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Tour durch Kanada Der Papst auf seiner schwersten Reise: Warum er sich die Strapazen antut – und es trotzdem zu wenig sein wird

Papst Franziskus reist nach Kanada und trifft dort Vertreter der indigenen Völker
Papst Franziskus reist nach Kanada und trifft dort Vertreter der indigenen Völker
© Evandro Inetti/ZUMA Press Wire/dpa
Hunderte Kinderleichen indigener Herkunft wurden in den vergangenen 14 Monaten rund um kanadische Internate gefunden. Täter waren oftmals katholische Geistliche. Jetzt bricht der Papst zu einer Buß-Reise auf.

Gewohnt bodenständig wird Papst Franziskus am Sonntagmorgen an den Römer Flughafen Fiumicino gefahren. In seiner blütenweißen Soutane und dem Pileolus auf dem Kopf sitzt Seine Heiligkeit in einem kleinen, mausgrauen Fiat. Nichts deutet darauf hin, zu welch bedeutender Reise das Oberhaupt der katholischen Kirche in wenigen Minuten aufbricht. Doch dann wird Franziskus in einem Rollstuhl auf die Rampe zum Flugzeug gehievt. 

Um die Gesundheit des 85-Jährigen ist es dieser Tage nicht gut bestellt. Franziskus musste vor fast genau einem Jahr am Darm operiert werden. Er sagte einem spanischen Sender damals, dass ihm ein Krankenpfleger "das Leben gerettet" habe. Im Mai dieses Jahres zeigte sich der Pontifex erstmals im Rollstuhl in der Öffentlichkeit. Knieprobleme. Die Schmerzen hätten ihn bereits als Erzbischof von Buenos Aires geplagt, erklärte der argentinische Erzbischof Victor Manuel Fernandez, ein Vertrauter des Papstes, später. Eine OP kommt für Franziskus jedoch nicht infrage und so greift er immer wieder auf den Rollstuhl zurück. Wie schwerwiegend das Leiden ist, zeigte sich vor wenigen Wochen. Da teilte der Sprecher des Heiligen Stuhls mit, dass der Papst seine Reise in den Kongo und Südsudan nicht antreten könne.

Umso bedeutungsvoller, dass sich Franziskus auf die beschwerliche Reise nach Kanada begibt.

Tour durch Kanada: Der Papst auf seiner schwersten Reise: Warum er sich die Strapazen antut – und es trotzdem zu wenig sein wird

Körperliche und sexuelle Gewalt gegen indigene Kinder durch Geistliche an den "residential schools"

Seine Tour dürfte den Papst nicht nur körperlich fordern, sondern auch mental. In diesen sechs Tagen wird er sich mit der gemeinsamen Geschichte von katholischen Ordensleuten und indigenen Völkern in Kanada beschäftigen. Sie reicht mehrere Jahrhunderte zurück, aber die Grauen kommen erst in den vergangenen Jahren ans Licht der Weltöffentlichkeit. Auslöser ist der Fund eines Massengrabs im Mai 2021 in der Nähe eines Internats ("residential school"). In den folgenden Monaten werden noch weitere gefunden, Hunderte Kinderleichen sind dort verscharrt worden.

Zwischen 1830 und 1998 werden rund 150.000 Kinder indigener Völker (First Nations, Métis, Inuits) von ihren Familien getrennt und auf die "residential schools" geschickt. Dort lehrt man sie aber nicht nur Kenntnisse in Rechnen und Schreiben, sondern will sie umerziehen. Die Kultur ihres Volkes und ihrer Stämme wird ihnen ausgetrieben, sie sollen die Kultur der Mehrheitsgesellschaft annehmen. Die Ureinwohner gelten damals als unzivilisiert und unmoralisch, weshalb die Regierung Ende des 19. Jahrhunderts empfiehlt, Indigene in frühester Kindheit umzuerziehen. Welche Methoden die oftmals religiösen und vielen Fällen katholischen Lehrer anwenden, ist kaum vorstellbar. Überlebende berichten, dass sie ihr eigenes Erbrochenes oder das von anderen Kindern essen mussten. Die Geistlichen hätten sie derart körperlich gezüchtigt, dass Blut geflossen sei. Außerdem habe man sie sexuell missbraucht. Priester wie Ordensfrauen seien zu Täter:innen geworden. Mädchen, die schwanger wurden, hätte man einer Abtreibung unterzogen – sogar noch im siebten und achten Monat.

Justin Trudeau fordert eine Entschuldigung von Papst Franziskus

Premierminister Justin Trudeau lässt nach den Leichenfunden im vergangenen Jahr die Flaggen auf Halbmast wehen. Er ruft auch den Papst dazu auf, nach Kanada zu kommen und sich zu entschuldigen. In einem Statement gegenüber dem stern erklärt ein Regierungssprecher, dass die Entschuldigung "ein wichtiger – und notwendiger – Schritt für die römisch-katholische Kirche" sei, um "den Dialog mit First Nations, Inuit und Métis fortzusetzen, um eine sinnvolle Versöhnung für die indigenen Völker in unserem Land voranzutreiben". "Zu lange mussten die indigenen Völker diese Last alleine tragen."

Trudeau muss sich jedoch auch den Vorwurf gefallen lassen, dass seine Politik zu wenig für die indigenen Einwohner Kanadas tue. 2015 hat eine Kommission, die eine Strategie für die Verklärung und Versöhnung erarbeitete, 94 so genannte "Calls to Action" vorgeschlagen. Doch in den Augen der Sprecher von First Nations ist dem nicht so. Im Gegenteil. Am 23. Juli verwies Roseanne Archibald, Vorsitzende der First-Nations-Versammlung, mit Nachdruck darauf, die Punkte der Kommission umzusetzen. Und dazu gehöre auch die Entschuldigung des Papstes.

Vatikanexperte: "Der Papst weiß, dass er den Kopf ganz tief beugen muss"

Am 1. April empfängt Franziskus Entsandte von First Nations, Métis und Inuits im Vatikan. Dort entschuldigt er sich schon einmal für die Gräueltaten, die seine Glaubensbrüder und -schwestern im Namen der Kirche vollbrachten. Nun die für ihn so beschwerliche Riese ans andere Ende der Welt. "Was den Papst so entsetzt, ist, dass eine Kirche, die antritt, für Kinder etwas Gutes zu tun, diese verhungern lässt und sie umbringt", weiß Andreas Englisch. Der Vatikanexperte lebt seit drei Jahrzehnten in Rom und hat 2013 den Rücktritt des deutschen Papstes Benedikt vorausgesagt. Die Behandlung der Indigenen durch die katholische Kirche liege Franziskus sehr am Herzen. "Er ist der erste Papst, die die Tragweite des Problems sieht", so Englisch gegenüber dem stern. "Franziskus kommt aus Argentinien, und er kann sich den kriminellen Umgang der katholischen Kirche mit indigenen Völkern sehr gut vorstellen. Das konnten oder wollten seine Vorgänger nicht."

Die Reise werde eine "einzige Quälerei", aber es gehe um "eine historische Schuld". Der Experte ist sich sicher, dass der Papst wisse, was von ihm erwartet werde: "Er muss den Kopf ganz, ganz tief beugen."

Andreas Englisch lebt seit über drei Jahrzehnten in Rom und hat bereits mehrere Bestseller geschrieben. Dazu gehört auch "Mein geheimes Rom –die verborgenen Orte der Ewigen Stadt". Darin durchstreift Englisch mit seinem Sohn Leo die Stadt
Andreas Englisch lebt seit über drei Jahrzehnten in Rom und hat bereits mehrere Bestseller geschrieben. Dazu gehört auch "Mein geheimes Rom –die verborgenen Orte der Ewigen Stadt". Darin durchstreift Englisch mit seinem Sohn Leo die Stadt
© C. Bertelsmann

Die Hoffnungen sind hoch, die auf den Schultern von Papst Franziskus liegen. Dass er mit 85 Jahren und einem schweren Knieleiden den Weg auf sich nimmt, ist ein starkes Zeichen. Doch auch eine Entschuldigung des Kirchenoberhauptes wird nicht wiedergutmachen, was den indigenen Völkern in Kanada systematisch über Jahrzehnte angetan wurde.


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