quasthoff. www.moselmusikfestival.de  Traben-Trarbach: Das wunderschöne Weinstädtchen lockt mit Fachwerkhäusern, der imposanten Villa Huesgen, dem sagenhaften Brückentor und der Kultur der Mosellandschaft. www.traben-trarbach.de  Trier: Porta Nigra und römische Stätten – muss man gesehen haben. www.trier.de

Winfried und Sigrid Reh mit Sohn Lukas. Die Hänge, die die Winzerfamilie bewirtschaftet, sind so steil, dass manchem Saisonarbeiter bei der Lese schwindelig wird.


Tipps

Unterkünfte, Weingüter, Lokale und mehr an der Mosel


Übernachten

Moselschlösschen: Die Zimmer in dem Gebäude von 1901 sind modern eingerichtet. Blick auf die Mosel. DZ/F ab 124 Euro, Traben-Trarbach, An der Mosel 15, Tel. 06541/83 20, www.moselschloesschen.de

Wein- und Tafelhaus: Wer sich hier einquartiert, schaut auf die berühmte Steillage der Trittenheimer Apotheke. Gutbürgerliche Küche. DZ ab 98 Euro, Trittenheim, Moselpromenade 4, Tel. 06507/70 28 03, www.wein-tafelhaus.de

Richtershof: kuscheliges Traditionshaus mit gut sortiertem Weinkeller. DZ/F ab 165 Euro, Mülheim an der Mosel, Hauptstraße 81–83, Tel. 06534/ 94 80, www.weinromantikhotel.com


Essen und trinken

Weingut Frieden-Berg: Verkostung in der Wein Kost Bar. Nittel, Weinstraße 19, Tel. 06584/990 70, www.frieden-berg.de

Weingut Reh: Verkostung nach Terminabsprache. Schleich, Weierbachstraße 12, Tel. 06507/991 10, www.weingut-reh.de

Weinstube Kesselstatt: Gegenüber dem Dom von Trier werden regionale Speisen und Weine des Guts Reichsgraf von Kesselstatt serviert. Trier, Liebfrauenstraße 10, Tel. 0651/411 78, www.weinstube-kesselstatt.de

Schloss Monaise: In dem 1780 errichteten Prachtbau bereitet Hubert Scheid Klassiker wie Kalbsnierchen oder Rehrücken zu. Trier, Schloss Monaise 7, Tel. 0651/82 86 70, www.schloss-monaise.de

Schanz: sehr gutes Gourmetlokal von Thomas Schanz. Unbedingt probieren: Frikassee vom Hummer, Seezunge mit pochierten Austern. Piesport, Bahnhofstraße 8 a, Tel. 06507/925 20, www.schanz-restaurant.de


Erleben

Mythos Mosel: Vom 5. bis 7. Juni 2020 laden etwa 120 Weingüter zur parallelen Jahrgangsverkostung in 30 Gastgebergütern. www.mythos-mosel.de

Burg Eltz: Der wehrhafte Bau aus dem 12. Jahrhundert gehört zu Deutschlands bekanntesten Burgen. Märchenhaft! Wierschem, Tel. 02672/95 05 00, www.burg-eltz.de

Mosel-Weinmuseum: Hier kann man sich über Weinbau, -kultur und -geschichte informieren. Bernkastel-Kues, Cusanusstraße 2, Tel. 06531/41 41

Mosel Musikfestival: Zwischen Trier, Luxemburg und Koblenz treffen sich internationale Musiker aller Genres, von Barbara Hendricks bis Thomas Quasthoff. www.moselmusikfestival.de

Traben-Trarbach: Das wunderschöne Weinstädtchen lockt mit Fachwerkhäusern, der imposanten Villa Huesgen, dem sagenhaften Brückentor und der Kultur der Mosellandschaft. www.traben-trarbach.de

Trier: Porta Nigra und römische Stätten – muss man gesehen haben. www.trier.de

Die Frau, die nicht lieblich sein wollte

Die Mosel war lange Zeit für ihre lieblichen und zum Teil allzu süßlichen Weine verschrien. Als man sich in der Region dem Trend gemäß den trockenen Rieslingen zuwandte, begehrte Reh-Gartner auf. "Sie zog vor Gericht, um eine Änderung im Weinbaugesetz durchzusetzen", sagt Steffen. "Es ging ihr darum, manchen charakterstarken Wein vom Ruch des Lieblichen zu befreien." Nun also durfte Weine dessen Restzuckgehalt oberhalb von "trocken" liegt, aber noch trocken schmeckt, ganz offiziell "feinherb" heißen. Das klingt ein wenig sektiererisch, für die Moselrieslinge war es revolutionär.

Stolz führen Steffen und ihr Kollege, der Önologe Wolfgang Mertes, durch die gigantischen Räume, die sich in und unter dem Schloss Marienlay erstrecken. Auch das gehört zum Erbe der verstorbenen Chefin: ein völlig neues Kelterhaus, das angeblich "zurzeit modernste Europas". Fünf Millionen Euro hat man investiert. "Und trotzdem bleiben wir am Ende von der Natur abhängig und vom Handwerk", sagt Mertes, der Entscheidungen treffen muss, die für das Gelingen ganzer Jahrgänge maßgeblich sind. Etwa ab wann geerntet wird. "Als Kellermeister hat man einen Job, der mit dem eines Fußballtrainers vergleichbar ist: Alle wissen am besten, wie man es hätte machen sollen."

Mona Steffen und Michael Weber gehören zu einer neuen Generation des Weinbaus, die sich aufmacht, mit letzten überkommenen Traditionen zu brechen. "Lange Zeit galt der Ellenbogen als einer der wichtigsten Körperteile der Weinbauern", sagt Steffen. "Mein Großvater wäre lieber verdurstet, als den Wein eines anderen Winzers zu trinken." Ihre Generation sei die erste, die den Zusammenhalt und eine völlig neue Kollegialität versucht. Gelernt hat man das auch bei Auslandsaufenthalten, die längst zur Ausbildung gehören.

Vermutlich bedarf es dieser internationalen Gelassenheit, um sich auch auf manche gute alte Idee wieder einzulassen. Im Falle des Kesselstatt-Teams ist es die Rückbesinnung auf die drei Flüsse, die das Weinbaugebiet insgesamt ausmachen. Zugunsten der Vermarktbarkeit hatte man Saar und Ruwer von den Etiketten verbannt und unisono zu Moselweinen erklärt. Nun dürfen die vernachlässigten Geschwister zurückkehren. Dahinter steckt nicht nur die Abstammung der Akteure – Steffen ist an der Saar und Mertes an der Ruwer aufgewachsen. "Uns kommt keiner hier raus, ohne die unterschiedlichen Rieslinge von den drei Flüssen verkostet zu haben", sagt sie und steckt ihre Nase tief in das Glas mit Ruwerriesling. "Riechen Sie die Kühle?" Sollte man Kühle riechen können?, fragt man und tut es ihr gleich. Tatsächlich scheint es aus dem Glas frisch herauszuwehen, so wie unten an dem Flüsschen, als man es nach längerem Suchen hinter Büschen entdeckt hat.

In einem Weingut direkt an der Schleicher Moselinsel blickt eine Winzerin auf ein altes Foto, das gerahmt in der Probierstube hängt. Es zeigt Sigrid Reh als junge Weinkönigin, als sie noch für eine große Kellerei als Chefsekretärin gearbeitet hatte. "Wein gehört immer schon zu unserem Leben" , sagt Winfried Reh. Schon als Kind sei er "für ein paar Groschen in die Weinberge gegangen und habe geholfen." Dann wagten sie den Bruch mit der Konvention. Wie das Paar ihr eigenes junges Weingut anpackte, konnten wenige nachvollziehen. Sie kauften sich bewusst in Lagen ein, die allgemein als schwer bewirtschaftbar galten. "Die haben uns für verrückt erklärt, aber wir hofften und glaubten daran, dass es gut gehen wird" , sagt Sigrid Reh. "Aber es war riskant." Die beiden sind im wahrsten Sinne steil gegangen.

Ganz schön steil!

Eine Stunde später steigen die Rehs aus ihrem Auto, die Familie nimmt auf dem Seitenstreifen einer viel befahrenen Autostraße Aufstellung und schaut einen abenteuerlichen Steilhang hoch. Es ist der Mehringer Blattenberg, das Kernstück ihres Weinguts, den sie hier präsentieren – und dessen Ankauf vielen als irre galt. Obwohl bereits in Unterlagen von 1868 der Hang als Spitzenlage benannt wird, entledigten sich in den schwierigen Zeiten des Moselweinbaus große Weingüter solcher als bewirtschaftungsintensiv geltenden Steilhänge. Winfried Reh, ein Winzermeister mit prächtigem Schnauzbart und Mutterwitz, nickt. "Manchmal fragen uns die Leute, ob wir uns anseilen müssen." Manchem Saisonarbeiter, der zur Lese kam, wurde schon schwindelig. "Man muss motiviert sein, um sich diese Arbeit anzutun", sagt er. Doch was hier wächst, ist inzwischen eine europaweite Rarität. Die Reblaus hatte zur Jahrhundertwende in ganz Europa eine Katastrophe verursacht und kaum eine der alten Reben übrig gelassen. In die Terrassen an der Mosel, wo keine maschinelle Bewirtschaftung möglich ist, konnte sie nie vordringen. Ein gigantischer Glücksfall.

Die Rebstöcke hier gehören somit zu den ältesten des Kontinents. "Die haben kleinere Beeren – und weil die Aromastoffe und die Mineralien unterhalb der Haut sitzen, sind sie viel intensiver", sagt Reh senior. Der Überlebenswille dieser Rebstöcke sei legendär, weiß Sohn Lukas, der seit 2016 nach Studium und Meisterausbildung in den Familienbetrieb eingestiegen ist. Er schwärmt von einem besonderen Weinstock, der ganz oben am Rand steht, wo eigentlich kein Boden mehr ist und damit keine Chance besteht zu überleben. "Die Wurzel sieht aus wie aus dem Amazonasgebiet, meterweit rankt sie den Hang hinunter, um an Wasser und Boden zu gelangen", schwärmt er. "Irgendwie gelingt es dem Stock, er trägt jedes Jahr goldgelbe Beeren."

Ganz so, als wäre diese Pflanze ein Sinnbild für die Region, die sich gleichermaßen als zäh und erfinderisch erwiesen hat. Über 100 Jahre steht der Weinstock schon da. Als würde er auf einen Dichter warten, der seine Symbolkraft erkennt und ein paar pathetische Verse über ihn schreibt.