Porträt
Harald Meller - Architekt des archäologischen Aufbruchs

Zu Beginn von Harald Mellers Tätigkeit als Landesarchäologe konnte die Himmelsscheibe von Nebra gerettet werden. Heute ist sie w
Zu Beginn von Harald Mellers Tätigkeit als Landesarchäologe konnte die Himmelsscheibe von Nebra gerettet werden. Heute ist sie weltberühmt. (Archivbild) Foto
© Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa
Er machte die Himmelsscheibe weltberühmt und Sachsen-Anhalt zum Hotspot der Archäologie. Sei2029 plant Landesarchäologe Harald Meller seine letzte große Ausstellung. Zeit für eine Bilanz.

Als Harald Meller am 1. März 2001 sein Amt als Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt antritt, liegt das Museum im Dornröschenschlaf. Die Dauerausstellung ist abgebaut, das Gebäude sanierungsbedürftig, die wichtigsten Funde lagern unter eingezogenen Zwischendecken oder verstreut in Scheunen im ganzen Land. Es gibt kein zentrales Magazin, keine moderne Restaurierungswerkstatt, kaum EDV-Vernetzung. Sogar die Zukunft des Hauses steht infrage.

Heute, 25 Jahre später, ist das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle international vernetzt, baulich saniert und wissenschaftlich hochrenommiert. Die Archäologie in Sachsen-Anhalt gilt als Erfolgsmodell. Meller, 65, ist ihr Gesicht.

Einstieg mit dem Fund der Himmelsscheibe

"Harald Meller hat für die Archäologie in Sachsen-Anhalt und auch darüber hinaus unheimlich viel erreicht", sagt die Leiterin des Lehrstuhls für Vor- und Frühgeschichte an der Universität München, Carola Metzner-Nebelsick. "Sicherlich hatte er auch Glück, dass er mit dem bedeutenden Fund der Himmelsscheibe eingestiegen ist. Aber er hat es dann verstanden, durch gezielte Forschung und kluge Aufarbeitung daraus weiteres wissenschaftliches Kapital zu schlagen." 

"Er hat versucht, offene Fragen zur Vor- und Frühgeschichte in Sachsen-Anhalt durch gezielte Ausgrabungen und Forschungen zu beantworten. Das ist ihm und den Kollegen am Landesamt für Archäologie Sachsen-Anhalt gelungen", hebt Metzner-Nebelsick hervor. "Wir wissen heute sehr viel mehr über die Zeit von den Anfängen menschlicher Besiedlung Sachsen-Anhalts bis in das Mittelalter als früher."

Neustart mit Ausstellung

Mellers erste Amtshandlung ist programmatisch: Zum 120-jährigen Bestehen des Museums kuratiert er 2001 die Ausstellung "Schönheit, Macht und Tod" und gibt einen Begleitband mit 120 Funden aus 120 Jahren heraus. "Damals konnten wir nur das Atrium und den Säulenumgang im 1. Obergeschoss bespielen", erinnert sich der Landesarchäologe. Vom 11. Dezember 2001 bis 28. April 2002 strömen die Besucher in das damals noch provisorisch geöffnete Haus. Die Ausstellung wird zum Signal: Das Gebäude bleibt Archäologiemuseum.

Die Himmelsscheibe von Nebra wird Welterbe

Der eigentliche Wendepunkt folgt 2002. Nach einer fingierten Verkaufsaktion in Basel wird im Februar die berühmte Himmelsscheibe von Nebra sichergestellt. Schon im April wird die Scheibe erstmals öffentlich gezeigt. "Es kamen knapp 11.000 Besucher in zwei Wochen", sagt Meller.

Die bronzene Scheibe mit Goldapplikationen, die Sonne, Mond und Sterne zeigen, wird zum "Jahrhundertfund". Später macht sie international Station unter anderem in Kopenhagen, Mannheim, Basel und London. Die große Landesausstellung "Der geschmiedete Himmel" rund um die Himmelsscheibe im Landesmuseum für Vorgeschichte 2004/2005 zieht 286.000 Besucher an. Im Jahr 2013 wird die Himmelsscheibe in die Liste des Weltdokumentenerbes der Unesco aufgenommen und damit endgültig zum globalen Markenzeichen sachsen-anhaltischer Archäologie.

Meller spricht von einem "absoluten Schub", den sein Fach durch die Himmelsscheibe erhielt. Die Forschungen zur Scheibe selbst sowie zu ihrem kulturhistorischen Kontext erbrachten bahnbrechende Entdeckungen – wie den wiederentdeckten Großgrabhügel Bornhöck oder das Ringheiligtum und die größte bekannte frühbronzezeitliche Siedlung Mitteleuropas in Pömmelte – und rückten Mitteldeutschland ins Zentrum internationaler wissenschaftlicher Aufmerksamkeit.

DNA-Pioniere und Fürstengräber

Doch es bleibt nicht bei einem Sensationsfund. Im Jahr 2008 gelingt mit Hilfe der DNA-Erbgutanalyse an den Familiengräbern von Eulau erstmals der genetische Nachweis einer Kernfamilie in der europäischen Vorgeschichte. "Damit ist klar, dass Menschen bereits vor 4.600 Jahren in Kern-Familien mit Vater, Mutter und zwei Kindern zusammenlebten", sagt der Landesarchäologe. 

Über den Durchbruch berichtet selbst das "Time Magazine", das die Eulauer Familie in die Liste der zehn wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen des Jahres 2008 wählt. Auch Funde wie die "Schamanin von Bad Dürrenberg", die germanische "Prinzessin von Profen" oder die nordöstlichsten bekannten Marschlager des römischen Imperiums sorgten und sorgen für Aufmerksamkeit.Heute kooperiert das Museum mit rund 280 Forschungspartnern weltweit, publiziert regelmäßig in internationalen Fachzeitschriften und verleiht Objekte in alle Welt – von Madrid über Rom und Paris bis nach Nagoya (Japan) sowie in die USA. Rund 17 große Sonderausstellungen verantwortete Meller in Halle, etwa 50 weitere Projekte entstehen in Kooperation im In- und Ausland. Auch touristische Standorte wie die Arche Nebra oder das Museum Lützen 1632 stärken die Kulturlandschaft.

Niederlagen und offene Wünsche

Trotz aller Erfolge kennt Meller auch Enttäuschungen. Als Vorstandsmitglied des Naturkundemuseums der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wirbt er seit Jahren für ein eigenständiges Naturkundemuseum in Halle. Die Fossilien des Geiseltals – Zeugnisse der Wirbeltierentwicklung vor 50 Millionen Jahren – zählen zu den bedeutendsten Sammlungen weltweit. Doch eine große Präsentation bleibt aus. "Das empfinde ich als Niederlage", sagt er.Auch denkmalpflegerische Entscheidungen in Halle sieht Meller kritisch – etwa die Pflasterung des Marktplatzes mit schwarzem Granit aus China statt regionalem Porphyr. Für den streitbaren Landesarchäologen sind solche Fragen mehr als Detailfragen: Sie betreffen Identität.

Blick auf Otto den Großen

Sein nächstes Großprojekt steht bereits fest: 2029 will Meller eine große Ausstellung zum Thema "Otto Imperator. Archäologie der Ottonenzeit" realisieren - mit Leihgaben aus ganz Europa und den neuesten archäologischen Entdeckungen. Dazu sollen Korrespondenzstandorte im Zusammenhang mit Otto von Memleben bis Magdeburg kommen. Die Eröffnung der Schau ist für Frühling 2029 geplant. Am 1. Januar 2030 will er in den Ruhestand gehen.

Mellers Bilanz nach einem Vierteljahrhundert fällt selbstbewusst aus: "Die Archäologie produziert kontinuierlich gute Nachrichten in einer oft von Krisen dominierten Welt." Die Besucherzahlen zeigen, dass das Museum auch ein Wirtschaftsfaktor sei. Vor allem aber habe die Himmelsscheibe Mitteldeutschland auf die archäologische Weltkarte gesetzt. "Ich werde weiterhin in Halle wohnen und wenn ich gesund bleibe, forsche ich weiter", sagt der Landesarchäologe. 

Was 2001 als Sanierungsfall begann, ist heute ein internationaler Leuchtturm und Harald Meller sein Architekt.

dpa

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