Chemikalien-Unverträglichkeit "Ich bin eine soziale Leiche"

Wer unter Chemikalien-Unverträglichkeit leidet, ist oft als Hypochonder verschrien
Wer unter Chemikalien-Unverträglichkeit leidet, ist oft als Hypochonder verschrien
© Colourbox
Umweltmedizinern zufolge reagieren immer mehr Menschen übersensibel auf Chemikalien aller Art - Parfüm, Ausdünstungen neuer Möbel oder Ozon machen sie anscheinend krank. Da das Krankheitsbild diffus ist, werden Betroffene oft als Hypochonder abgestempelt.
Von Chris Löwer

Die Gefahr lauert überall: im heimischen Mobiliar, im Teppich oder einer Holzschutzlasur. Im Duschgel, in Waschmitteln oder in der Kleidung. Oder von Lebensmitteln oder technischen Geräten wie Druckern kann sie ausgehen. Selbst das Parfüm eines Mitmenschen kann besonders Sensiblen zu schaffen machen.

Experten schätzen, dass in Deutschland rund 10.000 Menschen an einer "Multiple Chemical Sensitivity" (MCS), einer mehrfachen Chemikalien-Unverträglichkeit leiden, Tendenz steigend. Das Krankheitsbild kann bis zu 20 Symptome auf einmal auslösen - von Schläfrigkeit über innere Unruhe, Mattheit, Licht- und Geruchsempfindlichkeit, Kopfschmerzen, Augenbrennen, Schwindel und Schwitzen bis hin zu Ohnmachtsanfällen.

Ärzte sind in solchen Fällen oft ratlos. Denn es ist schwer feststellbar, worauf jemand tatsächlich reagiert, falls überhaupt. Sind es Düfte? Ist es der Feinstaub? Oder ist jemand einfach nur hysterisch? Gepeinigte hören daher nicht selten, sie seien "Ökochonder" - eingebildete Umweltkranke, die von der fixen Idee besessen sind, Tausenden von krank machenden Umweltgiften ausgesetzt zu sein. Betroffenen kommt das vor wie ein Schlag ins Gesicht. Im Unterschied zu anderen Ländern wird MSC in Deutschland von den Krankenkassen auch nicht als organische Krankheit anerkannt.

"Man muss jeden Patienten ernst nehmen"

"Übersensible Menschen reagieren auf chemische Substanzen schon bei einer Dosierung, die im Normalfall als unbedenklich eingestuft wird", sagt Wilfried Nix, MCS-Experte und Neurologe an der Uniklinik Mainz. "Damit können sie auf alles ansprechen." Man müsse aber jeden Patienten, der leidet, ernst nehmen und ihn behandeln. Wie bei chronischen Rückenschmerzen, die auch durch Stress und Angst verursacht werden können, gelte es, den wahren Auslöser zu finden und dabei sauber zwischen körperlichen und psychischen Faktoren zu unterscheiden.

Das ist oft nicht so einfach. Zum einen kommt jeder Mensch täglich mit Tausenden von Chemikalien in Kontakt. Niemand weiß genau, inwiefern die rund 100.000 weltweit vorhandenen synthetischen Substanzen den Organismus beeinflussen - weder einzeln noch in Wechselwirkung mit anderen. Das erklärt auch, warum die Diagnose einer handfesten Unverträglichkeit so schwierig ist: Da schon geringste Dosen Beschwerden bereiten, kann eine Vergiftung oder Unverträglichkeit kaum nachgewiesen werden. "Übliche Allergietests laufen ebenso ins Leere wie Laboruntersuchungen von Blut, Urin und Haaren", sagt Klaus-Dietrich Runow, Leiter des Instituts für Umweltmedizin im hessischen Wolfhagen.

Zum anderen kann ein psychisches Problem vorliegen. Neurologe Nix vergleicht das mit Rückenproblemen: Wird bei einem Patienten, der Kreuzschmerzen hat, ein leichter Bandscheibenvorfall diagnostiziert und womöglich operiert, geht der Betroffene davon aus, er habe ein rein körperliches Problem - dabei sind vielmehr die unverarbeiteten Ängste Urheber des Problems. Nix kennt Patienten, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen haben, nachdem Ärzte sie in ihrer Angst vor Ozon bestätigt haben. "Sie haben ihre eigentliche Angst auf chemische Substanzen übertragen", sagt er. Das sei nicht unüblich, könne heute aber gut therapiert werden - je eher, desto besser.

Man brauche ein gewisses Gespür, um beurteilen zu können, ob jemand ein konkretes körperliches oder psychisches Problem hat oder vielleicht nur die Frührente anpeilt, sagt Umweltmediziner Runow. Nach einem ausführlichen Gespräch könne er meist einschätzen, was Sache ist. So war es bei einer 29-jährigen Bankerin: Die junge Frau zog berufsbedingt nach Frankfurt um und wachte in ihrer neuen Wohnung eines Morgens mit geschwollenen Augen auf; später litt sie noch unter Schwindel und Magen-Darm-Problemen. Ihre Überreaktion hatte keinen psychischen Hintergrund. Runow erfuhr, dass die Frau Jahre zuvor in Mexiko war und bei einer Wanderung vermutlich in einen Pestizideinsatz geriet. "Eine kurzfristig sehr hohe Belastung mit Chemikalien und eine entsprechende Veranlagung, bei der bestimmte Schadstoffe nicht gut abgebaut werden können, sind typische Auslöser", erklärt der Mediziner. Er habe auch Patienten kennengelernt, deren Körper keine Antibiotika oder anderen Wirkstoffe verarbeiten konnten. So etwas mündet dann meist in einer Überempfindlichkeit.

Runow erinnert sich an einen Betroffenen, dessen Organismus schon bei einem Hauch von After-Shave rebellierte. Der Mann mied Menschen und sagte zu ihm: "Ich fühle mich wie eine soziale Leiche." Freunde und Familienmitglieder haben ihn nicht besonders ernst genommen, was die Sache noch verschlimmerte und ihn in die Isolation trieb. Auch Ärzte reagierten schnell mit einer Überweisung zum Neurologen und dem Rat, er möge es doch einmal mit autogenem Training versuchen. Doch nur, weil es an entsprechenden Diagnosemethoden mangele, könne man Betroffene nicht als hysterisch abstempeln, sagt Runow.

Behandlung in einer schadstoffarmen Umgebung

Dass es auch anders geht, zeigt das Fachkrankrankenhaus Nordfriesland in Riddorf. Auf Initiative des Umweltmediziners Eberhard Schwarz wurde hier eine eigene Station für MCS-Patienten gegründet. Schwarz vermeldet bei zwei Dritteln bereits weniger Beschwerden, wenn sie den Substanzen nicht mehr ausgesetzt waren. Entsprechend ist die Station mit schadstoffarmen Baumaterialien wie Lehm, Fliesenboden und Naturtextilien ausgestattet. Handys haben hier ebenso wenig verloren wie Parfüms, Haarsprays oder Deo. Außerdem sind Desinfektions-, Wasch-, sowie Spülmittel und Seifen frei von Duftstoffen und Aldehyden. Neben der Entgiftung des Körpers und einem gesunden Ernährungsplan wird auch hier an der Psyche gearbeitet, etwa, um Vermeidungsstrategien abzulegen.

In einer ähnlichen Umgebung arbeitet Runow: "Wenn Hochsensible in eine Klinik gesperrt werden, ist das eine Katastrophe." Er plädiert für neue Räume und Therapien. Vor allem sollte man sich davor hüten zu sagen, MCS-Kranke seien Hypochonder. "Noch in den 60er Jahren galt Heuschnupfen als eine eingebildete Krankheit - bis entsprechende Antigene gefunden wurden."


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