Storchenhochburg an der Elbe
Hamburger betreut seit 50 Jahren die Störche an der Elbe

Seit 50 Jahren kümmert er sich um die Störche entlang der Elbe. Kaum ein anderer Storchenbetreuer in Deutschland ist schon so la
Seit 50 Jahren kümmert er sich um die Störche entlang der Elbe. Kaum ein anderer Storchenbetreuer in Deutschland ist schon so lange im Amt. Foto
© Jonas Walzberg/dpa

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Warm, weich und flauschig. So fühlen sich kleine Störche an. Jürgen Pelch weiß das. Er ist für die Störche entlang der Hamburger Elbe zuständig. Und zwar schon so lange, wie kaum einer vor ihm.

Als sich Jürgen Pelch vor 50 Jahren das erste Mal intensiver mit Weißstörchen beschäftigt, leben in Hamburg gerade einmal acht Storchenpaare. Damals hat er beim Deutschen Bund für Vogelschutz das Amt als Storchenbetreuer übernommen. „Sie haben gefragt und ich habe einfach „ja“ gesagt“, erinnert sich der 79-Jährige mit einem Lächeln. Pelch ist einer von ganz wenigen Storchenbetreuern in Deutschland, die die Tiere seit mehr als fünf Jahrzehnten pflegen und zählen.

Seit 1976 fühlen sich immer mehr Störche entlang der Elbe heimisch - und kommen immer wieder. Mittlerweile leben 56 Brutpaare in Hamburg - so viele wie in keiner anderen deutschen Großstadt. „Ich habe schon dazu beigetragen. Da bin ich schon ein bisschen stolz drauf“, sagt Pelch der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg. 

500 Stunden ehrenamtliches Engagement im Jahr

Die schwarz-weißen Tiere sind für den Naturschützer ein Herzensprojekt. Von Januar bis September betreut Pelch die Störche; im Winter stellt er neue Storchennester auf, bessert alte aus oder zimmert Häuschen für Mauersegler. 

Früher hat der Blumenhändler, Gärtner und Florist das alles nebenbei gemacht. Rund 500 Stunden investiert der Rentner jedes Jahr. „Die Störche sind das schönste Hobby, das es gibt.“

Seine Frau und seine Kinder haben Jürgen Pelch immer unterstützt. „Ohne meine Familie wäre mein schönes Hobby nicht möglich gewesen. 50 Jahre lang hat meine Frau mir den Rücken frei gehalten, wenn ich zu den Störchen ging. Wir sind 54 Jahre verheiratet. Auch meine Tochter hilft mit, wenn wir kleine Störche hier aufpäppeln.“

Es wird gezählt, wenn alle Tiere geschlüpft sind

An der Hamburger Elbe sind jetzt alle Jungtiere geschlüpft. Für Jürgen Pelch beginnt damit das aufwendige Datenerfassen. Er fährt fast alle Nester ab und zählt - ganz analog - einfach die Schnäbel. Ganz fertig ist er damit noch nicht. „Es gucken ja noch nicht überall die Schnäbel der kleinen Storchenbabys heraus. Einige sind noch zu klein.“ Der Storchenexperte geht aber davon aus, dass 2026 ein Rekordjahr wird. Im vergangenen Jahr hatte er etwa 100 Küken gezählt, 2024 waren es 113 Jungstörche. 

Die meisten Storchennester gibt es in den Vier- und Marschlanden. Also im Bezirk Bergedorf, wo er selbst auch wohnt. Lediglich ein halbes Dutzend Paare haben ihr Nest weiter westlich oder nördlich, im Süderelberaum sowie in Neugraben-Fischbek, in Sülldorf und in Wohldorf. „Mein Gebiet ist von Ost nach West etwa 35 Kilometer lang. Von Neugraben bis nach Altengamme.“ 

In der Hauptsaison klingelt das Handy von Jürgen Pelch oft und es kommen viele Mails. Ein aus dem Nest gefallenes oder geworfenes Küken, ein verunglückter Storch, Infos zum Nachwuchs, ein kaputtes oder leeres Storchennest.

Naturliebhaber mit Faible für segelnde Störche

Besonders faszinierend findet Jürgen Pelch an den Störchen, dass sie jedes Jahr wieder auf eine so lange Reise gehen - die übrigens auch im Internet verfolgt werden kann, weil acht Hamburger Störche kleine GPS-Sender tragen.

„Die können ja bis zu 10.000 Kilometer bis nach Südafrika fliegen. Mich fasziniert, wenn sie dann mit der Thermik aufsteigen, mit dem Wind segeln und bis zu 400 Kilometer, manchmal sogar 500 Kilometer, am Tag zurücklegen.“ In etwa sieben bis acht Wochen werden die ersten Tiere von der Elbe wieder gen Süden fliegen. „Da denke ich jetzt schon mit Wehmut dran. Aber ich freue mich immer, wenn sie dann im Frühjahr wiederkommen. 

Wenn er selbst ein Storch sein könnte, wäre er am liebsten ein Schwarzstorch, sagt Pelch und grinst verschmitzt. „Ja, der ist im Wald und nicht so in der Öffentlichkeit. Der Schwarzstorch ist schon ein faszinierender Vogel.“

Nabu finanziert Kosten für Pflege aus Spenden, Beiträgen und Co.

In den vergangenen 50 Jahren sei die Arbeit herausfordernder geworden. Nicht nur, weil es mehr Störche in Hamburg gibt. „Früher haben einige Tierärzte für wenig oder kein Geld geholfen. Mittlerweile ist das sehr teuer“. Er fahre deshalb mit hilflosen Storchenbabys zu den Ärzten des Tierheimes Süderstraße. Dort untersuchen die Experten die Jungen kostenlos. „Das Futter wird überwiegend gespendet von zwei Edeka-Märkten.“

Aus eigener Tasche muss Pelch seine Aufwendungen aber ohnehin nicht zahlen. Die Kosten für Fahrten, Untersuchungen und Pflege übernimmt der Naturschutzbund (Nabu), der in Deutschland federführend die Störche zuständig ist. Das Auswildern überlässt Pelch dann den - ebenfalls ehrenamtlichen - Experten der Storchenpflegestation in Erfde (Schleswig-Holstein).

Gut 1.000 Nestbetreuer in ganz Deutschland

Weil mittlerweile wieder in ganz Deutschland Störche brüten - und zwar derzeit etwa 15.000 - gibt es auch überall Storchenbetreuer. Etwa zwei Dutzend arbeiten federführend wie Jürgen Pelch und dazu gibt es noch gut 1.000 weitere Nestbetreuer, wie Bernd Petri, Vorsitzender der Bundesarbeitsgruppe Weißstorchschutz, der dpa sagte. „Es gibt keine andere Tierart, die so intensiv betreut und beobachtet wird.“ 

Jürgen Pelch sei in dem Rund eine herausragende Persönlichkeit. „Er interessiert sich nicht nur für sich und seine Statistiken. Er versucht, die Menschen von den Störchen und der Natur zu begeistern und mitzunehmen.“ Dafür habe er ein absolutes Händchen. „Er ist immer aufgeschlossen und grundpositiv. Ein ganz toller Werbeträger für den Storchen- und Naturschutz.“

In der Umweltbehörde der Stadt ist man ebenfalls dankbar für das Engagement von Pelch und dem Nabu. „Dass sich die Population der Weißstörche in Hamburg über die letzten Jahre und Jahrzehnte so spürbar erholt hat, ist unter anderem auch sein Verdienst“, sagte ein Behördensprecher. 

Dass es dank der guten Lebensbedingungen an der Elbe wieder mehr Störche gibt, könne man auch als Aufforderung lesen, dran zu bleiben: „Gewässer und Moorflächen müssen weiter geschützt werden, es braucht weniger Versiegelung und Grünflächen sollten weiterhin als Lebensraum für Artenvielfalt gesehen werden“, heißt es weiter aus der Behörde. Pelch sieht das genau so. „Der größte Feind ist der Mensch“, sagt er. 

Pelch: „Störche sind ein besonderer Schatz“

Hat er eigentlich schon einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin in Stellung gebracht? „Das habe ich schon aufgegeben. Ich habe schon junge Leute, die kommen. Aber sie machen zwei, drei Mal mit und dann ist ihnen das zu langweilig.“ Außerdem könnten sie damit kein Geld verdienen. Das sei aber mit Blick auf die teuren Mieten in Hamburg wichtig. Jürgen Pelch hofft dennoch, dass sich jemand findet, der dieses tierische Erbe irgendwann fortsetzt. 

„Unsere Störche sind ja ein besonderer Schatz. Ich hoffe, dass wir den bewahren können - auch für unsere Kinder, Enkelkinder und überhaupt für unsere Nachkommen. Dass sie sich die Störche nicht nur im Zoo angucken können.“

dpa