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Abschied von der Priorisierung "Der falsche Schritt": Das halten Experten von der Freigabe des Astrazeneca-Impfstoffs

Impfung mit Astrazeneca-Wirkstoff
Die Skepsis ist groß: Viele wollen sich nicht mit dem Astrazeneca-Wirkstoff impfen lassen.
© Prostock-Studio / Getty Images
Das Hin und Her um den Impfstoff von Astrazeneca geht weiter. Nach mehrmaligem Empfehlungs-Richtungswechsel haben Bund und Länder nun beschlossen, ihn für alle freizugeben und die Priorisierung aufzuheben. Experten sehen das kritisch.

Das Chaos hat einen Namen: Astrazeneca. Kein anderer Impfstoff sorgte in den vergangenen Monaten für so viel Furore und Unsicherheit. Der Wurm war von Anfang an drin. Erst wurde das Vakzin nur an Impflinge unter 65 Jahren verimpft, dann folgte nach mehreren Todesfällen der Impfstopp und plötzlich galt Astrazeneca als der Wirkstoff für die Älteren. Empfohlen wurde er nur noch eingeschränkt für unter 60-Jährige. Jetzt ist mal wieder alles anders: Bund und Länder haben am Donnerstag die Priorisierung gekippt. Nun dürfen sich wieder alle Erwachsenen mit dem Vakzin impfen lassen - einige Bundesländer hatten die Priorisierung ohnehin bereits aufgehoben. Und auch auf die Zweitimpfung müssen Patienten nicht mehr zwingend zwölf Wochen warten. Wann die zweite Dosis gespritzt wird, liegt fortan im Ermessen des Arztes.

"Das heißt, dass beim Impfen in den Arztpraxen die Ärzte entscheiden, wer jetzt wann mit dem Impfen dran ist", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn. Aber der Imageschaden ist längst angerichtet. Zuletzt zeigte sich, dass sich viele Menschen zwar impfen lassen wollen, aber eben nicht mit Astrazeneca. Die Skepsis ist nach dem Wirrwarr um die Empfehlungen groß. Dagegen konnte auch die Umbenennung in Vaxzevria nichts ausrichten. In vielen Impfzentren und Hausarztpraxen stauten sich die Dosen, drohten zu verfallen, landeten gar in der Tonne. Um dem entgegenzuwirken, ließen sich einige Ärzte daher kreative Lösungen einfallen. Eine Pforzheimer Hausärztin initiierte eine Impf-Aktion auf einem Supermarkt-Parkplatz, ein Hausarzt aus Kirchlengern bot Astrazeneca-Impftermine auf Ebay an.

Mehr Flexibilität, geringerer Immunschutz?

Die Änderung nun soll für mehr Flexibilität sorgen, den Impffortschritt in Deutschland weiter beschleunigen. Ist der Abschied von der Priorisierung der richtige Weg? Experten sehen die Freigabe nicht nur positiv. "Um unsere Impfziele zu erreichen, möglichst viele Menschenleben zu schützen, können wir es uns nicht erlauben, Impfdosen ungenutzt zu lassen", meint Carsten Watzl, Leiter des Forschungsbereichs Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund. "Wenn der Impfstoff von Astrazeneca nicht mehr bei den über 60-Jährigen verimpft werden kann, so bin ich absolut für eine Freigabe!" Das Risiko der speziellen Thrombosen als Nebenwirkung sei sehr gering, das Risiko einer schweren Komplikation durch Covid-19 für viele Personen dagegen sehr viel höher. Dennoch schränkt er ein: "Lediglich bei den unter 30-Jährigen würde ich zur Verwendung eines mRNA-Impfstoffes raten.“

Letzten Endes gehe es um die Abwägung, ob die Impfung oder die Infektion das größere Risiko darstellt, sagt auch Anke Huckriede, Professorin für Vakzinologie am Institut für Medizinische Mikrobiologie der niederländischen Universität Groningen. Bei höherem Alter oder Vorerkrankungen, aber auch bei einem großen Risiko auf Infektion, sei das Risiko einer Erkrankung mit schwerwiegenden Folgen sicher größer einzuschätzen als das durch die Impfung. Sie sagt: "Ich finde es darum richtig, die Einschätzung den Leuten selbst zu überlassen, nach Rücksprache mit dem Hausarzt.“

"Für die Impfstrategie ist Verkürzung der falsche Schritt"

Widersprüchlicher als die Freigabe für unter 60-Jährige schätzen die Experten die Verkürzung der Impfabstände ein. Dies könnte dazu führen, dass zwar manche schneller vollständig geschützt sind, dafür andere auf die erste Impfdosis, die bereits für einen gewissen Schutz sorgt, länger warten müssten. Uneinigkeit herrscht auch darüber, ob ein kürzerer Zeitabstand zwischen Erst- und Zweitimpfung negative Auswirkungen auf die Schutzwirkung haben könnte.

Huckriede geht davon aus, dass dies "keinen großen Einfluss auf die Wirksamkeit haben wird". Sie beruft sich auf vorläufige Daten einer US-Studie, demnach liege bei einem vierwöchigen Intervall zwischen den Impfungen der Schutz gegen eine symptomatische Erkrankung bei 76 Prozent, bei Älteren sogar etwas höher. Eine Verkürzung müsse daher "nicht nachteilig sein". Der Impfstoff würde zudem vermutlich nicht anderen vorenthalten, "da es anscheinend einen größeren Vorrat an Astrazeneca-Impfstoff gibt".

Anders sieht das hingegen Watzl. Er beruft sich auf andere Daten. Laut diesen führe eine Verkürzung des Intervalls nachweislich zu einer Reduktion der Schutzwirkung. "Studien haben klar gezeigt, dass die Effektivität bei einem Abstand von weniger als sechs Wochen nur 55 Prozent beträgt und erst bei einem Abstand von zwölf Wochen bei über 80 Prozent liegt! Das ist schon ein gewaltiger Unterschied", so Watzl. "Daher muss man den Menschen klar sagen: Wenn Sie Ihren Impfabstand bei AstraZeneca verkürzen, um damit schneller in den Genuss von Lockerungen zu kommen, machen Sie das auf Kosten ihres Immunschutzes!"

Abschied von der Priorisierung: "Der falsche Schritt": Das halten Experten von der Freigabe des Astrazeneca-Impfstoffs

Die Verkürzung führe zudem dazu, dass weniger Personen einen frühen Immunschutz durch die erste Impfung erhielten. Gerade jetzt müssten aber viele Personen mit Vorerkrankungen durch eine Impfung geschützt werden, um die Folgen der dritten Welle abzumildern. "Für die Impfstrategie ist die Verkürzung der Impfabstände der falsche Schritt", sagt er. "Im Sommer haben wir genügend Zeit, uns um die Zweitimpfungen zu kümmern, die natürlich absolut notwendig sind. Dann sind hoffentlich die Inzidenzen wieder so niedrig, dass alle in den Genuss von Lockerungen kommen und nicht nur die 15 bis 20 Prozent, die wir jetzt mit einer Verkürzung des Impfabstandes schnell vollständig impfen würden."

Christian Bogdan, Direktor des Mikrobiobiologischen Instituts am Universitätsklinikum Erlangen und Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) formuliert es drastischer. Durch eine Intervallverkürzung, sagt er, erreiche man vor allem diejenigen Menschen, die möglichst schnell den Status des 'vollständig Geimpften' erlangen wollen. Dies würden mehrheitlich vor allem junge Menschen sein, die an COVID-19 aber nur äußert selten schwer oder gar tödlich erkranken. "Wichtig wird sein, dass durch eine solche Strategie nicht die zahlreichen gefährdeten Menschen, die bisher noch nicht geimpft sind – unter anderem 20 Prozent der über 80-Jährigen, 46 Prozent der 70- bis 79-Jährigen und 69 Prozent der 60- bis 69-Jährigen –, ohne zeitnahes Impfangebot bleiben."

Quelle: Zitate laut Science Media Centre

tpo

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