Heuschnupfen Durchatmen hinter Gittern


Fenster auf: Mit einem Pollenfilter sollen auch Heuschnupfengeplagte an der frischen Luft schlafen können.

Mit den warmen Tagen beginnt der Großangriff auf die Schleimhäute: Nachdem Hasel, Erle und Birke ihre Pollen längst in die Frühlingsluft gestreut haben, fliegt jetzt auch noch der Blütenstaub der Gräser. Für die etwa zwölf Millionen Heuschnupfen-Allergiker in Deutschland bringt die warme Jahreszeit gleich doppelte Qual: Tagsüber lassen die allgegenwärtigen Pollenallergene die Nase tropfen und die Augen tränen, nachts leiden Allergiker auch noch unter dicker Luft im Schlafzimmer: Denn weil das eigene Bett möglichst pollenfrei bleiben soll, muss auch in warmen Nächten bei geschlossenem Fenster geschlafen werden.

Pollenschutzgitter für Geplagte

Doch zumindest der Zwickmühle zwischen pollenverseuchter Frischluft und stickigem Kemenaten-Mief sollen Allergiker ab sofort entkommen können: Der Klebebandspezialist Tesa hat in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst ein Pollenschutzgitter auf den Markt gebracht. Mit Klettstreifen ins offene Fenster gespannt, soll das weiße Polyesternetz Frischluft einlassen, den Staub von Birke, Beifuß & Co. aber weitgehend aussperren.

Andreas Schröder, Produktentwickler bei Tesa in Hamburg, empfiehlt die Montage vor allem am Schlafzimmerfenster, "da es bei Pollenallergikern häufig auch nachts zu Symptomen wie der verstopften Nase kommt und so ein Durchschlafen schwierig wird."

Histamin löst Triefnase aus

Heuschnupfen ist eine Überempfindlichkeit gegen bestimmte Eiweiße in Pollenkörnern, meist so genannte Glykoproteine. Darauf reagiert ein sensibilisiertes Immunsystem bei wiederholtem Kontakt mit der Ausschüttung des Hormons Histamin, das die allergischen Symptome wie geschwollene Schleimhäute, tränende Augen und Niesanfälle auslöst.

Etwa jeder siebte Erwachsene in Deutschland leidet an einer Pollenallergie (Pollinosis). Schon bei Kindern ab zwei Jahren steigt die Heuschnupfenhäufigkeit kontinuierlich: Im Grundschulalter sind bereits 15 Prozent überempfindlich gegen Blütenstaub.

Auslöser der Beschwerden sind in der Regel die kleinen, trockenen Pollen windbestäubter Pflanzen: Die Saison beginnt im Februar mit Frühblühern wie Hasel und Erle, ab März kommt die Birke dazu, von Mai bis August blühen Gräser und Roggen, und ab Juni bis in den September hinein fliegt der Blütenstaub von Beifuß und Spitzwegerich. Bereits 50 Körner in einem Kubikmeter Luft können einen Heuschnupfenanfall hervorrufen.

Nur 20 bis 60 Mikrometer groß sind die allergieauslösenden Pollenkörner - etwa so dick wie ein feines menschliches Haar. Ausgefiltert werden sie vom Pollenschutzgitter durch spezielle Gewebeeigenschaften: "Die Fadenabstände des Gitters liegen bei etwa 20 bis 200 Mikrometer. Die Pollen bleiben an der gebauschten Oberfläche der einzelnen Po-lyesterfäden hängen", sagt Andreas Schröder. Gereinigt wird das Netz mit einem feuchten Schwamm oder bei 30 Grad in der Waschmaschine - sofern man zuvor das Klettband abgezogen hat.

Weniger Pollen - besserer Schlaf

Fast 90 Prozent der allergologisch relevanten Pollen kämmte das Gitter während einer mehrmonatigen Testphase aus der Luft - im Vergleich zu einem dauergeöffneten Fenster direkt nebenan. Für Pollenallergiker eine deutliche Erleichterung, sagt Karl-Christian Bergmann, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst in Bad Lippspringe: "Vor 30 Jahren dachte man, dass schon ein einziges Pollenkorn Heuschnupfen-Symptome auslöst. Heute weiß man, dass es eine Dosis-Wirkungsbeziehung zwischen eingeatmeten Pollen und allergischer Reaktion gibt: Je mehr Pollen in der Luft sind, desto schlimmer reagieren Allergiker."

Heuschnupfen behandeln lassen

Weil sich ein anfangs nur lästiger Heuschnupfen mit der Zeit zu Asthma weiter entwickeln kann, sollte er behandelt werden, etwa mit Antihistaminika, die die Reizwirkung des Histamins im Körper verhindern oder mit Kortisonpräparaten, die die Folgen der dauernden Entzündungen im Körper dämpfen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit beschwerdefrei werden Allergiker durch ein mehrjährige Immuntherapie, auch Hyposensibilisierung genannt: Dabei wird dem Patienten "sein" Allergen in steigender Dosis unter die Haut gespritzt oder als Tropfen unter die Zunge geträufelt, um das Immunsystem daran zu gewöhnen.

Die wirksamste Therapiemethode ist jedoch die, Pollen aus dem Weg zu gehen: "Betroffene, die Pollen im Alltag einigermaßen meiden, haben deutlich weniger Beschwerden", sagt Karl-Christian Bergmann. Allerdings müssen Allergiker dafür einigen Aufwand treiben: Der Urlaub in pollenarmen Regionen wie Küste oder Hochgebirge sollte nach dem Pollenflugkalender (siehe Grafik) geplant, in der Wohnung möglichst oft feucht gewischt werden, und auch das Lüften richtet sich nach der aktuellen Blütenstaubkonzentration in der Luft.

Aufatmen könnten mit dem Pollenschutzgitter vor allem berufstätige Großstädter, die bisher nach der Arbeit kaum die Fenster öffnen konnten, weil zwischen 18 und 24 Uhr die meisten Pollen unterwegs sind. Anders als auf dem Land, wo die Spitzenwerte eher morgens erreicht werden. Einen Sonnenuntergang am offenen Fenster werden Allergiker hinter Pollenschutzgittern aber kaum genießen können: Die Sicht nach draußen ist durch das weiße Netz deutlich eingeschränkt.

Nicole Heißmann print

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