Baumsterben zu Ende?
Wald im Wandel - "Wir bekommen Regenzeit und Trockenzeit"

Ein Ameisenvolk hat sich an einem Baumstumpf gebildet. Foto: Bernd Thissen/dpa
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Das große Fichtensterben hat den Wald in wenigen Jahren stark verändert. Dabei werden Trockenheit und Hitze tendenziell noch weiter zunehmen. Worauf müssen sich die Menschen einstellen?

Etwa 30 Prozent mehr Sonnenschein im Frühjahr und bis zu 25 Prozent mehr Sonnenschein im Sommer als noch vor 60 Jahren. Was wie ein Sommermärchen für die Menschen in Nordrhein-Westfalen klingt, ist eine der folgenreichen Auswirkungen des rasanten Klimawandels, die Meteorologe Karsten Schwanke bei einer Konferenz zur Waldstrategie des Landes auflistet. Es regne an weniger Tagen, der intensivere Regen fließe schnell ab. 

Das Hauptproblem sei die Veränderung der Niederschläge bis zum Ende des Jahrhunderts in Europa, die aus Klimamodellen hervorgehe. Die Wintermonate würden deutlich nasser und die Sommermonate deutlich trockener. "Bei uns fällt der Regen relativ gleichmäßig verteilt über das ganze Jahr, zumindest bisher. Nach diesen Berechnungen dürfte sich das gehörig ändern. Wir bekommen eine Regenzeit und eine Trockenzeit", erklärt Schwanke. 

Was kann zum Schutz der Wälder getan werden?

Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU) sieht großen Handlungsbedarf zum Schutz des Waldes auch außerhalb des eigentlichen Waldes. "In den 1980er Jahren wurden im Zuge der Waldsterbensdebatte im Zusammenhang mit saurem Regen weitreichende Maßnahmen umgesetzt, darunter die Einführung von Autokatalysatoren und Industriefilteranlagen", sagt sie. 

In einer vergleichbaren, wenn nicht sogar größeren Dimension sollte auf die aktuellen Schäden reagiert werden. Weniger Schadstoffe aus der Luft, ein noch wirksamerer Klimaschutz und eine Reduzierung der Wildbestände, um die Entwicklung vielfältiger Mischwälder voranzutreiben, zählt sie auf. 

Wie stark hat sich der Wald in kurzer Zeit verändert?

Dürre, Stürme und der Borkenkäfer haben tiefe Spuren hinterlassen. Das große Fichtensterben ist mit kahlen Flächen und grauen Baumskeletten an vielen Orten unübersehbar. Der Anteil der Fichte an der Waldfläche ist binnen zehn Jahren von 29 auf 18 Prozent bis 2022 zurückgegangen. "Wir sind jetzt vielleicht bei 15 Prozent", sagt Ralf Petercord, Referatsleiter des Landwirtschaftsministeriums der dpa. Das große Fichtensterben sei vorbei - im Moment, wie er betont. 

Bei der Fichte seien 60 Prozent der Holzmenge verloren gegangen. "Das heißt, 40 Prozent haben wir noch, das ist im Wesentlichen in der Eifel und in den Hochlagen", sagt er mit Verweis auf Sauerland und Siegerland. "Da ist der Borkenkäfer einfach langsamer", schildert er. Mit zunehmender Höhe werde es kühler. Da vermehre sich der Borkenkäfer nicht so schnell wie in tieferen Zonen. "Da haben wir dann als Forstleute eine bessere Chance, ihn aufzuhalten."

Verschwindet die Fichte ganz?

Seit 2018 sind infolge von Dürre und Borkenkäfer Schadflächen meist in den Fichtenbeständen entstanden, die etwa 15 Prozent der Waldfläche des Landes entsprechen. Gut die Hälfte ist schätzungsweise inzwischen wieder bewaldet. "Auf vielen Flächen ist natürlich auch eine Samenbank im Boden und dadurch kommt natürlich dann auch die Fichte wieder hoch", sagt der Waldbauexperte. So würden einige Freiflächen wieder bedeckt und eine Erosion verhindert. 

Nordrhein-Westfalen ist ein Buchenland, gemessen an der vorherrschenden Baumart, die 2022 einen Anteil von 19 Prozent an der Waldfläche hatte. Die Eiche steht auf Platz 2 mit damals 17 Prozent. Mit geschätzten 15 Prozent ist die Fichte aber immer noch eine wichtige Baumart. Beim klimaangepassten Umbau des Waldes setzt das Land NRW auf Mischwald mit verschiedenen Baumarten und Verjüngung, alte und junge Bäume kombiniert. Zudem könnten sich junge Bäume veränderten Umweltbedingungen besser anpassen. 

Wie hoch sind die wirtschaftlichen Schäden? 

Der Vorstandsvorsitzende des Waldbauernverbandes NRW, Eberhard Freiherr von Wrede, beziffert den Vermögensverlust im Privatwald abzüglich von 135 Millionen Euro Fördermittel auf 1,7 Milliarden Euro. "Weg, Windhauch, nicht mehr da." Zur Waldstrategie des Landes NRW sagte er: "Bei vielen Zielen gehen wir absolut mit. Bei einigen Zielen sehen wir aber andere Schwerpunkte." Rund 63 Prozent der Waldfläche in NRW befinden sich in Privateigentum - ein so hoher Anteil wie in keinem anderen Bundesland. Kommunen gehören 21 Prozent der Waldfläche und dem Land 13 Prozent. 

Wo kann Trockenheit in der Zukunft verstärkt auftreten?

Waldbau-Experte Petercord denkt bei dieser Frage an Gebiete in Nordrhein-Westfalen, die im Regenschatten von Gebirge liegen. Die sogenannte Rheinschiene zum Beispiel. "Da wird es sehr trocken werden, einfach weil wir da die Eifel davor liegen haben", verdeutlicht er. In Ostwestfalen-Lippe könne es durch den Teutoburger Wald möglicherweise weitere Niederschlagsdefizite geben. Für Bäume könne es zu einem großen Problem werden, wenn sie an ihrem Standort deutlich weniger Wasser zur Verfügung hätten als gewohnt. 

Wie kann vor Ort reagiert werden?

"Ich bin mir sicher, wir werden auch eine Diskussion bekommen um den Neubau von Talsperre, Speicherseen, kleinere, mittelgroße", sagt Meteorologe Schwanke. Es gelte den Winterregen aufzufangen, um durch bisher nicht gekannte Trockenperioden durchzukommen, Vegetation und Landwirtschaft Wasser zuführen zu können. Ein anderes Beispiel seien Regenrückhaltegruben im Wald, in denen sich Regenwasser ansammelt. In den Städten sorgten Parkanlagen an heißen Tagen für bis zu zehn Grad Temperaturunterschied. "Die wichtigste Klimaanlage unserer Gesellschaft, das sind unsere Bäume."

dpa