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Hass im Netz Nach Morddrohungen fürchtet Comedian Jasmina Kuhnke um ihr Leben. Der einzige Ausweg lautet Umzug

Jasmina Kuhnke über Morddrohungen: "Hoffe, dass ich nur alleine dran bin und nicht meine Familie"
Jasmina Kuhnke über Morddrohungen: "Hoffe, dass ich nur alleine dran bin und nicht meine Familie"
© Marvin Ruppert
Wie schnell man im Internet zur Zielscheibe von Hass und Hetze werden kann, hat Comedian Jasmina Kuhnke schon oft erlebt. Doch nachdem ihre Adresse geleakt wird, schwappen die Bedrohung ins reale Leben über.

Jasmina Kuhnke, 39, ist Comedian, Autorin und Kolumnistin. Als "Quattromilf" (@ebonyplusirony) teilt sie in den sozialen Medien unermüdlich gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Sexismus aus – und wird dafür immer wieder heftig angefeindet. "Es gab schon immer leichte Troll-Angriffe, aber damit konnte ich umgehen", erzählt Kuhnke. "Ich mache Comedy und bin da als schwarze Frau einfach prädestiniert für Hate Speech und das perfekte Opfer für diese Troll-Armee."

Doch als am 14. Februar 2021 ihre Adresse geleakt und ihr in einem Video mit Massakrierung gedroht wird, ist der Spaß vorbei. Das hat Formen angenommen, wo man nicht mehr einfach sagen kann, 'Mach das Internet aus und gönn dir mal ne Pause'", so Kuhnke. Sie informiert umgehend die Polizei, bekommt dort aber keinerlei Hilfe. Erst nach zahlreichen Telefonaten und massivem Druck über Kontakte, kommt es zu einer Gefährdetenansprache. Kurz darauf wird ihr vom Staatsschutz mitgeteilt, dass sie keine Schutzmaßnahmen erhalten werde, da keine konkrete Bedrohung bestehen würde.

Twitter-Shitstorm und Postkarten mit N-Wort

Währenddessen überschlagen sich die Ereignisse: Kuhnkes Adresse und sogar Grundrisse von ihrem Haus immer häufiger im Netz geteilt – auch das Drohvideo ist weiter online zu finden. Auf Google Maps werden anstelle ihres Wohnorts Fake-Restaurants mit dem N-Wort erstellt. Sie bekommt Postkarten mit "N**** raus aus Deutschland". Zusätzlich trendet am 31. März 2021 der Hashtag #HaltdieFresseJasmina, mit dem sie mundtot gemacht werden soll, beleidigt und bedroht wird.

Immerhin: "Hassmelden", eine ehrenamtliche Meldestelle für Hate Speech, hat stellvertretend für Kuhnke in 193 Fällen Strafanzeige erstattet. Doch Kuhnke hat trotzdem Angst, "einer dieser Einzelfälle" zu werden. Ein Einzelfall, wie der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke, der nach massiven Bedrohungen im Netz von einem Rechtsextremen 2019 erschossen wurde. "Ich hoffe, dass ich dann einfach nur alleine dran bin und nicht meine Familie", sagt die 39-Jährige.

Seit der Ermordung von Lübcke beschäftigen sich Politik und Justiz intensiv mit den Auswirkungen von digitalem Hass. Am 3. April 2021 sind in Deutschland mehrere neue Gesetze gegen Hass und Hetze in Kraft getreten. Durch deutliche Strafverschärfungen, höheren Ermittlungsdruck und Auskunftssperren im Melderecht sollen Betroffene von Hasskriminalität – insbesondere im Netz – besser geschützt werden.

Für Kuhnke kommt das Gesetz zu spät, der Schaden ist bereits angerichtet. Sie sieht nur noch einen Ausweg: umzuziehen. Seit dieser Eskalation steigere sich das immer mehr und sei mittlerweile nicht mehr gut zu handhaben. "Letztendlich bleibt das Gefühl, dass es egal ist, was das für mich und meine Familie persönlich bedeutet. Diese Form von Hass ist nicht mehr nur im Internet zu finden – sie klingelt einfach an der Tür."


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