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Labore am Limit Omikron zwingt Deutschland zu einer neuen Teststrategie. Warum das nicht unbedingt die Lösung ist

Labore am Limit: Omikron zwingt Deutschland zu einer neuen Teststrategie. Warum das nicht unbedingt die Lösung ist
Sehen Sie im Video: "10 Prozent Puffer": Labore arbeiten an der Kapazitätsgrenze.




Willkommen bei Bioscientia. Es ist eines der größten Labore für Coronatests in Deutschland. Zurzeit läuft hier alles auf Hochtouren, wie Oliver Harzer, Geschäftsführer der Firma am Montag in Ingelheim bestätigt: O-TON OLIVER HARZER, GESCHÄFTSFÜHRER VON BIOSCIENTIA: "Also, irgendwie so zehn Prozent Puffer über das Land verteilt haben wir noch drin. Es gibt ein paar Standorte, die schon im Grenzbereich sind, aber das können wir dann ganz gut lösen, indem wir die Proben im Land verschicken." Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat am Montag einen neuen Höchstwert bei der Sieben-Tage-Inzidenz gemeldet: Der Wert stieg auf 528,2 nach 515,7 am Vortag. Auch Oliver Harzer spürt die gestiegenen Infektionszahlen und sieht Gründe und Parallelen: O-TON OLIVER HARZER, GESCHÄFTSFÜHRER VON BIOSCIENTIA: "Also, eine große Rolle spielt sicherlich die Ansteckungsfähigkeit von Omikron. Wir haben sowas Ähnliches ja mit Delta erlebt, im letzten Herbst nach den Herbstferien, mit einer sehr starken Spitze. Omikron ist deutlich ansteckender. Omikron hat sich jetzt auch wieder nach den Weihnachtsferien und jetzt mit Schulbeginn eben deutlich verbreitet. Und das führt eben zu einem massiven Infektionsanstieg und dann eben natürlich auch mit einer entsprechenden Auslastung aller Test-Einheiten, die wir so in Deutschland zur Verfügung haben." Insgesamt registrierte das RKI rund 34.000 Neuinfektionen. Das sind etwa 9.000 Positiv-Tests mehr als vor einer Woche. Erstmals stieg die Zahl der in Deutschland mit dem Corona-Virus Infizierten damit auf mehr als acht Millionen Menschen. Sorgen macht den Wissenschaftlern, dass in Deutschland noch immer eine Impflücke von circa 20 Millionen ungeimpften Personen herrscht. Denn zurzeit sind es vor allem Ungeimpfte, die in den Intensivstationen der Krankenhäuser behandelt werden müssen.
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Mitten in der Omikron-Welle kommen die Labore an ihre Grenzen. PCR-Tests können nicht mehr ausgewertet und sollen deshalb priorisiert werden. Wie das Ganze aussehen soll? Ein klarer Plan fehlt bisher.

PCR-Tests gelten als "Goldstandard" unter den Corona-Tests. Im Vergleich zu Schnell-, Antigen- oder Selbsttests sind sie in der Lage, eine Coronainfektion trotz geringer Viruslast als solche zu erkennen. "Ob als Selbsttest oder im Fachlabor – Antigentests arbeiten nach demselben Prinzip: Sie weisen im Abstrich die Oberflächenproteine des Virus nach, während der PCR-Test dessen Erbsubstanz vor der Messung vervielfältigt und daher auch geringere Viruslasten erkennt", erklärt Hendik Borucki vom Laborverbund Bioscientia in Ingelheim gegenüber dem stern. Das bedeutet: Selbst wenn die Viruslast gering ist, erkennen PCR-Tests zuverlässiger eine Infektion. Falsch-negative Ergebnisse kommen bei PCR-Tests seltener vor. Der einzige Nachteil: Die Testergebnisse lassen länger auf sich warten, weil ihre Auswertung aufwendiger ist.

Zuletzt wurden laut Robert Koch-Institut (RKI) und dem Laborverband ALM rund zwei Millionen Tests pro Woche durchgeführt – ein Höchststand in der Coronakrise. Von den zwei Millionen Tests war rund jeder vierte positiv, die Labore waren zu 86 Prozent ausgelastet. Für die vergangene Woche wurde eine Kapazität von etwa 2,5 Millionen Tests gemeldet. Wegen der neuen Virusvariante Omikron steht Deutschland derzeit jedoch vor einem Problem: Weil die Fallzahlen täglich dramatisch steigen, kommen die Labore mit der Auswertung der PCR-Tests nicht mehr hinterher.

"Wir verzeichnen von Woche zu Woche neue Rekorde", berichtet Borucki. Allein vergangene Woche haben seinen Angaben zufolge die Labore von Bioscientia 175.000 PCR-Tests ausgewertet. Der Laborverbund zählt 20 Einrichtungen, allerdings werten nur neun davon Corona-Tests aus – rund ein Drittel der Befunde kommen aus dem ingelheimer Labor. Engpässe bei den Reagenzien gebe es zwar keine, allerdings sei das Personal erschöpft. Zudem fallen manche Mitarbeiter krankheitsbedingt aus. "Die Erkältungswelle geht nicht unbemerkt an den Mitarbeitern vorüber", sagt Borucki. Weil die Labore zunehmend an ihre Belastungsgrenzen stoßen, sollen künftig nur noch bestimmte Gruppen einen PCR-Test machen können. Darüber soll unter anderem bei der Bund-Länder-Runde an diesem Montag entschieden werden.

Omikron-Welle: Wien analysiert gleichviel PCR-Tests wie Deutschland

Laut der aktuell noch gültigen Testverordnung hat jeder, der einen positiven Selbsttest hat oder an einer Teststelle ein positives Schnelltestergebnis bekommt, Anspruch auf einen hochwertigeren PCR-Test. Das gilt auch für Personen, deren Corona-Warnapp rot leuchtet. Künftig sollen die PCR-Tests aber nur noch für vulnerable Gruppen sowie medizinisches und pflegerisches Personal zur Verfügung stehen. Soll heißen: Auch wenn der Schnelltest oder Antigentest positiv ist oder die Warnapp auf Rot steht, kann auf einen PCR-Test verzichtet werden – so steht es zumindest in der aktuellen Beschlussvorlage.

Ein Blick ins Ausland wirft jedoch die Frage auf, warum Deutschland bei den Kapazitäten so weit hinterherhinkt. Ein Beispiel dafür, wie es besser gehen könnte, ist die österreichische Hauptstadt Wien. Dort wurde die Infrastruktur bereits 2020 ausgebaut, sodass sich die Bürger mit dem Angebot "Alles gurgelt" auch Zuhause testen können. Die PCR-Tests können in Drogeriemärkten gekauft, daheim durchgeführt und anschließend in Geschäften oder an Tankstellen wieder abgegeben werden. Zweimal täglich werden die Proben dann von der Post eingesammelt und ins Labor gebracht.

Auf das Ergebnis müssen die Bürger maximal 16 Stunden warten. Anders in Deutschland: "Aktuell können wir nicht mehr überall innerhalb von 24 Stunden liefern, Kliniken ausgenommen", sagt Borucki. Wien meldete zuletzt 2,1 Millionen ausgewertete PCR-Tests. Wegen der Omikron-Variante hat die Stadt die Kapazität sogar aufgestockt, von 500.000 auf 800.000 Tests täglich. Die Kosten, sechs Euro pro Test, werden vom Bund übernommen.

Ähnlich sieht es in Großbritannien aus: Das Land, in dem die DNA entdeckt wurde und das vermutlich deshalb als Vorreiter bei der Sequenzierung von Erbgut gilt, hat nach Behördenangaben allein am letzten Mittwoch 997.252 PCR-Tests durchgeführt. Auch Frankreich testet häufiger. Für die ersten beiden Januarwochen meldeten die französischen Behörden fast acht Millionen PCR-Tests. Zum Vergleich: Für Deutschland registrierte das RKI unter vier Millionen. Hendirk Bourucki gibt allerdings zu Bedenken, dass nicht bekannt ist, inwieweit wie Pooling-Tests in anderen Ländern mitgezählt oder separat ausgewiesen werden. Bei dem Pooling-Verfahren werden immer zehn Abstriche zusammengefasst. Deutschland hatte sich gegen dieses Verfahren entscheiden. Einzige Ausnahme sind die Testungen der Schüler.

Eine kostspielige Strategie?

Auf Anfrage des stern äußerte sich das Bundesgesundheitsministerium zurückhaltend. Statt die Testkapazitäten auszubauen scheint man sich gegenwärtig damit zu begnügen, diese zu reglementieren. "Angesichts des derzeit hochdynamischen Infektionsgeschehens steht ein effektiver Einsatz der PCR-Testkapazitäten im Vordergrund", lautet die schriftliche Antwort. Es sei sicherzustellen, dass vulnerable Gruppen ausreichend geschützt werden, daher werde die Testverordnung entsprechend angepasst. Und: "Die Abstimmungen dazu laufen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns derzeit nicht zu Details äußern können." Fragen dazu, warum die Testkapazitäten nicht schon in den ersten Pandemiejahren aufgestockt wurden und wie die Priorisierung kontrolliert werden soll, ließ das Ministerium unbeantwortet.

Borucki berichtet, das in den Laboren des Bioscientia-Verbundes symptomatische Personen und Gesundheitspersonal schon seit Pandemiebeginn priorisiert werden. Die Kontrolle darüber, ob nur noch PCR-Proben kontrolliert werden, haben die Labore jedoch nicht. Lediglich die Auftragsscheine, die die Labore erhalten, bieten Hinweise darauf, ob die Probe von einem symptomatischen Patienten stammt. "Wir handeln nur auf Zuweisung", sagt Borucki. Ob eine Person PCR-Test-berechtigt ist, müsse an anderer Stelle überprüft werden. Den aktuellsten Zahlen zufolge wurden fast zehn Prozent aller positiven Antigentests mittels eines PCR-Tests bestätigt. Diese würden mit der neuen Teststrategie nun wegfallen – eine große Entlastung für die Labore sei das aber nicht.

Auch die Apotheken, die neuerdings PCR-Coronatests durchführen können, können die Belastung der Labore kaum ausmerzen. Die Geräte, die den Apothekern zu Verfügung stehen, sind nach Angaben von Evangelos Kotsopoulos etwa, ALM-Vorstandsmitglied sowie CEO und Geschäftsführer von Sonic Healthcare Germany zu langsam. Eine signifikante Entlastung sei nicht zu erwarten, sagte er gegenüber der "Pharmazeutischen Zeitung".

Gleichzeitig hat diese Strategie auch ihren Preis, wie Borucki zugibt. Würden die Tests nicht priorisiert eingesetzt, bestehe die Gefahr, dass Corona-Infektionen bei kranken Menschen oder Gesundheitspersonal nicht schnell genug entdeckt würden. "Das heißt wir schwächen das Gesundheitssystem an der Front wo es verletzlich ist – bei Kranken und Schwachen", sagt Borucki. Andererseits bestehe nun das Risiko, dass sich Reisende oder Menschen in Quarantäne fälschlicherweise mit einem Antigentest freitesten, obwohl ihre Viruslast noch so hoch ist, dass sie noch ansteckend sind. "Damit riskieren wir zwar weitere Ansteckungen", erklärt der Experte, gleichzeitig sei das Risiko für schwere Krankheitsverläufe bei der Omikronvariante gesunken.

Wüst sieht kein Versagen bei Teststrategie

Inwiefern sich diese Strategie am Ende auszahlt, ist fraglich. Ebenso unsicher bleibt bislang, wie sie umgesetzt werden soll. Versuche, die Testkapazitäten aufzustocken, scheint die Regierung gegenwärtig nicht anzugehen. Von einem "Testversagen" wollen Vertreter aber nicht sprechen. So hatte etwa der Regierungschef von Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst, die geplante Priorisierung von PCR-Tests für bestimmte Gruppen vor der Bund-Länder-Runde verteidigt. Bei den derzeitig hohen Fallzahlen müsse man "mit den Kapazitäten ein Stück haushalten", sagte er dem ZDF-"Morgenmagazin" am Montag. Es sei eine "kluge Priorisierung für das Personal im Gesundheitswesen und für besonders anfällige Menschen vorgesehen".

Ein Versagen bei der Bereitstellung der Testkapazitäten sieht Wüst nicht. Diese seien zuletzt ausgeweitet worden. Deutschland hat "sehr stark auf flächendeckende Schnelltests gesetzt" und diese hätten bei infektiösen Menschen auch teilweise eine Sensitivität bis zu hundert Prozent, sagte Wüst.

Quellen: "Tagesspiegel", Laborverbund ALM, "Pharmazeutische Zeitung", Nationale Teststrategie, mit Material von DPA


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