HOME

Ärztemangel im Osten: Fragen Sie Ihren Arzt - wenn Sie einen finden

Überfüllte Wartezimmer, überarbeitete Ärzte - gerade im Osten herrscht in vielen Gegenden Ärztemangel. Tausende Mediziner gehen in den Ruhestand. Doch die jungen Kollegen haben wenig Interesse, auf dem Land zu praktizieren. Einige Bundesländer müssen sogar mit Geld locken. Ein Bericht aus dem Landkreis Torgau.

Von Tim Braun

Ein Nachmittag am Platz der Freundschaft in Torgau, einer Plattenbausiedlung am Rande der 18000-Einwohnerstadt zwischen Leipzig und Dresden. Kinder spielen, malen mit Kreide auf den Beton-Boden, einige ältere Frauen sind auf dem Weg zum Supermarkt, andere mühen sich mit ihren Tüten ab. Man kennt sich. Erstaunlich oft wird nicht deutsch, sondern russisch gesprochen. Im Haus Nummer sechs ist das Wartezimmer noch gut gefüllt. Es ist warm, das Schniefen und Husten der zehn Patienten, die mit leicht erröteten Gesichtern warten, wird nur manchmal durch die gute Laune der Sprechstundenhilfen unterbrochen - sie träumen laut vom großen Lotto-Gewinn und 7000-Euro-Rente. In kurzen Abständen leert sich eines der drei Behandlungszimmer - und wird sofort wieder mit dem nächsten Patienten besetzt.

Bis zu 160 Patienten am Tag

Im gleichen Rhythmus wechselt Bernhard Zirm über die Verbindungstüren zwischen den Zimmern. Seit 20 Jahren arbeitet er als Hausarzt. Bis vor einiger Zeit waren für die 7500 Menschen, die im Einzuggebiet des "Plattenbaugebiet Nord-West" leben, noch drei Hausärzte zuständig. Heute versorgt Zirm sie allein, die anderen beiden haben ihre Praxis aufgegeben. 120 bis 160 Patienten behandelt er am Tag, rund 50 Prozent davon sind Rentner. Man sieht dem blassen, hageren Mann die starke Belastung an. "Eine 60- bis 70-Stunden-Woche ist mittlerweile normal", sagt er.

Über 40 Prozent gehen in Rente

53 Jahre ist Bernhard Zirm alt; das ist exakt das Durchschnittsalter der sächsischen Hausärzte. Rund ein Drittel ist älter als 60, bis 2012 gehen mehr als 40 Prozent der niedergelassenen Ärzte in Rente. Insgesamt 3500 Hausärzte werden in den neuen Bundesländern bis 2010 altersbedingt ihre Praxis aufgeben - und voraussichtlich eine Lücke hinterlassen. Noch gibt es im Freistaat, jedenfalls laut Statistik, keine unterversorgten Gebiete. Im Gegensatz etwa zu Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Zwar droht auch im Westen in ländlichen Gebieten - etwa in Niedersachsen und selbst in Bayern - eine Unterversorgung mit Hausärzten. Doch im Osten Deutschlands ist die Lage dramatischer.

Niemand will die Praxen haben

Die Politik weiß um die Probleme. "Wenn jetzt nichts passiert, dann haben wir hier in den kommenden Jahren richtige Probleme", sagte Ministerpräsident Georg Milbradt bei einem Ortstermin im Landkreis Torgau-Osschatz. Und: "Wir bilden deutlich mehr Ärzte aus, als wir brauchen. Im Land bleiben aber weit weniger als notwendig." Darin liegt das Problem: Die Praxis-Übernahme ist für junge Ärzte kaum attraktiv. Denn vielen Medizinern ist das wirtschaftliche Risiko zu groß, sich in einer strukturschwachen Region niederzulassen. Dazu kommt, dass Ärzte in Ostdeutschland pro Patient im Schnitt ein Drittel weniger verdienen als ihre Kollegen im Westen. Das ist nicht besonders motivierend für junge Ärzte, die gerade ihren Facharzt abgeschlossen haben und von ausländischen Arbeitgebern sowie der Pharmabranche umworben werden.

Deswegen haben die meisten Bundesländer Förderprogramme aufgelegt. In Sachsen bestehen sie in bislang elf Regionen aus Investitionszuschüssen und sogenannten Bonuszahlungen. Wer mit seinem Budget nicht auskommt, erhält 8,75 Euro pro Fall als Bonus dazu. Eine dieser Regionen ist der Landkreis Torgau-Osschatz. Und einer der zehn Ärzte, die sich seit Bestehen der Förderung 2005 niedergelassen haben, ist Michael Putzmann, Facharzt für Innere Medizin.

1500 Euro im Monat

Er hat die Praxis eines 68-jährigen Kollegen übernommen, der in den Ruhestand ging und ihn aus dem Krankenhaus in Osschatz "abgeworben" hat. Putzmann hat die Praxis aus dem Stadtzentrum in ein Gewerbegebiet am Stadtrand verlegt, um mehr Platz zu haben. Nun arbeiten er und zwei Schwestern auf 140 Quadratmetern, zwischen mint-grün gestrichenen Praxiswänden. Es gibt drei Sprechzimmer, die Geräte sind auf dem neuesten Stand, an den Wänden hängen große Photo-Drucke mit Blumen-Motiven. Für die Praxisübernahme zahlt ihm die Kassenärztliche Vereinigung 60.000 Euro Investitionszulage, verteilt über fünf Jahre. "Ohne das Geld hätte ich die Praxis nicht ausbauen können", sagt Putzmann.

Die Praxis läuft. Aus einem Umkreis von rund 20 Kilometern kämen pro Tag 100 Patienten zu ihm. Das ist eigentlich ein Erfolg. Nur: "Seit dem 24. Januar ist mein Budget aufgebraucht", sagt Putzmann. Das heißt, dass er seine Leistungen bis zum Quartalsende am 31. März eigentlich nicht oder nur einen Bruchteil davon abrechnen kann. 1500 Euro würde er momentan am Ende des Monats herausbekommen. Weniger als ein Drittel dessen, was er als Oberarzt in seiner früheren Klinik hätte, wenn er den Job angenommen hätte. Durch die Bonuszahlung - 8,75 Euro pro Fall, der außerhalb des Budgets liegt - wird es mehr.

Wie es damit allerdings in Zukunft aussehen wird, ist ungewiss: Nach Informationen von stern.de gibt es Pläne, die Zahlungen bereits ab April wieder auszusetzen. Was es für Putzmann bedeuten würde, wenn das Bugdet dann nicht mehr reicht: "Dann muss ich Patienten, die eine Behandlung brauchen, ins Krankenhaus schicken. Dort fallen dann für die Kasse allerdings wesentlich höhere Kosten an."

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity