Brutzeit hat begonnen
Störche im Südwesten: Jetzt ist das Wetter entscheidend

Zu zweit sind Storchenpaare - wie hier in Freinsheim - jetzt nur noch selten unterwegs: Sobald sie brüten, bleibt einer von ihne
Zu zweit sind Storchenpaare - wie hier in Freinsheim - jetzt nur noch selten unterwegs: Sobald sie brüten, bleibt einer von ihnen bei den Eiern. Foto
© Katja Sponholz/dpa
Im Saarland und in Rheinland-Pfalz wird wieder geklappert: An vielen Orten sind die Störche aus ihren Winterquartieren zurückgekommen. Von der Vogelgrippe sind sie ganz unterschiedlich betroffen.

Die Zeiten, in denen der Weißstorch als bedroht galt, sind lange vorbei. Experten im Saarland und in Rheinland-Pfalz sind sich einig, dass die Population der Tiere ungefährdet ist - und auch die größte Befürchtung, die Naturschützer Christoph Braunberger umtrieb, hat sich in diesem Jahr offenbar nicht bewahrheitet.

"Ich hatte gedacht, dass der Bestand erstmalig wieder zurückgeht, weil in Spanien mehrere Tausend Störche an der Vogelgrippe verendet sind. Aber bisher zeigt sich das noch überhaupt nicht", sagt der Ornithologe und Sprecher der Storchen AG Saarland des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) erleichtert. Zwar habe er noch keinen vollständigen Überblick, aber er gehe davon aus, dass die Zahl von 57 Storchen-Paaren aus dem Vorjahr sogar noch übertroffen werden könnte. 

In Rheinland-Pfalz fällt die Prognose bislang weniger optimistisch aus: "Wir haben sehr viele Verluste durch die Vogelgrippe", sagt Christian Reis vom Storchenzentrum Bornheim. Zwar seien diese größtenteils schon von jungen Paaren wieder ersetzt worden, "nichtsdestotrotz wird es keinen so großen Anstieg wie in den Jahren zuvor geben", ist er überzeugt. Er sei jedenfalls skeptisch, ob in Rheinland-Pfalz wieder 750 Paare gezählt werden können wie im Vorjahr. Hinzu kommt: Bei den neuen Paaren handle es sich um Erstbrüter, die alle sehr unerfahren seien: "Da ist alles mit dem Bruterfolg fraglich."

Storchenkamera mit vielen Fans

Was das bedeutet, hatten Storchenfreunde im vergangenen Jahr in Freinsheim (Kreis Bad Dürkheim) erlebt: Dort war der Storchenmann mehrere Tage verschwunden und hatte seine Partnerin mit dem Gelege alleine gelassen. Weil diese nicht im Alleingang hätte brüten und sich ernähren können, entschieden die Experten aus Bornheim, die vier Eier zu sichern. Mit Erfolg: Ein Ammenpaar in der Pflegestation übernahm das Brüten, ein Küken wurde groß und konnte ausgewildert werden. Auch in diesem Jahr hat das Paar wieder seinen Horst auf der Protestantischen Kirche bezogen und bereits vier Eier gelegt.

Was sich dort im Nest tut, können Storchen-Fans rund um die Uhr mit Hilfe einer Storchenkamera beobachten. Und die Zahl der Anhänger ist groß: Im März verzeichnete Florian Graus, der die Storchenkamera mit seiner Firma beim Erstbezug des Nestes 2022 installiert hat, mehr als 23.200 Zugriffe. Dem Instagram-Account, den seine Frau Marie-Louise Wiesenbach unter dem Namen "storchenkamerafreinsheim" betreibt, folgen bereits mehr als 800 Nutzer.

Küken brauchen vor allem Regenwürmer

Bis in Freinsheim die ersten Küken schlüpfen können, werden noch einige Wochen vergehen: Rund einen Monat dauert es von der Ei-Ablage zu Ostern.Schneller waren da die Störche aus Winden (Landkreis Germersheim) in der Pfalz: Nachdem sie bereits Ende März Eier gelegt hatten, konnte dort bereits in der vergangenen Woche das erste Junge gesichtet werden.

Wie sich der Bruterfolg in diesem Jahr entwickeln wird, wird hauptsächlich vom Wetter und dem damit verbundenen Nahrungsangebot abhängen. "Wenn es einen trockenen Mai gibt, wird die Jungen-Sterblichkeit recht hoch sein", befürchtet Christoph Braunberger. Gerade in den ersten zehn Tagen ihres Lebens seien die Küken ausschließlich auf Regenwürmer angewiesen. 

"Wenn es zu trocken ist, finden die Eltern kaum welche - dann wird es für die Jungen eng." Später dann könnte es durch lange Regenperioden zu Ausfällen kommen: vor allem bei Vögeln, die von den Eltern nicht mehr gehudert - also abgedeckt - werden. Die sinkende Körpertemperatur kann für die Tiere, die noch kaum isolierende Federn und wenig Körperreserven haben, dann lebensgefährlich werden.

Naturschützer lehnen Füttern ab

Ohnehin ist der Bruterfolg laut Braunberger nie sehr hoch und liegt bei durchschnittlich einem Jungvogel pro Nest. Die Tiere, die zu schwach sind, werden gefressen oder aus dem Nest gestoßen. "Hört sich für einige schlimm an, ist aber die Natur!" unterstreicht der Ornithologe.

Für ihn ist klar: Störche sollten auch in schwierigen Zeiten nicht bei der Nahrungssuche unterstützt werden. "So etwas kommt auf keinen Fall infrage. Der Bestand ist ungefährdet", sagt er. Derartige Maßnahmen seien "ein reines Tierschutz-Argument und haben mit Naturschutz nichts zu tun." Hier gelte: Survival of the fittest - sprich: Die Stärksten überleben.

Dass es seit einiger Zeit offenbar viel mehr Störche als früher gibt, ist nicht nur ein subjektiver Eindruck: "Das ist Fakt", sagt Christian Reis. "Der Storch ist sehr anpassungsfähig und hat sich umgestellt."

Zugwege sind kürzer geworden

Grund dafür sei vermutlich, dass sich die Zugwege nicht zuletzt durch den Klimawandel verkürzt haben und für die Tiere deutlich weniger gefährlich wurden. Laut Reis ziehen weniger als ein Drittel der Tiere noch bis nach Afrika, die anderen bis nach Frankreich und Spanien.

Dass die Population in Deutschland irgendwann zu groß werde, diese Gefahr sieht Ornithologe Braunberger nicht: "Das Wort "zu viel" kennt die Natur nicht", sagt er.

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dpa