Hells Angels Die Faszination der bösen Buben

Sie gelten als gewalttätig, kriminell und werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Doch das stört die Hells Angels wenig. Sie wollen feiern. Rund 1500 Motorrad-Rocker haben sich in Hannover zu ihrem Europatreffen versammelt - natürlich mit dröhnenden Harleys und braungebrannten Blondinen.
Von Tonio Postel, Hannover

Ein tiefes Grollen, als ob ein Vulkanausbruch bevor stünde, erfüllt die kerosingeschwängerte Luft. Etwa 30 Männer, die meisten mit einem Brustumfang wie eine Tonne, schwarzen Sonnenbrillen, Lederkutten und Totenkopf-Tattoos auf kahlrasierten Schädeln, sitzen auf ihren Maschinen und warten auf das Signal, endlich in ihr Reich aufbrechen zu dürfen: Die grimmigen Herren wollen auf die Straße. Ein paar ungläubige Augenblicke später wirkt es, als ob wirklich die Welt untergeht. Mit einem Dröhnen, das einen Presslufthammer übertönen würde, machen sich 220 Hells Angels auf ihren Weg zu einer Insel im Steinhuder Meer.

Sie möchten dort Kaffee und Kuchen genießen.

1500 Hells Angels aus der ganzen Welt trafen sich beim 32. "Euro-Run" in Hannover - inklusive der "Kaffeefahrt" zum Steinhuder Meer. Das große Familienfest der Rocker findet jährlich statt. Manchmal fahren die Hells Angels dafür an die Côte d' Azur oder zu einer Burg nach England. Das werde spontan entschieden, denn: "Wir mögen keine Regeln", sagt Django, der Pressesprecher.

Den 700 Deutschen Höllenengeln, die sich in 42 Clubs organisiert haben, eilt ein denkbar schlechter Ruf voraus: Sie sollen Mädchen- und Drogenhandel betreiben oder in Schutzgelderpressung involviert sein. Über die Hälfte der Mitglieder sollen vorbestraft sein. Die Motorrad-Rocker wollen davon natürlich nichts wissen. "Wenn das alles wahr wäre, was man uns vorwirft, wo verdammt ist das ganze Geld?" meint Django, der Pressesprecher der Hells Angels und Vizepräsident der Hannoveraner Gruppe, die als weltweit größte gilt. "Wir sind eine internationale Bruderschaft mit basisdemokratischen Strukturen." Als Grundpfeiler der Gemeinschaft gelten Respekt, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Freiheit, sagt Django. Aber Gewalt werde nicht abgelehnt: "Sie ist Teil unserer Natur", meint Django, ein vergleichsweise harmlos wirkender Mann mit freundlichen Augen, die hinter einer schwarz umrandeten Brille ruhen. Auf seiner schwarzen Lederweste prangen verschiedene goldene Totenkopfbroschen, auf einer ist die Ziffer 30 angebracht -sie steht für 30 Jahre Mitgliedschaft.

Erkennungszeichen jedes Mitglieds ist ein Totenkopf mit Flügeln, der auch auf den Kutten angebracht ist. Auch die Harley Davidson-Maschinen gehören zum Statussymbol: "Das wollen wir schon sehen", sagt Django. Und zu sehen gibt es in Hannover einiges: Die meisten Motorräder sind in schwarz gehalten und "custom-made", also keine Stangenware sondern sündhaft teure Einzelstücke. Nur wenige sehen so spektakulär aus wie jene mit Airbrush verzierte crémefarbene, die gerade vorfährt: Den Tank ziert ein aufwändiger grauer Totenkopf, die Karosserie liegt nur einen knappen Zentimeter über dem Hinterreifen, der locker als Autobreitreifen durchgehen würde. Beim Losfahren schleudern die Auspuffe Druckwellen nach hinten, die als Schläge auf den Körpern der Zurückgebliebenen landen.

Der Motorrad-Parade auf der Straße darf - oder muss- jeder Hannoveraner beiwohnen. Doch beim feiern wollen die Hells Angels alleine bleiben. In einem für alle Normal-Bürger abgesperrten Areal im Industrieviertel Badenstedt hat sich die Motorrad-Gang deshalb eine eingezäunte Trutzburg auf dem Gelände eines örtlichen Bordells aufgebaut: Dort herrscht Jahrmarktatmosphäre, es werden an allen möglichen Ständen Shirts und Jacken, Gürtelschnallen und Schmuck, Pizza und Party angeboten. Aus den Boxen dringt Queens-Musik, hunderte stählerne Motorräder blitzen in der Sonne. Einen Tag vor Beginn hatten SEK-Beamte einige Hells Angels auf der Autobahn abgefangen, illegale Waffen wurden vermutet, doch man fand nichts.

Django steht vor der Pforte des Festplatzes und lächelt zynisch. "In den 32 Jahren unserer Treffen mussten die Behörden noch nie eingreifen." Obwohl sie das offenbar nur zu gerne tun würden. "In Finnland und in Tschechien kamen Einsatzkräfte in Panzern vorgefahren", gibt Django zu.

Immer wieder huschen dralle, braungebrannte Blondinen durch die Szenerie, sie dürfen auch auf dem Sozius mitfahren, Mitglied werden dürfen sie nicht. Wer dafür infrage kommt, entscheidet ein langer Beobachtungsprozess, die so genannte "hang around"-Phase: "Das basiert auf Menschenkenntnis", sagt Django trocken. Aufgenommene müssen mindestens ein Jahr lang ihre Eignung beweisen, so lange heißen sie "Prospects" - die Aufnäher sind auf vielen Kutten zu sehen. Und sonst? "Ein Hells Angel darf nie einen anderen verraten, sich nie Drogen spritzen oder sich an Tieren oder Kindern vergehen", sagt Django. Und sie wollen eine ordentliche Fassade bewahren, viele Mitglieder gehen bürgerlichen Berufen nach: Sie sind Mechaniker, Steinmetze, IT-Manager oder Betriebsrat. Doch ein Großteil der Rocker ist im Rotlichtmilieu verankert.

"Die sind so super organisiert"

Die Hells Angels umgibt eine abschreckende und doch anziehende Aura, der sich auch die Hannoveraner nicht entziehen können. An einer Kreuzung in der Nähe des Bordells haben sich einige Neugierige platziert. "Die sind so super organisiert", schwärmt eine Mitvierzigerin, "die stellen ihre Sicherheitskräfte selbst." Angst flößten sie ihr jedenfalls keine ein. Im Gegenteil: "Seit die Hells Angels im Steintor-Viertel präsent sind, gibt es keine Schießereien mit Albanern mehr", sagt ihr Begleiter. "Man fühlt sich wieder sicher, man kann dort auch als Frau abends wieder spazieren gehen, es ist wieder ein gepflegtes Nachtleben entstanden." Ihre Namen nennen sie lieber nicht.

Auch junge Leute sind von den Rockern fasziniert: die 13-Jährige Lisa will später auch mal Motorrad fahren und findet die Höllenengel einfach "cool", einen anderen Jugendlichen erfreut das seltene Schauspiel: "Das sieht man ja nicht so oft." Sein Vater freut sich, dass "die hier ihr Image verbessern wollen." Der Chef der Hannoveraner Gruppe habe schließlich, bei seiner Arbeit im Sicherheitsdienst, " schon seit Jahren die Clubs beruhigt." Er sieht gar eine Vorbildfunktion für die Jugend: "Man sieht, friedliche Treffen im Easy-Rider Sinne sind möglich, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen."

In die Jubelarien will die Polizei in Hannover nicht einstimmen. "Dass sie in der Stadt integriert und akzeptiert wären, ist sicherlich zu kurz gegriffen", sagt Sprecher Stefan Wittke. Bis zum Ende des Ausflugs am späten Samstagnachmittag sei aber alles problemlos abgelaufen, lediglich einige Verstöße gegen die Helmpflicht oder das Nichtbeachten von roten Ampeln habe es gegeben.

Und während sie von Bewunderern und Skeptikern beobachtet werden, gönnen sich einige Rocker im Schatten ein Eis. Plötzlich klingelt ein Telefon: Es ertönt die "Highway to Hell"-Melodie der Rockgruppe AC/DC.


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