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Nahrungsmittelallergien: Abzocke bei Allergietests

Rund 400 Euro kostet ein IgG-Antikörpertest, mit dem Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten identifiziert werden sollen. Das Problem: Er gibt nicht den geringsten Hinweis auf derartige Allergien.

Von Christine Kirchhoff

Labors testen Blutproben auf Antikörper, um Nahrungsmittelallergien festzustellen.

Labors testen Blutproben auf Antikörper, um Nahrungsmittelallergien festzustellen.

Jeder fünfte Deutsche befürchtet, an einer Nahrungsmittelallergie zu leiden. Kommerzielle Firmen und Labors nutzen diesen Markt für ihre Zwecke. Mit Slogans wie "Ein innovativer Bluttest, mit dem verzögerte Nahrungsmittelallergien aufgedeckt werden können" werben Firmen aus Deutschland, China und den USA für sogenannte IgG-Antikörpertests. Angeblich soll diese Laboruntersuchung die Auslöser für Beschwerden wie Darm- und Hauterkrankungen, Migräne und Übergewicht schnell und einfach identifizieren.

Vor diesem Labortest warnen europäische Fachgesellschaften aktuell im Fachblatt "Allergo Journal": Betroffene sollten sich keinesfalls auf IgG-Antikörpertests zu verlassen. Zur Diagnostik von Nahrungsmittelallergien seien diese "irreführend" und "sinnlos", sagen deutsche, österreichische und schweizerische Allergologen-Verbände. "Der Körper reagiert auf fremde Proteine prinzipiell mit der Bildung von IgG-Antikörpern. Diese Immunreaktion ist ganz natürlich. Im Gegenteil wäre es sogar seltsam, wenn der Körper keine IgG-Antikörper produzieren würde", so Jörg Kleine-Tebbe vom Allergie- und Asthma-Zentrum Westend in Berlin, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Allergie und Klinische Immunologie. Denn ein hoher IgG-Wert im Blut zeige noch lange keine drohende Nahrungsmittelallergie an, sondern sei Ausdruck der natürlichen Immunreaktion des Körpers.

Die Kritik der Fachärzte: Labors und Firmen machten sich die Ängste und den Leidensdruck der Patienten zunutze. Es gebe keine Hinweise in Form kontrollierter, aussagekräftiger Studien, dass ein Nachweis von IgG-Antikörpern gegen Nahrungsmittel im Blut einen Hinweis auf eine Allergie liefert. Die Kosten von 300 bis 400 Euro für den IgG-Antikörpertest werden deswegen auch nur in den seltensten Fällen von den Krankenkassen übernommen. Kleine-Tebbe bezeichnet das Vorgehen der Labors "als Bauernfängerei auf pseudowissenschaftlichem Niveau". Er nimmt sogar an, dass einzelne Ärzte, die diese Tests an die Patienten bringen, dafür von einigen Labors bezahlt werden.

Gefährlich ist die irreführende Interpretation

"Die Gefahr für die Patienten besteht darin, dass aufgrund eines Testergebnisses zahlreiche Nahrungsmittel gemieden werden, obwohl aus medizinischer Sicht hierzu kein Anlass besteht. Die Lebensqualität der Patienten wird dadurch extrem eingeschränkt", sagt Margitta Worm vom Allergie-Centrum-Charité in Berlin. Ein weiteres Problem: Uninformierte Heilpraktiker und Hausärzte verbieten ihren Patienten auf Basis des IgG-Antikörpertests den Verzehr von Milchprodukten, Hefe oder Zucker. "Dies kann dann sogar zu einer Mangel- oder Fehlernährung führen", so die Allergologin.

Ein generelles Verbot der Tests kommt dennoch nicht in Frage, da der Test an sich nicht gesundheitsschädlich ist und sich zur Diagnose anderer Krankheiten, wie beispielsweise einer bestimmten Lungenkrankheit durchaus eignet. "Bei dieser Erkrankung, die hauptsächlich Taubenzüchter betrifft, wird ein IgG-Antikörpertest eingesetzt, um auf seltene Schimmelpilze und Bakterien zu untersuchen", so der Allergologe. Auch auf die chronische Darmerkrankung Zöliakie könne mit dem IgG-Antikörpertest getestet werden.

Der Facharzt ist die erste Anlaufstelle

Bei einem Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie empfiehlt Kleine-Tebbe den Gang zum Facharzt. Eine ausführliche Analyse der Krankengeschichte und ein Hauttest lassen erste Rückschlüsse auf Empfindlichkeiten zu. Weiterführend kann auch ein Labortest wie etwa der IgE-Antikörpertest (siehe Kasten) oder ein Provokationstest gemacht werden. Erst dann wird der Allergologe eine Diagnose stellen und individuelle Therapiemöglichkeiten einleiten.

Allergologen-Verbände wissen: Von den 20 Prozent der Deutschen, die glauben, an einer Lebensmittelallergie zu leiden, reagieren tatsächlich nur zwei bis fünf Prozent der Betroffenen empfindlich auf bestimmte Nahrungsmittel.