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Bloggerin Nike Jane über Abtreibung "Das Mörderinnen-Stigma schwingt immer mit"

Bloggerin Nike van Dinther
"Natürlich bleibt die Gefahr des Bereuens": Die Bloggerin Nike van Dinther hat mit dem stern über den Fall der Gießener Ärztin Kristina Hänel und ihre eigene Abtreibung gesprochen
© This is Jane Wayne
Die Bloggerin Nike van Dinther hat sich gegen ein Kind entschieden, aus vielen Gründen, wie sie sagt. Im Interview spricht sie über die schwierige Entscheidung - und erklärt, warum sie den Prozess um die Ärztin Kristina Hänel auch als Chance sieht.

Der Fall polarisiert Deutschland: In Gießen steht die Ärztin Kristina Hänel vor Gericht. Auf ihrer Internetseite schreibt die Medizinerin, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornimmt und stellt Frauen Informationsmaterial über den Eingriff zur Verfügung. Das sei unerlaubte Werbung für Abtreibung, finden die einen. Die Ärztin komme nur ihrer Aufgabe nach und wolle Patientinnen umfassend informieren, sagen die anderen. 

Die Bloggerin Nike van Dinther hat über den Fall geschrieben und dazu ein sehr persönliches Stück auf ihrem Blog "This is Jane Wayne" veröffentlicht. Im Interview mit dem stern sprach sie über ihre eigene Abtreibung und die Angst vor den Reaktionen ihres Umfelds.

Nike van Dinther, auf Instagram haben Sie vor zwei Tagen ein Foto gepostet. Es zeigt Sie mit einem Schild. Darauf ist zu lesen: "Ich stehe hinter Kristina Hänel!" Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Ganz ehrlich: Als ich das Foto gepostet habe, ist mir der Arsch auf Grundeis gegangen. Das Thema Abtreibung ist ein hitziges. Darüber wird so emotional und oft auch böse diskutiert. Aber mir ist es wichtig, darüber zu sprechen. Ich will dazu beitragen, das Tabu zu brechen, damit Frauen offener mit dem Thema umgehen können. Es besteht Redebedarf. Das merkt man allein schon daran, dass viele Frauen nicht wissen, dass Abtreibungen in Deutschland noch immer rechtswidrig sind. Sie bleiben nur unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Hinzu kommt das momentan offenbar fehlende Recht auf Informationsfreiheit. Deswegen habe ich mich dazu entschieden, für Kristina Hänel einzustehen – mit meinem Namen, meinem Gesicht und auch meiner persönlichen Geschichte.

Die Ärztin aus Gießen steht heute vor Gericht. Sie schreibt auf ihrer Internetseite, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornimmt. Im Raum steht die Frage, ob das unerlaubte Werbung für Abtreibungen ist.

Ich finde diese Geschichte fürchterlich. Kristina Hänel steht stellvertretend für viele Ärztinnen und Ärzte und die Schikane, die ihnen entgegen schlägt. Ich sehe den Prozess gerade jetzt aber auch als große Chance, auf das Thema aufmerksam zu machen, in den Dialog zu treten und etwas zur Entkriminalisierung und Aufklärung beizutragen. Es geht hier nicht nur um Selbstbestimmung. Sondern auch um Freiheit und ein Recht auf Informationen und Gesundheit. Darum, rechte Parteien daran zu hindern, besagte Gesetze in gewisser Weise zu missbrauchen. Auch das passiert nämlich verstärkt. Eigentlich ist es schlimm, dass diese Debatte im Jahr 2017 noch sein muss. Aber offensichtlich muss sie das.

Welche Reaktionen haben Sie bislang auf den Post bekommen?

Das Feedback war zu 99 Prozent unglaublich unterstützend, positiv, mitfühlend, manchmal auch erschrocken wegen des Unwissens über die bestehende Rechtslage. Ich bekam aber auch mehrere Kommentare, die richtig böse waren, die fast schon in eine nationalsozialistische Richtung gingen. Ich habe dann versucht, auf diese Kommentare einzugehen und mit den Personen ins Gespräch zu kommen. Dialog und Diskurs sind bei diesem Thema so wichtig. Mittlerweile sind die Posts leider verschwunden, weil sie wahrscheinlich gemeldet wurden.

Was glauben Sie: Warum löst dieses Thema bei vielen Menschen so starke Emotionen aus?

Ich glaube jede und jeder, der oder die selbst Kinder hat, weiß, was das auf emotionaler Ebene bedeutet. Ich kenne viele Frauen, die schon ab der dritten Schwangerschaftswoche mit dem kleinen Wesen in ihrem Bauch reden oder irgendwie mit ihm in Kontakt treten. Sie sehen das Lebewesen als Kind, nicht als Zellhaufen. Für viele Menschen ist der Gedanke schwierig, einem werdenden Menschen das Leben zu verwehren. Sie sehen es als Tötungsdelikt. Das Mörderinnen-Stigma schwingt immer mit.

© This is Jane Wayne

Im Interview

Nike van Dinther ist 29 Jahre alt. Unter dem Namen Nike Jane schreibt sie auf ihrem Blog "This is Jane Wayne" über Mode, Musik und Feminismus. In dem Blog-Eintrag "Der Fall Kristina Hänel – warum wir über Schwangerschaftsabbrüche reden müssen" spricht sie auch über ihren eigenen Schwangerschaftsabbruch.

In ihrem Blog schreiben Sie, dass Sie Schwangerschaftsabbrüche nie abgelehnt haben und sich solidarisch mit betroffenen Frauen gezeigt haben. Was hat sich geändert, als Sie selbst vor der Entscheidung für oder gegen ein Kind standen?

Ich war wie gelähmt. Diese ganze akademische Ebene, die politische Diskussion um Frauenrechte, das stand plötzlich hinten an. Es ging auf einmal mehr darum, wie ich mich fühle, was das für mich als Menschen auf emotionaler Ebene bedeutet. Ich hatte völlig ausgeblendet, dass das ein seelisch schmerzhafter Eingriff ist. Es geht um so viel mehr als um eine kleine Operation oder um die Frage, ob der Eingriff nun gesellschaftlich akzeptiert ist oder nicht.

Rechtlicher Hintergrund - Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland

Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland grundsätzlich strafbar. Unter bestimmten Bedingungen ist eine Abtreibung jedoch straffrei. So muss die Frau den Schwangerschaftsabbruch verlangen und einen Nachweis darüber erbringen, dass sie sich mindestens drei Tage vor dem Eingriff hat beraten lassen. Eine Beratung ist in einer staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatung möglich. Außerdem dürfen seit der Befruchtung nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sein.


Die Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs ist im Paragraf 218a des Strafgesetzbuches geregelt. Beruht die Schwangerschaft auf einer Sexualstraftat, ist ebenfalls eine Abtreibung bis zum Ende der zwölften Woche nach der Befruchtung möglich.


In Ausnahmefällen können Ärzte die Schwangerschaft auch zu einem späteren Zeitpunkt beenden, etwa wenn für die Schwangere Lebensgefahr besteht oder mit einer erheblichen gesundheitlichen Schädigung des Kindes zu rechnen ist. Diese Abtreibungen bleiben ebenfalls straffrei.


Paragraf 219a verbietet das Anbieten, Ankündigen oder Anpreisen von Schwangerschaftsabbrüchen aus einem finanziellen Vorteil heraus oder wenn dies in "grob anstößiger Weise" geschieht. Wer gegen den Paragraf verstößt, muss mit einer Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe rechnen. Die Gießener Ärztin Kristina Hänel wurde wegen eines vermeintlichen Verstoßes gegen Paragraf 219a angezeigt und steht deshalb vor Gericht.

Sie haben sich für die Abtreibung entschieden. Können Sie rückblickend sagen, was der ausschlaggebende Punkt war?

Bei mir war es die Masse der Umstände, meine Arbeit, meine Familienkonstellation, meine Gesundheit. Ich bin trotz festsitzender Kupferspirale schwanger geworden. Mein Partner und ich wollten zu diesem Zeitpunkt aus verschiedenen Gründen keinen Nachwuchs und hatten uns durch die Verhütung schon im Vorfeld gegen ein Kind entschieden. Mein erster Sohn musste zudem aufgrund einer Krankheit per Not-Kaiserschnitt geholt werden, den wir beide nur mit viel Glück überlebt haben. Eine zweite Schwangerschaft wäre eine Risikoschwangerschaft gewesen. Ich hatte das Gefühl, diese Verantwortung und all die Ängste nicht tragen zu können und zu wollen. Mit dieser Entscheidung habe ich zwar etwas verloren, aber auch etwas geschützt - mein Leben wie es ist.

Wie sind Sie vorgegangen, als Sie gemerkt haben, dass Sie schwanger sind?

Mein erster Impuls war natürlich, mit meinem Partner zu sprechen. Ich weiß aber nicht, ob das empfehlenswert ist. Ich finde es wichtig, dass die Frau diese Entscheidung alleine trifft und sich nicht beeinflussen lässt, egal in welche Richtung. In Foren etwa habe immer wieder lesen müssen, dass Frauen ein Kind nicht bekamen, weil der Partner sie sonst verlassen hätte. Einen schlimmeren emotionalen Konflikt kann ich mir nicht vorstellen. Ich denke aber, dass es wichtig ist, zu versuchen, realistisch zu bleiben und eine eigene unabhängige Entscheidung zu treffen, zumindest so weit wie möglich. Der Partner könnte auch zu jedem späteren Zeitpunkt gehen. Wir müssen aber auch akzeptieren, dass ein geliebter Partner wichtiger sein kann als ein noch ungeborenes Wesen. Dass eine ungewollt Schwangere sich selbst wichtiger sein kann. Es wäre vermessen, ein Urteil zu fällen. Jede Frau, da bin ich mir sicher, hat ganz eigene, schwerwiegende Gründe für eine solche Entscheidung.

Wie hat Ihr Freund reagiert?

Im Prinzip waren wir derselben Meinung. Wir hatten verhütet und uns damit bereits gegen ein Kind entschieden. Wie die Entscheidungsfindung am Ende aber ablief, kann man kaum beschreiben. Man befindet sich in einer Art Trance. Du bist schwanger und das sagt dir nicht nur dein Körper, sondern auch deine Gefühle. Wenn wir über Schwangerschaftsabbrüche sprechen, können wir den emotionalen und seelischen Aspekt nicht ausklammern. Es kann niemals eine leichtfertige Entscheidung sein. Es ist für alle Betroffenen und Beteiligten hart und schwer und schmerzhaft.

An welchen Arzt haben Sie sich gewandt?

Ich habe zunächst mit meiner Frauenärztin gesprochen, die auch meine Vertrauensperson ist. Bei mir war der Fall etwas anders als üblich, weil erstmal die Spirale gezogen werden musste. Dann mussten wir eine Woche abwarten, ob vielleicht noch von selbst ein Abgang stattfindet, ausgelöst durch das Ziehen der Spirale. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon, dass ich mich nicht bereit für ein weiteres Kind fühlte. Und dann ist es ein bisschen wie ein Blackout gewesen. Zwei weitere Wochen gingen ins Land und mein Kopf drehte sich im Kreis. Ich habe noch in allerletzter Sekunde in der Tagesklinik gedacht: 'Ich stehe jetzt wieder auf und gehe.'

Was hat Sie gehalten?

Der Gedanke, dass eine Entscheidung gegen etwas auch eine Entscheidung für etwas anderes sein kann. Für Freiheit, für die Pläne, die ich geschmiedet hatte. Aber natürlich bleibt die Gefahr des Bereuens. Ich denke, das ist eine Entscheidung, die auf wackeligen Beinen steht. Dass sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt richtig anfühlt, bedeutet nicht, dass später nicht doch noch Zweifel aufkommen können. Schon Tage später oder erst Jahre später. Ein Schwangerschaftsabbruch ist oftmals nicht einfach so gemacht und dann für immer abgehakt.

Bevor Sie die Abtreibung gemacht haben, mussten Sie ein Gespräch in einer Beratungsstelle führen. Wie haben Sie das Gespräch empfunden?

Ich hatte das Glück, mit einer Sozialpädagogin sprechen zu können, die mich in keiner Weise beeinflusst hat. Sie ist stattdessen sehr einfühlsam und dennoch analytisch vorgegangen, hat sich langsam vorgetastet und war schließlich mit meiner Entscheidung konfrontiert. Als sie spürte, dass die Entscheidung im Grunde schon gefällt war, hat sie versucht, mir sachlich Unsicherheiten zu nehmen. Ein Gedanke, der mich gequält hat, war zum Beispiel: Ich hatte die Spirale und bin trotzdem schwanger geworden. Die Spirale wurde gezogen, und es ist immer noch da. Also will es bleiben. Das war mein schlimmster innerer Konflikt. Die Sozialpädagogin sagte dann: 'Frau van Dinther, ich kann Ihnen dieses Gefühl nicht nehmen, aber natürlich möchte jedes Spermium ein Ei befruchten. Und jedes befruchtete Ei möchte bleiben. Es ist nicht dieses Eine, das diesen besonderen Willen hat. Das wollen alle.' Das mag seltsam klingen, aber es hat geholfen.

Der Eingriff liegt nun drei Monate zurück. Wie geht es Ihnen - gerade auch angesichts der aktuellen Debatte?

Ich muss ehrlich sagen, dass mir die Debatte persönlich gut tut. Das Reden über dieses vermeintliche Tabuthema lässt in gewisser Weise einen Knoten platzen und noch dazu stehen wir mit dem Fall Hänel vielleicht an einem wichtigen Wendepunkt. Gerade deshalb fühle ich mich bestärkt darin, für meine Entscheidung einzustehen. Nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen Frauen in ähnlichen Situationen. Ich persönlich habe diesen Schritt in den letzten Wochen nie bereut. Aber es wäre natürlich eine Lüge zu sagen, dass ich damit glücklich bin. Ich kann mit so einer Entscheidung niemals glücklich sein. Ich kann höchstens wissen, dass ich für mich und meine Familie in diesem Moment die einzig mögliche Entscheidung getroffen habe.

Was hat Ihnen in den letzten Wochen geholfen?

Gut getan hat mir die Gewissheit, dass ich die Entscheidung selbst getragen habe. Das Gefühl, dass es eine unglaubliche Freiheit und ein Privileg ist, über meinen Körper entscheiden zu dürfen. Und auf der anderen Seite – wenn die traurigen Momente kommen - begreifen zu können, dass diese Freiheit nicht ohne Eigenverantwortung kommt. Und das ist ein Stück weit heilsam. Ich weiß nicht, ob das für Außenstehende begreifbar ist, aber es stärkt mich, weil ich aufstehen und sagen kann: 'Ich habe diese Entscheidung für mich getroffen, weil ich diese Freiheit in diesem Land unter gewissen Voraussetzungen habe.' Ich bin dankbar dafür. Und diese Dankbarkeit hilft.

Was müsste sich ändern, damit offener mit dem Thema umgegangen wird?

Ich würde mir wünschen, dass betroffene Frauen selbst viel offener damit umgehen. Man versucht es in den allermeisten Fällen zu vertuschen, weil man sich vor den Reaktionen fürchtet. Bei mir war das ähnlich, und ich kann auch gar nicht sagen, warum. Ich war mir sicher, dass meine Freundinnen mich nicht verurteilen oder ausstoßen würden. Aber ich hatte diesen gesellschaftlichen Aspekt im Kopf. Ich dachte, wenn ich jetzt sage, ich habe abgetrieben, dann sei ich ein Mensch zweiter Klasse. Oder dann könnte irgendjemand von mir denken, ich sei herzlos. Ich sei keine gute Mutter für das Kind, das ich schon habe. Das sind blöde Gedanken, die einen quälen.

Dass Abtreibungen so ein großes Tabu sind, dürfte aber auch damit zusammenhängen, dass sie laut Strafgesetzbuch rechtswidrig sind und nur unter bestimmten Voraussetzungen straffrei bleiben. Die Frau muss sich unter anderem beraten lassen.

Ich bin keine Juristin, aber ich frage mich, ob ein solches Gesetz ganz grundsätzlich wichtig ist. Dann sollte es geändert werden. Ob es schwer ist, ein Gesetz einfach umzudrehen? Das würde bedeuten, dass Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich erlaubt sind und nur unter bestimmten Bedingungen strafrechtlich verfolgt würden, zum Beispiel wenn es gegen den Willen der Frau verstößt oder ohne ärztliche Hilfe stattfindet. Ich denke, das würde viel zur Entstigmatisierung beitragen. Jede schwangere Frau muss sich darüber informieren können, welcher Arzt oder welche Ärztin überhaupt Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Es wird nämlich tatsächlich immer schwerer einen Termin zu bekommen, weil sich einige Ärztinnen aufgrund der nebulösen Gesetzeslage dazu entscheiden, keine Schwangerschaftsabbrüche mehr durchzuführen. Das ist eine gefährliche Entwicklung.

Aktualisierung 16.50 Uhr: Das Amtsgericht Gießen befand Kristina Hänel nach kurzem Prozess für schuldig und verurteilte sie zu einer Geldstrafe von 6000 Euro. Die Anwältin der Ärztin kündigte Rechtsmittel gegen die Entscheidung an. 


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