Schulen
"Keine Denkverbote": Minister sucht Lösung für Lehrermangel

Brandenburgs Bildungsminister Gordon Hoffmann (CDU) rechnet im kommenden Schuljahr mit einem Rekord beim Lehrermangel und den Sc
Brandenburgs Bildungsminister Gordon Hoffmann (CDU) rechnet im kommenden Schuljahr mit einem Rekord beim Lehrermangel und den Schülerzahlen. (Archivbild) Foto
© Soeren Stache/dpa
Brandenburgs neuer CDU-Bildungsminister Gordon Hoffmann übernimmt ein wichtiges Ressort von der SPD. Er sieht sich mit wachsenden Problemen an den Schulen konfrontiert. Was ist sein Plan?

Brandenburgs Bildungsminister Gordon Hoffmann ist neu im Amt und steht schon vor der Herausforderung eines Rekord-Lehrerdefizits im nächsten Schuljahr. Der CDU-Politiker sagt, wie er nach Lösungen sucht - und was sich bei den Kitas im Land ändern soll.

Frage: Sie haben gleich zwei Rekorde für das kommende Schuljahr angekündigt: den bisher größten Lehrermangel und die meisten Schülerinnen und Schüler. Zugleich werden 250 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen. Können die helfen?

Antwort: Es sind zwei Themen, die zusammengehören: die Stellen und die Menschen, die wir einstellen wollen. Im letzten Schuljahr haben wir etwa 440 Seiteneinsteiger weniger eingestellt als im Jahr davor, weil Stellen gekürzt wurden. Man hat dann den Unterricht abgesichert durch die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung. Aber die Seiteneinsteiger, die wir letztes Jahr nicht befristet eingestellt haben, können wir dieses Jahr nicht unbefristet übernehmen.

Wir sehen, dass es im nächsten Schuljahr nochmal eine ganze Ecke schwieriger wird als letztes Jahr. Ich will den Menschen reinen Wein einschenken. Wenn ich mich jetzt hinstelle und sage: "Schwierig, aber wir kriegen es alles hin", und am Ende kriegen wir es doch nicht hin, dann habe ich sofort die erste Enttäuschung produziert. Ich möchte, dass die Menschen sehen, wie groß die Herausforderung ist, vor der wir stehen, und woran wir arbeiten.

"Deshalb hat das für mich Priorität"

Frage: Welche Instrumente gibt es, um die Stundentafel vielleicht doch noch absichern zu können?

Antwort: Meine Vorgänger haben eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich schon bei der Vorbereitung des jetzt laufenden Schuljahres Gedanken gemacht hat, wie man das hinkriegen kann. Ich habe entschieden, dass wir diese AG weiterführen, weil sich das bewährt hat. Ich will den Ergebnissen jetzt nicht vorgreifen, aber es gibt keine Denkverbote. Ich habe nicht nur Verantwortung für die Lehrkräfte, sondern auch für 320.000 Schülerinnen und Schüler in diesem Land. Von der Bildung dieser Kinder hängen nicht nur ihre persönlichen Zukunftschancen ab, sondern auch die Zukunft des Landes. Deshalb hat das für mich Priorität.

Minister verteidigt zusätzliche Deutschstunde

Frage: Sie haben eine Lesen-Schreiben-Rechnen-Offensive angekündigt. Es gibt Kritik von der Opposition im Landtag, weil die geplante zusätzliche Deutschstunde nur für ein Jahr innerhalb der Grundschuljahre gelten soll. Reicht das aus?

Antwort: Zum einen dürfen wir nicht vergessen, dass auch der Tag von Kindern nur eine begrenzte Anzahl von Stunden hat, und ich finde, man muss auch aufpassen, dass man sie am Ende nicht zu lange in der Schule hält. Zum andern muss jede zusätzliche Stunde auch personell untersetzt werden. Es macht keinen Sinn, eine Stunde in den Plan zu schreiben, wenn man am Ende nicht sicherstellen kann, dass sie auch wirklich erteilt wird.

Den Vorwurf der "Mogelpackung" durch die Opposition weise ich ganz klar zurück, weil wir in den Koalitionsvertrag nicht geschrieben haben in der Grundschule in jedem Jahrgang eine Stunde mehr, sondern eine Stunde mehr Deutsch in der Grundschule. Klar ist natürlich auch: Diese zusätzliche Stunde Deutsch allein wird es nicht machen. Deshalb ist sie nur ein Baustein der Lesen-Schreiben-Rechnen-Offensive.

Kleine Kitas auf dem Land im Fokus

Frage: Manche Kitas haben bereits schließen müssen, weil die Zahl der Kinder zurückgeht. Für den Erhalt kleiner Kitas auf dem Land haben Sie einen möglichen Sonderweg ähnlich wie für Schulen aufgezeigt. Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein?

Antwort: Ich will voranstellen, dass das erste Gedankenspiele sind. Wir sind weit davon entfernt, ein Konzept vorlegen zu können. Aber wir sehen, dass die Kinder-Zahlen zurückgehen. Und wir sehen, dass das Netz an Betreuungsangeboten im ländlichen Raum, was ja ohnehin schon wesentlich dünner ist als das Netz im Berlin-nahen Raum, damit nochmal vor Herausforderungen gestellt wird. Wenn wir die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sicherstellen wollen, wenn wir dafür sorgen wollen, dass auch im ländlichen Bereich Kinder in der frühkindlichen Bildung und Erziehung Angebote halbwegs in Wohnortnähe vorfinden, tun wir gut daran, uns beizeiten Gedanken zu machen.

Da muss es verschiedene Parameter geben, die einfließen: Was muss man an zusätzlichen Ressourcen bereitstellen? Wer kann dafür aufkommen? Und es muss auch an bestimmte Kriterien geknüpft sein wie Erreichbarkeit, so dass man ein flächendeckendes Netz hat. Die oberste Richtschnur ist immer das Kindeswohl. Ab einer bestimmten Größe ist die Einrichtung vielleicht dann einfach doch zu klein. Wir haben das Thema auf dem Schirm, sind aber noch am Anfang.

Mehr Bewegung in der Kita

Frage: In den Kitas soll die Bewegungsförderung verstärkt werden. Wie kann man sich das vorstellen?

Antwort: Fakt ist: Wir erleben überall, dass die motorische Entwicklung heutzutage nicht mehr so den Stellenwert hat wie früher. Während früher Kinder auf dem Feld und im Wald gespielt haben, spielen sie heute woanders. Deshalb legen wir einen Fokus darauf. Es gibt schon viele Kooperationen zwischen Kitas und Sportvereinen.

Wir haben am Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg drei zusätzliche Dozentenstellen, die sich damit beschäftigen, wie man Bewegungsförderung stärker integrieren kann. Wir wollen auch versuchen, über die Kultusministerkonferenz zusätzliche Schwerpunkte Bewegungsförderung in die Curricula der Erzieherausbildung mit aufzunehmen.

Zur Person:

Der gebürtige Perleberger Gordon Hoffmann (geboren 1978) war nach eigener Darstellung als Schüler "stinkend faul" und schmiss eine Ausbildung zum Zentralheizungs- und Lüftungsbauer hin, wie er auf einem CDU-Landesparteitag bekannte. Er wurde auf dem zweiten Bildungsweg Erzieher und studierte danach Soziale Arbeit. Seit 2009 ist er Landtagsabgeordneter und war lange für Bildungspolitik zuständig. 

2018 wurde er Landesgeschäftsführer der CDU Brandenburg, ein Jahr später Generalsekretär. Seit März leitet er das Bildungsressort in der rot-schwarzen Brandenburger Regierung, das die SPD mehr als 30 Jahre innehatte. Sein Ex-Klassenlehrer meldete sich inzwischen bei ihm und sagte laut Hoffmann, dass er "sehr stolz darauf ist, dass sein ehemaliger Schüler am Ende doch noch irgendwo angekommen ist".

dpa