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Ausländerquote im Kleingartenverein Empört Euch, Gartenfreunde!


In Norderstedt hat ein Kleingartenverein beschlossen, eine Migrantenquote einzuführen. Der Bürgermeister ist auf der Zinne. Zu recht. Denn Kleingärten sind Schmelztiegel der Integration. Ein Aufruf.
Von Florian Güßgen

Stichwort Kleingarten. Woran denken Sie zuerst? Gartenzwerge? Deutschlandfahne? Millimetergenau getrimmte Hecken? Staubfrei umfasste Zierblumenbeete auf wellnessbraunem Muttererdengrund? Ja, ja. Geben Sie's nur zu: Denken Sie an den Kleingarten als blockwartgenormtes Reich des deutschen Spießbürgers der 50er- und 60er-Jahre, eine Art spätfaschistischen kulturellen Ausläufer? Ja? Dann lassen Sie sich gesagt sein: Sie irren, zumindest nach meiner Erfahrung. Denn das Schrebergartenwesen hat sich längst zu einer Befreiungsbewegung gemausert, zu einem Refugium der Anarchie und der erschwinglichen Selbstverwirklichung, zu einem grandiosen sozialpolitischen Programm. This land is your land, this land is my land. Der Kleingartenverein ist in Deutschland schon lange die beste aller antikapitalistischen Occupy-Bewegungen. Ich pflanze, also bin ich.

Im Ernst. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin Gartenfreund. Und zwar ein überzeugter. Weil's in der Großstadt verdammt schwer ist, an ein Stück eigenen Rasen zu kommen, wenn man in der Großstadt und nicht in Suburbia leben will; weil es etwas Tolles ist, wenn man dem digitalen Wahnsinn mit einem Radieschenbeet oder einer Kopfsalatreihe vom Typ Casanova trotzen kann; weil in den Kleingärten längst eine liberale Kulturrevolution statt gefunden hat; weil in den Kleingärten längst auch wieder viele junge Familien eingezogen sind - und, ja, weil es in den Kleingärten viele Migranten gibt, die, wie eine wunderbare Parodie auf das muffige Kleingartenimage, die Anlagen zunehmend nutzen - und sich integrieren.

Womit wir beim eigentlichen Thema wären. Denn es ziehen dunkle Gewitterwolken auf über der Bewegung - und das außerhalb der Saison. Es gibt schwarze Schafe! Unerhörte Nachrichten ereilen uns aus dem schleswig-holsteinischen Städtchen Norderstedt bei Hamburg. Allen Ernstes hat die Mitgliederversammlung des dortigen Kleingartenvereins Harksheide-Kringelkrugweg Ende Oktober mehrheitlich beschlossen, eine Ausländerquote einzuführen. Höchstens 12,6 Prozent der Parzellen sollen demnach künftig an Ausländer vergeben werden - das entspricht dem Migrantenanteil an der Bevölkerung in Schleswig-Holstein. Nur 9 von 73 Parzellen würden demnach an Migranten geben - und auch für dieses Kontingent hat sich die Versammlung eine Reihenfolge ausgedacht. Türken und Araber kriegen höchstens ein Viertel der für Migranten bestimmten Parzellen, Osteuropäer werden ebenfalls bei einem Viertel gedeckelt - der Rest geht an den Rest.

Druck vom Bürgermeister

Das Verhalten der Gartenfreunde in Norderstedt ist ein Skandal. Nicht nur, dass die Diskriminierung unerträglich ist. Sie haben offenbar auch nicht begriffen, dass der Kleingarten einer der Schmelztiegel der Gegenwart ist, ein Schmelztiegel für Menschen verschiedener ethnischer oder sozialer Herkunft, befeuert von dem ebenso erquicklichen wie bisweilen skurrilen Wahnsinn der dorfähnlichen Nachbarschaft. Das Schöne wiederum ist, dass die Norderstedter Gesellschaft das Prinzip offenbar besser verstanden hat als die Mehrheit der Gartenfreunde dieses einen Vereins. Nicht nur bei den Kleingärtnern selbst regte sich Widerstand, auch der Norderstedter Bürgermeister Hans-Joachim Grote, ein CDU-Mann, droht mit drakonischen Maßnahmen, sollte der Verein nicht subito wieder zur Räson kommen und sich von seinem vorherigen Beschluss distanzieren. Für diese Haltung verdient der Bürgermeister Respekt. Für die Kleingärtner und Parzellenbesitzer unter uns kann das allein nicht genug sein. Wir müssen Farbe bekennen - sonst wird die Bewegung befleckt. Und das darf keinesfalls geschehen. Denn das Frühjahr ist nicht mehr fern! Deshalb: Empört Euch, Gartenfreunde.

Von Florian Güßgen

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