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Filmkritik: Was Ärzte und Patienten aus dem Film "Eingeimpft" lernen können

Impfen oder nicht impfen? Das ist die zentrale Frage im Film "Eingeimpft" von David Sieveking. Allen Kritikern zum Trotz: Ein Impfgegner-Film ist der Streifen nicht. Er thematisiert ein viel größeres Problem.

David Sieveking mit Tochter Zaria

Hat schon vor dem offiziellen Kinostart für Wirbel gesorgt: Der Film "Eingeimpft - Familie mit Nebenwirkungen" von David Sieveking

Eine Familie geht zum Arzt. Zu dritt sitzen sie im Behandlungsraum: , Vater, Tochter. Das Mädchen ist nun einige Wochen alt. Die erste Impfung steht an. Doch die Mutter ist skeptisch: Sie will das Kind nicht impfen lassen, sie fürchtet Nebenwirkungen. Und ohnehin: Ist das Kind nicht viel zu jung dafür? Der Vater hat grundsätzlich nichts gegen eine Spritze. Es kommt zum Konflikt. Die Familie beschließt, die Entscheidung zu vertagen.

Die Szene wurde in einer Berliner Kinderpraxis aufgenommen und ist eine der Schlüsselszenen des Films "Eingeimpft", der morgen in deutschen Kinos anläuft. Der Regisseur David Sieveking hat dafür seine Familie autobiografisch begleitet. Neben ihm in den Hauptrollen: seine Frau Jessica de Rooij und ihre kleine Tochter Zaria. Die Handlung des Films ist schnell erzählt. Der Familienvater nimmt den Impf-Konflikt zum Anlass, um über das Für und Wider von Impfungen zu recherchieren. Sieveking spricht mit Ärzten, besucht Tagungen und reist nach Afrika – immer auf der Suche nach "seriösen Argumenten für Jessicas Impfskepsis".

Familienkomödie im Gewand eines Dokumentarfilms

Diese Suche hat David Sieveking nun einen zweifelhaften Ruf eingebracht – nämlich den eines Impfgegners. Und das, obwohl der Regisseur ausdrücklich betont, er befürworte . Wie konnte das passieren?

"Eingeimpft" ist eine rührende Komödie über eine Familie, die sich in Sachen Impfen nicht einigen kann. Mehr aber auch nicht. Es wäre falsch, aus dem Film Empfehlungen für Impfungen abzuleiten. Oder die eigene Impfentscheidung auf Basis des Films zu treffen. Und das aus gutem Grund: Allzu oft vermischen sich in dem als Dokumentation getarnten Streifen zwei Bereiche, die eigentlich trennscharf zu behandeln wären: Wissenschaft und Gefühl.

Das zeigt sich gleich in mehreren Szenen:

  • Zu Beginn des Films taucht im Bild eine Spritze auf. Die Atmosphäre verändert sich. Die Hintergrundmusik wirkt plötzlich düster und scheint vor drohendem Unheil zu warnen. Dabei handelt es sich um ein Stilmittel. Doch wie viel dramaturgische Zuspitzung verträgt ein so sensibles, oftmals angstbehaftetes Thema wie das Impfen?
  • Der Widerspruch zwischen Wissenschaft und Gefühl schlägt sich auch in den Diskussionen zwischen den Ehepartnern nieder. Die impfkritische Jessica will, "dass das Kind metallfrei bleibt". Metalle, die man in das Kind "reinspritzt", findet sie "scheiße". Damit spielt sie auf Wirkverstärker an, die in einigen Impfstoffen enthalten sind. Ihrem Mann rät sie, sich zu informieren und erweckt so den Anschein, als habe sie das längst getan und sei so ihrer kritischen Haltung gelangt. Einige Szenen zuvor erklärt sie aber, sie habe von dem Thema "keine Ahnung".
  • Auch David Sieveking trägt dazu bei, dass Dramaturgie und Wissenschaft miteinander verwoben werden. Einerseits nimmt er an einer Tagung der Weltgesundheitsorganisation WHO teil, spricht mit dem Leiter des renommierten Paul-Ehrlich-Instituts und verleiht dem Streifen somit einen wissenschaftlichen Anstrich. Gleichzeitig bleibt er dem Zuschauer oft Zahlen und Statistiken schuldig. Sieveking besucht einen dänischen Forscher in Afrika und spricht mit ihm über mögliche negative Auswirkungen von Impfungen mit Totimpfstoffen. Als Beleg zieht der Forscher eine Karteikarte eines verstorbenen Kleinkinds aus einer Kiste, das einige Tage vor seinem Tod geimpft worden war. Das ist dramatisch, ja. Aber um die Brisanz der Thematik einordnen zu können, fehlen Daten und Statistiken.

"Eingeimpft" soll "kein Regelwerk sein, das ein jeder befolgen soll", heißt es in einer Mitteilung zu dem Film. Die Impfentscheidung einer einzelnen Familie stehe im Vordergrund. Das mag stimmen. "Eingeimpft" erweckt aber den Anschein, dass dies möglich ist. Diesen Vorwurf muss sich der Regisseur gefallen lassen. Es wirkt naiv, öffentlichkeitswirksam über ein Thema zu recherchieren, das einen jeden angeht und im Nachhinein zurückzurudern und sich darauf zu berufen, man habe das nur für sich und seine eigene Familie getan. Sieveking begibt sich auf Recherche und "informiert" sich, wie es im Film heißt. Als sei das Thema Impfen ein komplexes Geflecht, das es zu entwirren gilt, und Sieveking ein investigativer Rechercheur, der möglichen Intrigen nachspürt.

Nachfragen sind wichtig - Fakten sind wichtiger

Was dabei außer Acht gerät: Diese Arbeit haben bereits Experten verrichtet – nämlich die Experten der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut. Das Gremium entwickelt Impfempfehlungen für Deutschland und orientiert sich dabei an den Kriterien für evidenzbasierte Medizin. Heißt: Die Stiko trifft Empfehlungen anhand von Studien und Statistiken, berücksichtigt den Nutzen von Impfstoffen und wiegt ihn gegen mögliche Risiken ab. Empfiehlt die Stiko eine Impfung, ist diese Bewertung positiv ausgefallen. Das bedeutet: Die Krankheit birgt mehr Risiken als der Impfstoff, der vor dieser Krankheit schützt.

Durch seine Recherche stellt Sieveking diese Empfehlungen infrage – und könnte damit bei einigen Eltern für Verunsicherung sorgen. Natürlich ist es wichtig und richtig, sich kritisch mit Therapien und Empfehlungen auseinanderzusetzen. Nachzufragen, wo offene Fragen sind. Das gilt nirgendwo mehr als beim Arzt oder im Krankenhaus. Doch wer wie Sieveking Öffentlichkeit schafft, muss auch harte Fakten liefern. Und keine Familienkomödie.

"Eingeimpft" - kein Impfgegner-Film

Es wäre falsch, "Eingeimpft" als einen Impfgegner-Film zu bezeichnen. Sieveking lässt seine - mittlerweile - zwei r am Ende des Films sogar impfen. Es ist ein Detail, das im allgemeinen Getose um den Film oft untergeht.

"Eingeimpft" erzählt dagegen viel über die Entfremdung zwischen Arzt und Patient, über Skepsis, Ängste und Misstrauen in die Schulmedizin. Über Menschen, die ihrem Hausarzt kein Vertrauen mehr schenken und sich stattdessen alternative Behandlungskonzepte zurechtlegen. Das ist eine gefährliche Entwicklung in einem Bereich, der wie kein zweiter auf Vertrauen aufbaut. 

Wie konnte es so weit kommen? Es gibt sicher viele gute Gründe für diese Entwicklung – Zeitdruck in Arztpraxen, Sparvorgaben, bürokratische Hürden. Doch wenn es etwas gibt, das uns Filme wie "Eingeimpft" zeigen, dann ist das: Wir sollten wieder mehr miteinander reden. Auf Augenhöhe.

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