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Deutschlands neue Teststrategie Priorisierung bei PCR-Tests – was das für den Alltag bedeutet

Deutschlands neue Teststrategie: Die Testlabore sind bei der Untersuchung von PCR-Tests inzwischen an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt
Die Testlabore sind bei der Untersuchung von PCR-Tests inzwischen an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt
Weil die Testkapazität in den Laboren knapp ist, soll beim Verdacht auf eine Coronainfektion nur noch im Ausnahmefall ein PCR-Test notwendig sein. Hört sich vernünftig an – aber es bleiben viele offene Fragen.

Nun ist es also so weit. Omikron verbreitet sich in Windeseile. Bei den Neuinfektionen und der Sieben-Tage-Inzidenz jagt ein Höchstwert den nächsten. Das Spitzentrio bei den Bundesländern besteht derzeit aus den Stadtstaaten Berlin (1593,5) Hamburg (1547,4) und Bremen (1496,3).

Um in die offizielle Statistik einzugehen, stand vor jedem gezählten Coronafall bisher ein positiver PCR-Test und dessen Erfassung. Doch die schiere Vielzahl der Omikron-Fälle hat die Testlabore an ihre Kapazitätsgrenzen gebracht. Aus diesem Grund hat die Ministerpräsidenten-Konferenz gestern eine Änderung der Teststrategie beschlossen. Es sei "unabdingbar, Priorisierungen vorzunehmen", stellten Bundeskanzler Olaf Scholz und die Länder-Vertreter fest. Zukünftig sollen PCR-Test nur noch für das Personal in Krankenhäusern, Praxen, in der Pflege, Einrichtungen der Eingliederungshilfe sowie für Risiko-Patienten zur Verfügung stehen. Zum Freitesten aus der Kontaktpersonen-Quarantäne oder Infizierten-Isolation sollen zertifizierte Antigen-Schnelltests ausreichen. Ab wann die Regelung gilt, ist noch offen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach soll dazu die Testverordnung überarbeiten.

Umsetzung könnte noch einige Wochen dauern

Das kann allerdings noch dauern. Niedersachsens Ministerpräsiden Stephan Weil sprach im NDR von "einigen Wochen". Man müsse "erst noch in Ruhe und im Detail" darüber sprechen, wie auch Antigentests, die an Teststationen durchgeführt werden, in die Teststrategie miteinbezogen werden können.

In der Tat wirft der Beschluss zur Priorisierung Fragen auf. PCR-Tests waren bisher die einzig gültige Währung, mit denen die Dynamik des Infektionsgeschehens dokumentiert wurde. Lediglich PCR-getestete Fälle gingen in die offizielle Corona-Statistik ein. Ein positiver Antigen-Schnelltest, ob zu Hause gemacht oder in einem Testzentrum, musste stets durch einen PCR-Test abgesichert werden. Und bei wem die Corona-Warn-App rot ausschlug und eine erhöhte Risiko-Begegnung auswies, durfte sich kostenlos mit einem PCR-Test Gewissheit verschaffen.

Wie zuverlässig sind Antigen-Schnelltests?

Künftig soll dazu ein zweiter überwachter Antigentest ausreichen. Bedenken wegen der möglicherweise mangelhaften Zuverlässigkeit gibt es für Gesundheitsminister Lauterbach nicht: " Wenn zwei Antigentests hintereinander positiv sind, dann ist das fast so sicher wie ein PCR-Test", so Lauterbach.

Abgesehen davon, dass diese Einschätzung unter Wissenschaftlern durchaus umstritten ist, hat die Priorisierung beim Testregime auch andere weitreichende Auswirkungen – etwa beim Genesenenstatus. Wer bislang belegen wollte, dass er Covid durchgemacht hat, brauchte dazu einen PCR-bestätigten Nachweis. Ein bloßer Antigentest reichte dazu bislang nicht aus. Boris Augurzky, Gesundheitsökonom des Leibnitz-Instituts für Wirtschaftsforschung, bringt es auf den Punkt: "An einem PCR-Test können Grundrechte hängen." Einkaufen, Restaurantbesuche, Kinoabende sind derzeit oft nur unter Einhaltung der 2G- bzw. 2G+-Regel möglich. Wer seinen Genesenen-Status nicht nachweisen kann, wird – sofern er nicht geimpft ist – von großen Teilen es öffentlichen Lebens ausgeschlossen.

Gesundheitsminister Lauterbach zu Lauterbach zu neuen Corona-Beschlüssen

Und auch wer nach einer Corona-Infektion Ansprüche geltend machen will, etwa bei der Krankenkasse oder der Berufsgenossenschaft, ist auf einen PCR-Test angewiesen. Antigen-Schnelltests werden derzeit nicht akzeptiert.

All das muss sich also in Zukunft ändern, wenn die beschlossene Priorisierung bei den PCR-Tests künftig greift. Immerhin, es scheint so, als ob diese Bedenken auch in der Politik wahr genommen worden sind. Die regierende Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey, hatte sich bereits vor einer Woche bei "Mabrit Illner" dafür ausgesprochen, dass die Antigen-Schnelltests als Genesenennachweis akzeptiert werden. "Dafür braucht es eine neue Testverordnung", so Giffey.

Exakt daran sitzt jetzt Giffeys-Parteikollege, Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Auf Anfrage des stern, wann der Priorisierungsbeschluss in die Testverordnung eingearbeitet ist, hieß es aus dem Ministerium: "Aus Sicht des BMG soll das Verfahren zügig abgeschlossen werden." Solange gilt vorerst noch das alte Testregime: Sprich: Zum Freitesten aus der Quarantäne, für einen Genesenennachtweis etc. bedarf es weiterhin eines PCR-Tests. 


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