Bewegendes Fronttagebuch
Warum eine Deutsche an der Ukraine-Front ihr Leben opferte

Savita Wagner ist in der Ukraine unvergessen - immer wieder wird mit Blumen und Fotos an sie erinnert. Foto: Thomas Banneyer/dpa
Savita Wagner ist in der Ukraine unvergessen - immer wieder wird mit Blumen und Foto
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Die junge Deutsche Savita Wagner kämpfte als Frontsanitäterin für die Ukraine. Bis sie von einem Granatsplitter getötet wurde. Jetzt ist ihr Tagebuch erschienen. Herausgegeben von ihrer Mutter.

Als Ula Wagner die Nachricht bekam, dass ihre Tochter an der ukrainischen Front getötet worden war, glaubte sie zunächst an ein Missverständnis. Ja, sie wusste, dass Savita als deutsche Freiwillige in den Dienst der ukrainischen Armee getreten war. Aber doch nur als medizinische Assistentin in 50 Kilometer Entfernung von der Front. Das war jedenfalls das, was sie immer von ihr gehört hatte. Unmöglich, dass sie tot war. 

Doch nun kam heraus, dass Savita in Wahrheit als Frontsanitäterin im Einsatz gewesen war. Immer dort, wo es besonders gefährlich war. Als sie an jenem 31. Januar 2024 versuchte, zwei verletzte Soldaten zu bergen, durchbohrte ein Granatsplitter ihre Halsschlagader. Einen Tag zuvor hatte ein solcher Splitter sie nur um Haaresbreite verfehlt. "Ich habe so viel Glück wie kein anderer Mensch auf dieser Welt!" Das schrieb sie in ihr Tagebuch. Als letzten Satz. Sie wurde 36 Jahre alt.

Aus einer heilen Welt in die Hölle - aus freien Stücken

Für Savita Wagner war das Leben an der Front "die Hölle". Aber es war eine selbst gewählte Hölle. Die Welt, die sie dafür freiwillig verlassen hatte, war vielleicht kein Paradies, aber im Vergleich dazu doch heile Welt. Bonner Innenstadt, eine der Straßen, in denen die Kirschblüte noch im vergangenen Monat Touristenströme anzog. Hier lebt ihre Mutter Ula. 

An der Wand hängen ein paar Bilder von Savita als kleines Mädchen. Auf einem umarmt sie strahlend ihre Mama, als die von einer Dienstreise wiederkommt. Eine behütete Kindheit in den 90ern. Wer hätte sich damals vorstellen können, dass sie einmal in der "Allee des Ruhms" auf einem Friedhof in Kiew begraben liegen würde?

"Savita war überhaupt kein Kriegstyp", beteuert ihre heute 73-jährige Mutter. "Sie hat sich nie einen Kriegsfilm angeschaut, sie konnte kein Blut sehen. Hätte mir das alles vor fünf Jahren jemand gesagt, hätte ich geantwortet: völliger Quatsch." Nach dem Abitur studierte Savita Medizin, brach es aber nach der Hälfte ab und begann ein Mathematikstudium in Halle. 

Online lernte sie den Kanadier Karl Stenerud kennen. Die beiden heirateten, er verlegte seinen Arbeitsplatz als Softwarespezialist nach Deutschland. Dann kam der 24. Februar 2022. Der Angriff Russlands auf die Ukraine.

Viele waren damals wütend. Doch bei Savita Wagner muss diese Wut tiefer gegangen sein. "Ihr Haus wurde angegriffen, Europa wurde überfallen. Freiheit und Demokratie standen auf dem Spiel" – so fasst Ula Wagner Savitas Sicht auf den Angriffskrieg zusammen. Sie wollte konkret etwas tun, meldete sich als Fahrerin für Hilfsgütertransporte. Es war eine politische Entscheidung.

"Natürlich habe ich Angst"

Dann fuhr sie einen Journalisten nach Butscha, sah dort die Leichen des von russischen Truppen verübten Massakers in den Straßen liegen. Ein Schlüsselerlebnis. Danach stand für sie fest, dass das, was sie bisher getan hatte, noch nicht ausreichte. Sie machte eine militärische Ausbildung und ging als Sanitäterin an die Front. Ihr Kampfname: "Snake". 

Ula Wagner hat im Flur ihrer Wohnung ein kleines Gedenkregal für ihr einziges Kind eingerichtet. Dort steht auch ein Foto, das Savita an der Front zeigt, in Uniform, mit kugelsicherer Weste und Schusswaffe. Sie steht kerzengerade und lächelt sogar etwas. "Ich sehe Stolz und Zufriedenheit in ihrem Blick", sagt ihre Mutter. 

Doch in ihrem Tagebuch bekennt Savita offen: "Natürlich habe ich Angst." Angst, verletzt oder gelähmt zu werden. Angst, in Gefangenschaft zu geraten und dort als Trophäe vorgeführt zu werden. "Aber ich habe keine Angst, im Kampf zu sterben." Deshalb wolle sie auch nicht bemitleidet werden, falls das geschehe.  

In wirklich gefährlichen Situationen hatte sie gar keine Zeit, Angst zu haben. Dann war da nur noch Fokussierung. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass bei ihr Autismus diagnostiziert worden war. "Ich "fühle" nichts, solange ich ein Ziel vor Augen habe", fiel ihr auf. "Ich weiß nicht, ob das Professionalität ist oder eine autistische Eigenschaft. Auf jeden Fall bin ich glücklich, dass mein Gehirn so arbeitet."

Ula Wagner, eine Verwaltungsfachfrau im Ruhestand, ahnte von all dem nichts. Zwar hatte Savita auch einen Blog, auf dem sie ihre Gedanken teilte, aber von dem bekam die Mutter in Bonn nichts mit. Oder wollte sie nur nichts wissen von all dem? "Nein", sagt sie nach kurzem Nachdenken. "Ich habe wirklich nichts geahnt." Es gibt ein Video, das ihr Savita von ihrem angeblich 50 Kilometer vor der Front gelegenen Standort in einer Arztpraxis schickte. "Hallo Mama", beginnt es. "Ich dachte, du freust dich vielleicht über ein Video. Hier arbeite ich als eine Art Krankenschwester."

Überall Insekten, Spinnen, Schnecken

Ihr wahres Leben zeigt ein anderes Video, das von einem ihrer Kameraden aufgenommen wurde: Soldaten sitzen im Schützengraben, Geschosse fliegen über sie hinweg. Dann gibt es eine Explosion. Schreie sind zu hören. Aber es war nicht nur diese ständige Gefahr, mit der sie leben lernen musste. "Es ist immer kalt und feucht. Alle Sachen, die Kleidung, der Schlafsack, einfach alles ist ständig feucht. Es gibt überall Insekten, Spinnen und Schnecken. Im Bett, im Essen, unter der Kleidung."

Nimmt ihre Mutter es ihr übel, dass sie mit der Wahrheit nie herausgerückt ist? Nein, tut sie nicht. "Sie hat das getan, um mich zu schützen. Ich hätte sonst kein Auge mehr zugetan. Genauso wie Karl, ihr Mann. Mir hat sie das erspart. Und verhindern können hätte ich es sowieso nicht. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war sie nicht davon abzubringen."

Als Savita auch auf wiederholtes Drängen hin nicht bereit war, zumindest für einen Urlaub nach Deutschland zurückzukommen, kündigte Ula Wagner schließlich selbst ihren Besuch an. "Da bekam sie dann Panik. Welchen Schützengraben hätte sie als Adresse angeben sollen?" 

Sie rettete die Situation, indem sie vorschlug, sich Anfang Januar 2024 in Kiew zu treffen – ihr Mann Karl sei dann auch dort. Bei dieser Begegnung fiel Ula Wagner auf, wie sehr sich ihre Tochter verändert hatte. "Ich hatte den Eindruck, da steht ein anderer Mensch vor mir. Es waren vor allem ihre Augen, die sich so verändert hatten. Die hatten eine Tiefe, die vorher nicht da war. Heute ist mir natürlich klar, warum. Diese Augen haben Dinge gesehen, die man nicht sehen will."

Wie viele Menschen sie gerettet hat, kann niemand sagen

Einen Monat später, am Valentinstag, war Ula Wagner zurück in Kiew. Diesmal zu Savitas Beerdigung. Erst jetzt erfuhr sie, dass sie an der Front durch ihren Einsatz als Sanitäterin viele Leben gerettet hatte. Wie viele genau, kann niemand sagen. 

Savita hat vier Tapferkeitsmedaillen erhalten. Zwei davon hat inzwischen das Haus der Geschichte in Bonn auf eigenen Wunsch hin in seine Sammlung aufgenommen. Ebenso wie Savitas Stiefel, ihren Helm, ihre Feldjacke und ihr Fronttagebuch. Das Tagebuch, das jetzt als Buch erschienen ist. Titel: "Eine Deutsche im Ukraine-Krieg".

"Es ist mir wichtig, dass sie nicht vergessen wird", sagt Ula Wagner. Und dass sie ihr Vermächtnis weiterträgt. Deshalb ist sie gerade dabei, eine Stiftung zu gründen. Darin einbringen will sie einen Teil des Erlöses aus dem Verkauf ihres Elternhauses in der Bonner Altstadt. Dieses Geld soll unter anderem in Hilfsprojekte in der Ukraine fließen. Was würde Savita wohl sagen, wenn sie das sehen könnte? Ula Wagner muss lächeln. "Sie würde sagen: "Mama, machst du richtig.""

dpa