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Aids in der Schwulenszene: Spiel mit dem Tod

Für viele Homosexuelle hat Aids seine Schrecken verloren. Die Folge: mehr riskanter Sex - und ein alarmierender Anstieg der Neuinfektionen bei Schwulen.

Es war ein kalter Winterabend im Januar 2003, als sich Sascha den Tod in seinen Körper holte. Drei, vier Stunden hatten sie da schon Spaß gehabt, in einer Wohnung irgendwo im Norden Berlins: er, gerade 19, und vier andere, so Mitte 40. Es hatte harmlos begonnen. Kuscheln, Küssen, sanfte Massagen. Dann taten die Drogen ihre Wirkung. Mit LSD und Ecstasy wurde der Sex zum Rausch, kein Halten mehr, keine Hemmungen, keine Kondome. Ein paar Milliliter Sperma oder Blut transportierten HIV in Saschas Blutbahn.

Heute ist er 21. Ein Großstadt-Schwuler, schlank, wache Augen, eloquent. "Seit ich 13 war, hatte ich Sex mit Männern. Immer mit Gummi", sagt er. Jener Abend also ein verhängnisvoller Ausrutscher? "Sicher, ich war voll auf Droge. Aber irgendwann war HIV auch keine richtige Bedrohung mehr. Ich kannte so viele Positive. Ich glaube, ich hatte mich damit abgefunden, selbst positiv zu werden."

Neuinfektionen bei Schwulen stiegen um 80 Prozent

Sascha und das Virus, eine Geschichte so tragisch wie typisch für einen alarmierenden Trend. Glaubte man noch vor wenigen Jahren, Aids zumindest in Westeuropa und Amerika in den Griff zu bekommen, steigt die Zahl der Neuinfektionen nun wieder beängstigend an. Im ersten Halbjahr 2005 meldete das Robert-Koch-Institut für Deutschland 20 Prozent mehr Neu-HIV-Träger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres - fast ausschließlich aufgrund des Zuwachses unter homosexuellen Männern. Unter diesen stiegen die Neuinfektionen in den vergangenen vier Jahren um 80 Prozent.

"Die Szene führt keine moralischen Diskussionen mehr. Es herrscht eine absolute Laissez-faire-Haltung", sagt Dirk Ludigs. Der 40-Jährige ist Chefredakteur des Schwulen-Magazins "Du & Ich" und bekämpft in der Zeitschrift die Gleichgültigkeit gegenüber Aids. "Die Jungen kennen die Zeit nicht mehr, als man sich jedes Wochenende auf einer Beerdigung getroffen hat. Ich selbst bin durch Glück negativ geblieben, aber ich habe zwei Liebhaber und zahllose Bekannte verloren. Und jetzt glauben viele, mit ein paar Pillen sei alles getan."

Tatsache ist: Heute lässt sich nach einer Infektion der Ausbruch von Aids um viele Jahre hinauszögern, vielleicht sogar ganz verhindern. Ein Cocktail aus meist drei Medikamenten bekämpft die Vermehrung des Virus im Blut. Tatsache ist aber ebenso: Resistente HIV-Stämme nehmen zu. Und obwohl Pharmafirmen in Hochglanzanzeigen mit attraktiven, gesund wirkenden HIV-Trägern werben, können selbst die neuen Medikamente starke Nebenwirkungen haben. Dazu zählen Übelkeit, Kopfschmerzen und Schlafstörungen, aber auch schwerwiegendere Folgen wie Nerven- oder Leberschädigungen. Auf den ersten Blick sichtbar ist vor allem die so genannte Lipodystrophie, eine Umverteilung des Körperfetts. Den Pillenschluckern schwindet das Fett meist in den Wangen und taucht dafür in Form eines Bauchs und eines massigen Rindernackens wieder auf.

"Barebacking" nennen sie den Sex ohne Kondom

Doch ein wachsender Teil der Schwulen schaut darüber hinweg, was eine HIV-Infektion bedeutet - und manch einer sucht sogar das Spiel mit der tödlichen Krankheit. So hat mittlerweile auch in Deutschland das "Barebacking" einen kleinen, aber agilen Freundeskreis gefunden. "Barebacking", ein Begriff aus dem Rodeo-Slang, zu Deutsch "ohne Sattel reiten", steht für Sex mit dem bewussten Verzicht auf Kondome.

Zueinander finden dessen Anhänger meist übers Internet. Im größten deutschen Date-Portal für Schwule sind rund 150 "Barebacker-Clubs" registriert, in speziellen Portalen werden auch entsprechende Partys annonciert. Wer will, kann etwa in Hamburgs Szeneviertel St. Georg im "Midweek Gang Bang" mitmischen oder bei einer "Massenbesamung" in Köln. Oft sind ausdrücklich sowohl HIV-Positive als auch -Negative eingeladen.

Ein Ende des sorglosen Umgangs mit HIV ist nicht in Sicht, besonders, wenn auch der neueste Trend aus den USA bei uns Fuß fasst: die Synthetikdroge "Crystal Meth". Das Amphetamin, auch als "Tina" bekannt, führt zur absoluten sexuellen Hemmungslosigkeit. "Der Unterschied zwischen Sex mit Crystal und ohne ist wie der Unterschied zwischen Farb- und Schwarzweißfernsehen", zitiert der "New Yorker" einen Konsumenten aus San Francisco. Und das New Yorker Collen-Lorde Community Health Center berichtet, dass zwei Drittel der Neuinfizierten, die dort seit Juni 2003 getestet wurden, zugaben, Crystal sei bei ihrer Infektion im Spiel gewesen. "Gerade kommt Crystal bei uns in Berlin an", sagt "Du & Ich"-Chef Dirk Ludigs. "Und davor habe ich eine Heidenangst."

Marc Goergen / print

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