Debatte um Zivilcourage
Rassistischer Vorfall in Regionalbahn schlägt Wellen

In einer Regionalbahn kommt es zu einem assistischen Zwischenfall, der nach einem Video in den sozialen Medien eine Debatte um Z
In einer Regionalbahn kommt es zu einem assistischen Zwischenfall, der nach einem Video in den sozialen Medien eine Debatte um Zivilcourage auslöst. (Symbolbild) Foto
© Soeren Stache/dpa

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Ein rassistischer Zwischenfall im Zug, Zivilcourage vor laufender Kamera - aber die Zugbegleiterin zögert. Die Bahn spricht von einer Aufarbeitung des Falls, der Sorge vor einer Verharmlosung auslöst.

Ein mutmaßlich rassistischer Zwischenfall in einem Regionalzug in Brandenburg hat eine Debatte über Zivilcourage und den Umgang mit Rassismus im Alltag ausgelöst. Die Deutsche Bahn sucht das Gespräch mit der Frau, die den Vorfall öffentlich machte. Sie erhielt nach einem Online-Video nach eigenen Aussagen Drohungen und Hasskommentare. 

Ein Sprecher der Bahn teilte mit: "Mit Jana Heinicke haben wir persönlich Kontakt aufgenommen und danken ihr ausdrücklich dafür, dass sie in diesem Moment Zivilcourage gezeigt hat." Der Vorfall werde derzeit intern aufgearbeitet. Im Fokus steht das Verhalten der Zugbegleiterin. 

Laut Autorin Heinicke richtete sich die rassistische Äußerung gegen zwei Frauen mit Kopftuch. Mehrere Medien hatten über den Vorfall in einer Regionalbahn in Brandenburg berichtet. 

Ein 72 Jahre alter Fahrgast soll Anfang Mai zwei Frauen in dem Zug rassistisch beleidigt haben. Das bestätigte die Polizei. Deshalb rief ein weiterer weiblicher Fahrgast - die Autorin Jana Heinicke - die Zugbegleiterin auf, die Polizei zu alarmieren. Diese wollte der Aufforderung nicht nachkommen, mit dem Hinweis, dass sich die Weiterfahrt des Zuges dann deutlich verzögere. 

Schaffnerin argumentiert mit Zug-Verspätung

Die Autorin hielt den Disput mit der Zugbegleiterin auf Video fest und postete es auf Social Media. "Er hat gesagt, die Frauen sollen nach Auschwitz", hört man Heinicke darin sagen. Die Zugbegleiterin entgegnet laut Video: "Wissen Sie aber auch, dass wenn ich jetzt die Polizei rufe, dass der Zug mindestens eine Stunde später abfährt?". Die Autorin sagt, diese Verspätung sei es wert, eine andere Frau im Zug pflichtet ihr bei. Die Zugbegleiterin fragt dann noch: "Ist es das denn allen hier wert im Zug?" Eine Frau im Abteil sagt: "Nein, ich möchte nach Hause, ich habe Feierabend."

Heinicke schrieb bei Instagram, sie habe letztlich die Polizei gerufen. Am Endbahnhof nahmen Beamte schließlich die Personalien des alkoholisierten Mannes auf. Der Polizei ermittelt wegen des Verdachtes der Volksverhetzung. 

Wilke: Haltung zeigen, wenn es unbequem ist

Brandenburgs Minister für gesellschaftlichen Zusammenhalt, René Wilke (SPD), sagte der dpa: "Es muss Konsens bleiben, dass Rassismus und Einschüchterung keinen Platz in unserer Gesellschaft haben. Ob uns das gelingt, entscheidet sich nicht nur in Grundsatzdebatten, sondern vor allem im Alltag – dabei, wie konsequent wir reagieren, wenn Grenzen verletzt werden." Dieser gesellschaftliche Konsens zeige sich gerade darin, "Haltung überall und jederzeit zu bewahren, besonders wenn es unbequem ist".

 Heinicke: Zivilcourage bürgerliche Pflicht

"Ich finde es krass, dass der Rassismus so normal geworden ist, dass er Leute mit den Schultern zucken lässt, aber meine Zivilcourage so sehr polarisiert, dass sie einerseits als Heldenleistung gesehen wird und mir andererseits Menschen den Tod wünschen", sagte Heinicke der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist eine bürgerliche Pflicht, mit Zivilcourage dagegen aufzutreten." Das sei ein ganz normaler demokratischer Akt. 

"Ich möchte gerne anstoßen, dass sich was verändert. Die Deutsche Bahn könnte sich hier positionieren", so Heinicke. "Ich würde mir wünschen, dass es mehr Schulungen gibt, dass Hass und Volksverhetzung klar erkannt werden und eine Null-Toleranz-Linie wirklich durchgesetzt wird."

Deutsche Bahn beklagt Respektverlust in Zügen

Die Deutsche Bahn verweist auf eine Konzernbetriebsvereinbarung und einen Ethik-Verhaltenskodex, um gegen Rassismus, Diskriminierung, Mobbing oder sexuelle Belästigung einzutreten. "Seit Jahren sensibilisieren und schulen wir unsere Beschäftigten, um diesem Anspruch gerecht zu werden."

Ein Sprecher der Bahn sagte zudem: "Mit großer Sorge beobachten wir in den vergangenen Jahren einen zunehmenden Respektverlust in unseren Zügen." Man versuche dem mit mehr Sicherheitskräften, Deeskalationstrainings, Bodycams und Kampagnen für mehr Respekt entgegenzutreten. 

Besorgnis bei Türkischer Gemeinde 

Die Türkische Gemeinde in Deutschland sieht eine wachsende Angst bei Migranten. "Ostdeutschland wird zu einem immer größeren Sicherheitsproblem für Menschen, die so aussehen wie ich, und ich mache mir wirklich große Sorgen um die Menschen dort", sagte der Bundesvorsitzende Gökay Sofuoğlu in einer Reaktion auf den Vorfall in der Regionalbahn in Brandenburg. "Wir dürfen uns niemals an ein Klima gewöhnen, in dem es reicht, ein Kopftuch oder eine Kippa zu tragen, um gehasst und attackiert zu werden."

dpa