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Frankfurter Buchmesse Eine wehrhafte Demokratie bittet ihre Feinde nicht ins Lesezimmer, sondern bekämpft sie

Jasmina Kuhnke
Autorin Jasmina Kuhnke boykottiert die Frankfurter Buchmesse
© Marvin Ruppert
Die Autorin Jasmina Kuhnke boykottiert die Frankfurter Buchmesse, weil dort auch Rechtsextreme ausstellen. Warum ihr Boykott so wichtig ist.
Die Schwarze Comedy-Autorin Jasmina Kuhnke schreibt unter dem Namen Quattromilf auf Twitter und erlangte dort große Gefolgschaft (Wir schreiben hier "Schwarz" groß, damit klar wird, dass nicht die Hautfarbe gemeint ist, sondern das gesellschaftliche Konzept einer Weißen Mehrheit. So viel Zeit muss sein).

Jasmina Kuhnke boykottiert die Buchmesse

Kuhnke hat über 100.000 Follower auf der Plattform. Da sie mit Bonmots, Spott und Ironie gegen Diskriminierung und Rassismus kämpft, hat sie viel Hass auf sich gezogen. Seit Monaten wird sie bedroht. Im Internet zirkulierte sogar ein Aufruf, sie zu ermorden.
Nun hat sie einen Roman geschrieben. Er heißt "Schwarzes Herz" und ist soeben erschienen. So ein Roman macht furchtbar viel Arbeit. Und ist er einmal fertig, liegt jedem Autor daran, ihn einem großen Publikum vorzustellen. Die beste Chance, so einen Roman vorzustellen und angemessen über ihn zu sprechen, findet man auf der Frankfurter Buchmesse.
Diese Chance hat Kuhnke nun ausgeschlagen: Sie boykottiert eine Diskussionsveranstaltung weil auch rechtsextreme Verleger wie zum Beispiel Philipp Stein ihre Bücher auf der Messe präsentieren. Und zwar nicht etwa in einem düsteren Seitengang, sondern mitten im Zentrum des Geschehens, gleich neben der großen Bühne des ZDF.

Philipp Steins "Jungeuropa"

Kuhnkes Boykott hat zwei Gründe: Erstens fühlt sie sich durch das rechtsextreme Publikum, das ein Verlag wie Philipp Steins "Jungeuropa" anzieht, noch mehr bedroht als sonst schon. Zweitens möchte sie mit ihrem Boykott dagegen protestieren, dass Rechtsextremen immer wieder bereitwillig öffentlicher Diskussionsraum angeboten wird.
Und schon hat die diesjährige Buchmesse ihren ersten Skandal. Bis hin zur "Washington Post" wurde über den Boykott berichtet. Es ist kurios: Die Veranstalter der Frankfurter Buchmesse sind offenbar nicht wirklich lernfähig. Denn schon im Jahr 2017 kam es zu einem Eklat, weil der berüchtigte Rechtsextreme Götz Kubischek die Messe problemlos als PR-Plattform für seinen Verlag "Antaios" nutzen konnte.
Damals wurde wortreich diskutiert, ob man nicht vielleicht doch mit Rechten reden müsse. Was natürlich vollkommen hoffnungslos ist im Falle von einem so stolzen Rechtsextremen wie Götz Kubitschek. Freundliche demokratische Bekehrungsmaßnahmen mögen vielleicht noch bei einem orientierungslosen Pubertierenden fruchten, aber ganz sicher nicht bei einem in der Wolle gefärbten Neonazi. Dass Kubitschek ein hoffnungsloser Fall ist, hat sogar inzwischen der Verfassungsschutz verstanden und Kubitscheks Propaganda-Netzwerk ganz offiziell als rechtsextreme Gruppierung eingestuft. Dekret: verfassungsfeindlich.
Recht so: Eine wehrhafte Demokratie redet nicht mit ihren Feinden, sondern bekämpft sie.

Stein leitet die Graswurzel-Neonazi-Bewegung "Ein Prozent"

Zwar stellt der "Antaios-Verlag" selbst dieses Jahr auf der Buchmesse nicht aus. Dafür aber der "Oikos Verlag", der von "Antaios" vertrieben wird. Und ein besonders aktives Mitglied aus Götz Kubitscheks verfassungsrechtlich geprüftem Neonazi-Netzwerk ist dieses Jahr ebenfalls vertreten: Eben jener Philipp Stein, dessen Anwesenheit Jasmina Kuhnke nun zu ihrem Boykott veranlasste. Stein leitet die Graswurzel-Neonazi-Bewegung "Ein Prozent" und ist aktiv als ultrarechter Burschenschaftler. Als solcher hat er vermummt einen Fotografen verprügelt.
Sind wir zu ideologisch, wenn wir über die Energie-Wende sprechen, Herr Lesch?
Seit einigen Jahren ist Buchmesse leider auch immer jene Zeit im Jahr, wenn der landläufige rechtsextreme Mob seine Baseballschläger gegen die ledergebundene Ernst-Jünger-Ausgabe tauscht, um sich unauffällig in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft zu schleichen.

Stein soll Hitlergruß gezeigt haben

Aber all das sind nur Tarnmanöver. Sein wahres Gesicht zeigt ein Mann wie Stein woanders: 2019 nahm er an einem Aufmarsch der neofaschistischen italienischen Partei CasaPound in Rom teil, wo er sogar den Hitlergruß gezeigt haben soll. Wie das bei Neonazis so ist, würde er natürlich zu seiner Verteidigung sagen, er habe nur etwas Gymnastik machen wollen, weil er sich am Abend zuvor den Arm verrenkt habe. Die üblichen Strategien der Rechtsextremen. Denn natürlich geben sie niemals offen zu, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zerstören zu wollen. So dumm sind sie nicht. Dumm ist hingegen, wer darauf wartet, dass sich ein Neonazi als solcher zu erkennen gibt. "Guten Tag, ich bin Faschist. Hier ist meine NSDAP-Mitgliedskarte."
Zur Anwesenheit rechtsextremer Verlage auf der Buchmesse erklärte ihr Vorsitzender Jürgen Boose auf einer Eröffnungspressekonferenz: "Es muss uns nicht gefallen, aber es muss möglich sein, weil Meinungsfreiheit für uns das höchste Gut ist." Es ist empörend, dass man 2021 noch auf den Unterschied zwischen Meinung und Hassrede hinweisen muss. Man kann einfach immer nur die gute alte Antifa-Parole herunterbeten: "Faschismus ist keine Meinung. Faschismus ist ein Verbrechen."

Verlage wie "Jungeuropa" gehören ausgeschlossen

Wenn ein Verlag davon lebt, Ressentiments, Hass, Rassismus und völkische Ideologie zu verbreiten, schließt man ihn einfach von der Buchmesse aus. Dafür müsste man allerdings auch sein Programm etwas genauer lesen. Da es nun aber auf einer Buchmesse ganz grundsätzlich um die Kunst des Lesens geht, dürfte man diese semiotische Basispraxis auch von ihren Ausrichtern erwarten.
Verlage wie "Jungeuropa" haben auf einer pluralistischen Plattform wie der Buchmesse nichts zu suchen. Denn ihr eigentliches Ziel besteht darin, solch offene Orte abzuschaffen. Deswegen gehören sie konsequent ausgeschlossen. Jeder Protest, der das deutlich macht, ist wichtig. Deswegen muss man Kuhnke dankbar für ihren Boykott sein.

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