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Die Hauptstadtkolumne Coronapolitik: Wann lassen wir das Coronavirus laufen?

Coronavirus
Einschränkungen durch das Coronavirus: Horst von Buttlar schreibt hier jede zweite Woche über Politik und Wirtschaft
© Rupert Oberhäuser/ / Picture Alliance
Wir verwenden beim Coronavirus zu viel Energie auf die Impfpflicht. Omikron zwingt uns längst andere Fragen auf: Das Leben von Lockdown zu Lockdown muss ein Ende haben.

Warum streiten wir jetzt über eine Impfpflicht? Das ist in etwa so, als würde man über die Änderungen beim Brandschutz reden, während das Haus in Flammen steht. Klar, die Impfpflicht ist wichtig für eine mögliche nächste Welle im Herbst.

Die Frage, die jetzt über diesem Land schwebt, ist indes eine andere: Wie gehen wir durch diese Welle, die als "Omikron-Wand" panisch beschrieben wird, aus der Karl Lauterbach einen "steilen Hügel" machen will? Richtig vorbereitet sind wir nicht. Wir haben fast 40 Millionen Menschen geboostert, ein großer Erfolg. Aber mit zwölf Millionen ungeimpften Erwachsenen, davon drei Millionen über 60 Jahre, haben wir ein Problem. Sie haben das Land ein wenig in Geiselhaft genommen.

In vielen Ländern zeichnet sich ein Paradigmenwechsel in der Pandemie ab: Sie bleiben offen, sie lassen laufen. In Großbritannien versucht die Regierung seit Wochen, "die Welle zu reiten" (lassen wir die Partys hier mal außen vor). In Spanien will Ministerpräsident Pedro Sánchez eine "neue Phase" einläuten, in der Corona wie ein Grippevirus behandelt wird. Dänemark öffnet bei einer Inzidenz von über 2000 wieder, die führende Virologin verkündet, dass Dänemark in zwei Monaten mit der Omikron-Welle durch ist. Und in den USA haben renommierte Virologen eine "neue Normalität" gefordert. Es gehe nicht mehr um Ausrottung, die neue Sichtweise "erfordert die Erkenntnis, dass Sars-CoV-2 nur eines von mehreren zirkulierenden Atemwegsviren ist".

Mit dem Coronavirus leben

Was machen wir? Experten sagen, für Deutschland komme diese Phase zu früh, die Impfquote sei zu niedrig. Wer allerdings laut nachdenkt, dass wir nicht ewig von Lockdown zu Lockdown leben können, äußert immer noch "gefährliche" Gedanken. Weil er oder sie angeblich auf Durchseuchung und damit Leben aufs Spiel setze. Aber zwingt uns Omikron diese Frage nicht geradezu auf? Ein Virus lässt sich natürlich nicht per Verordnung wegregulieren. Schon gar nicht, wenn eine neue, gefährlichere Variante auftaucht. Aber unser Verhältnis zum Risiko, wie wir "mit dem Virus leben" wollen, können wir schon neu bestimmen.

Die Aussicht, künftig im Schnitt fünf bis sechs Monate pro Jahr zu leben und sich den Rest der Zeit einzuschränken und zu verkriechen, finde ich nicht erstrebenswert. Längst sind wir eine Gesellschaft geworden, die in immer neuen Angstschleifen, Horrorszenarien und Panikattacken lebt, die immer wieder verstört und vertröstet wird. In der 24/7 vor etwas gewarnt wird, auch wenn in keiner Phase das Gesundheitssystem insgesamt überlastet wurde.

Wenn Omikron, wie es heißt, ohnehin fast jeder bekommt, müssen wir uns an andere Zahlen gewöhnen, vielleicht Hunderttausende Ansteckungen pro Tag. Besser ist es, man geht geimpft und geboostert durch diese Wochen. Die Millionen Ungeimpften riskieren ihre Gesundheit und potenziell die von anderen, wenn sie ein Krankenhausbett belegen, in dem dann kein Herzpatient liegen kann. Diese Menschen in Masse zu erreichen oder zu überzeugen ist für die Omikron-Welle zu spät oder aussichtslos. Der Staat kann sie auch künftig nicht anders schützen als durch Impfangebote, die flehenden Impfappellen gewichen sind. Und er ist gezwungen, sie durch 2G-Regeln von Theatern, Kinos und Restaurants auszuschließen. Das ist hart. Man kann aber nicht erwarten, 60 Millionen Geimpfte in Lockdown-Loopings leben zu lassen, in denen immer neue, absurdere Regeln ersonnen werden.

Sogar Christian Drosten sagt, dass es einen Zeitpunkt geben wird, an dem wir "das Virus laufen lassen" müssen. Besser, wir reden darüber, was das eigentlich bedeutet. Sind wir darauf vorbereitet? Andere Länder erscheinen mir weiter. Zumal die Frage bei Omikron ist, was wir noch in der Hand haben.

Erschienen in stern 4/2022

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