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Stadtfarm In den Gewächshäusern der Großstadt: Wenn der Barsch dem Basilikum beim Wachsen hilft

ECF Farm
In der Berliner ECF Farm werden Barschzucht und Basilikumanbau kombiniert. 
© ECF Farm Berlin
Urban Farming liegt im Trend. Immer mehr Betriebe setzen auf die Gewächshäuser in der Stadt und kombinieren Fischzucht mit Gemüseanbau. Ist das die Zukunft?

Was haben Barsch und Basilikum miteinander zu tun? Außer dem "B“ im Namen auf den ersten Blick nicht viel. Auf einer Stadtfarm in Berlin wachsen sie unter einem Dach im geschlossenen Kreislaufsystem. Aquaponik ist das Zauberwort. Es ist eine ressourcenschonende Variante des urbanen Farmings.

In einem Industriegebiet im Süden Schönebergs wachsen in den Gewächshäusern Tausende Basilikumpflanzen und in den überdachten Fischbecken drehen die Barsche ihre Runden. Die Fisch-Gemüse-Kombi unter einem Dach ist keine Zufallskomposition. Dahinter stecken Nicolas Leschke und Christian Echternacht und die Idee der nachhaltigen Lebensmittelproduktion. 

Fischzucht und Gemüseanbau unter einem Dach

"Wir hatten Spaß an guten Lebensmitteln, interessierten uns für die Erzeugung und merkten, dass es gar nicht so einfach ist, an nachhaltige Produkte zu kommen“, erzählt Leschke. Vor einem knappen Jahrzehnt machten sie sich daher auf, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Sie schauten sich verschiedene Systeme an. "Damals steckte die Aquaponik noch in den Kinderschuhen, aber wir waren fasziniert von der Symbiose zwischen Fischzucht und Gemüseanbau.“ 2015 krempelten die Gründer die Ärmel hoch und begannen mit dem Stadtfarming – mit Erfolg, inzwischen haben sie neben der eigenen ECF Farm sieben weitere Farmen gebaut. 

Nicolas Leschke
Nicolas Leschke ist einer von zwei Gründern hinter dem Aquaponik-Betrieb.
© Philipp Spalek

Fische sorgen für Dünger

Aquaponik liegt im Trend, es gilt als besonders ressourcenschonend und als zukunftsweisende Variante der lokalen Produktion. Die ECF Farm arbeitet mit Naturstrom, das Wasser wird doppelverwertet und der Dünger kommt aus dem eigenen Haus. Dahinter steckt kein großes Heckmeck. Das System funktioniert über ein einfaches Verfahren: Das Abwasser der Fische, wird zum Frischwasser für Pflanzen. Die festen Ausscheidungen der Fische gehen in die Kanalisation, die flüssigen werden durch einen Biofilter in Pflanzendünger umgewandelt.

"Das ist ein natürlicher Prozess, der so in jedem See passiert", erklärt Leschke, kompliziert sei das nicht. "In dem Filter sitzen Bakterien, die die Arbeit leisten und die flüssigen Ausscheidungen in Nitrat umwandeln." Aus dem giftigen Ammonium wird so Bio-Dünger. Durch das Kreislaufsystem wird nicht nur der Wasserverbrauch gedrosselt, sondern hauseigener Bio-Dünger hergestellt. Da die Farm mitten in der Stadt ist, entfallen weite Transportwege.

Die ECF Farm produziert jährlich etwa 400.000 Kräutertöpfe, die an einen Berliner Supermarkt gehen. Dazu kommen noch einmal 10 Tonnen Fisch, maximal könnten es 30 Tonnen Barsch jährlich sein. Und noch mehr, wenn es dabei nicht um nachhaltige Fischzucht ginge. "Wir könnten locker das Doppelte produzieren, würden wir nicht so aufs Tierwohl achten“, erklärt Leschke. 

Rosé-Barsche
Die Ausscheidungen der Rosé-Barsche werden von Bakterien zu Bio-Dünger für die Pflanzen umgewandelt.
© Philipp Spalek

Glückliche Fische, gesunde Fische?

Der Appetit auf Fisch ist groß, die Weltmeere aber sind zunehmend leergefischt. Daher wird Fischzucht auch an Land betrieben. Weil viel Fisch aber auch viel Geld bringt, wird in den Aquakulturen oftmals mit Massentierhaltung gearbeitet und die Fische bekommen Kraftfutter, damit sie schnell groß und dick werden. Um das Risiko von Krankheiten in den Tanks zu minimieren, arbeiten viele Aquakulturen außerdem mit der Zugabe von Antibiotika. 

0,2 Gramm wiegen die kleinen Fische, wenn sie in die Berliner Farm kommen, nach etwa acht Monaten bringen sie 750 Gramm auf die Waage und gehen in den Verkauf. Medikamente seien in der ECF Farm noch nie vonnöten gewesen. "Unsere Fische haben ein gutes Immunsystem“, sagt er und erklärt das mit Besatzdichten, Wasserqualität, Strömung und Bio-Futter

Selbst wenn ein Fisch einmal erkranke, seien die Selbstheilungskräfte ausreichend. "Beim Menschen ist das nicht anders, führt er ein ausgeglichenes, stressfreies Leben mit gutem Essen und Sport, hat er auch gute Abwehrkräfte."

Nischengeschäft oder massentauglich?

Die ECF Farm ist längst nicht der einzige Betrieb, der inzwischen auf das Prinzip der Aquaponik setzt. Aber noch ist der Markt überschaubar. "Aquaponik in der Stadt ist die Nische", sagt Leschke. Das liegt vor allem an der begrenzten Fläche. Je größer so eine Anlage sei, desto besser funktioniere auch das System, erklärt er. Immer mehr Farmen in der Stadt zu bauen, sei daher nicht das Ziel. Es gehe um Aufklärungsarbeit, darum zu zeigen, welche Möglichkeiten der nachhaltigen Lebensmittelerzeugung es gibt.

"Wir müssen das nicht in der Stadt machen, wir könnten auch aufs Land, dort wäre die Produktion günstiger", sagt er und deutet damit Richtung Zukunft. "Wenn wir wollen, dass sich Aquaponik im größeren Rahmen durchsetzt, mehr Lebensmittel in solchen Anlagen produziert werden, dann am besten in Gebieten um die Stadt herum." 


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