Der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz sieht im deutschen Mittelstand einen wichtigen Grund für Optimismus trotz drastischer Veränderungen in der Welt. "Deutschland ist eines der wenigen Länder mit einem breiten Mittelstand", sagte der SPD-Politiker auf einem Jubiläumsempfang im schleswig-holsteinischen Scharbeutz. "Dazu zählt der Handwerker um die Ecke, aber eben auch das Unternehmen mit 500 oder 1.500 Beschäftigten, das einer von drei Playern für ein bestimmtes Produkt auf dem Weltmarkt ist."
"Das gibt es nicht so in Frankreich und Großbritannien, nicht mal in den USA", sagte Scholz. Diese auch gesellschaftliche Tiefe und die mittlerweile lange demokratische Tradition seien Basis dafür, "dass wir zuversichtlich in die Welt gucken können".
Die Welt verändere sich in dramatischer Weise, sagte Scholz. "Und die wesentlichen Veränderungen sind, glaube ich, noch gar nicht von allen wahrgenommen worden." Sie ließen sich in schlichten ökonomischen Zahlen ablesen. 70 Prozent der Weltproduktion finde heute im globalen Süden statt. China habe ein Arbeitskräftepotenzial von 600 bis 800 Millionen Menschen. In der Europäischen Union seien es 220 Millionen Menschen.
Wenn es gut laufe, gehe es Ländern im Süden künftig besser, sagte Scholz. "Und wenn es noch besser läuft, uns dadurch nicht schlechter. Das könnte ein vertretbares Ziel der Politik sein. Die Gefahr, vor der wir stehen, ist, dass bei uns alle durchdrehen." Er verwies auf die USA und auch auf Russland. "Vergessen wir nicht: Russland ist ein Land des Nordens, egal, wie sie sich aufstellen."
Zu dem Jubiläumsempfang hatten die Ostholsteiner Bundestagsabgeordnete Bettina Hagedorn (70) und die Landtagsabgeordnete Sandra Redmann (60) aus der Region geladen. Hagedorn gehört seit 2002 dem Bundestag an, Redmann bereits 2000 dem Landtag in Kiel. Hagedorn war 2018 Parlamentarische Staatssekretärin unter dem damaligen Finanzminister Scholz geworden.