HOME

Bisphenol A in Schnullern: BUND fordert Verbot umstrittener Chemikalie

Fast alle Schnuller-Hersteller nehmen Produkte aus dem Sortiment, nachdem der BUND darin die Chemikalie Bisphenol A nachgewiesen hat. Doch der am höchsten belastete Sauger bleibt am Markt. Und der Streit um die Gefährlichkeit der Chemikalie dauert an.

Von Lea Wolz

Schnuller sind einer BUND-Untersuchung zufolge oft mit Bisphenol A belastet

Schnuller sind einer BUND-Untersuchung zufolge oft mit Bisphenol A belastet

In Schnullern befindet sich die gefährliche Chemikalie Bisphenol A. Davor hat die Umweltschutzorganisation BUND bereits Anfang Oktober gewarnt. In allen zehn in einer Stichprobe ausgewählten Latex- und Silikon-Saugern konnte die Chemikalie nachgewiesen werden. Der hormonähnlich wirkende Stoff steht im Verdacht, die Gehirnentwicklung zu schädigen, Krebs und Unfruchtbarkeit zu verursachen. Nun zieht die Umweltschutzorganisation eine erste Bilanz. "Die meisten Hersteller haben positiv reagiert und mitgeteilt, dass sie in Zukunft auf Polycarbonat bei der Herstellung von Schnullern verzichten wollen", sagt BUND-Experte Heribert Wefers. Bisphenol A ist Bestandteil von Polycarbonat, einem Kunststoff, aus dem alles hergestellt wird, was durchsichtig, bruchsicher und hitzebeständig sein soll. Es kommt in Plastikgeschirr und -schüsseln ebenso vor wie in Sonnenbrillen und CDs. Auch in Konservendosen, die innen mit Epoxidharzen beschichtet sind, findet sich die Chemikalie. 1,15 Millionen Tonnen des Stoffes verbrauchen allein die europäischen Unternehmen pro Jahr - Tendenz steigend.

Einige Hersteller wollen auf Polycarbonat verzichten

Nach den BUND-Veröffentlichungen wollen Mapa (NUK), Novatex (Baby-Nova) und die DM-Drogeriemärkte (Babylove) bis spätestens Anfang 2010 auf den Einsatz von Polycarbonat bei Schnullern verzichten. Die Handelsketten Kaufland und die Drogeriemärkte von Schlecker nehmen die betroffenen Sauger aus ihrem Sortiment. Allerdings ist der Umweltschutzorganisation zufolge gerade der am höchsten belastete Schnuller der Marke Philips Avent weiter im Handel. Auf stern.de-Nachfrage erklärte ein Firmensprecher, dass man sich noch unter dem von der europäischen Gesundheitsbehörde Efsa festgesetzten Grenzwert befinde. Diese geht davon aus, dass eine lebenslange tägliche Aufnahme von 0,05 Milligramm Bisphenol A pro Kilo Körpergewicht unbedenklich ist. "Aktuell ist der Schnuller noch im Sortiment, wenn es den Verbrauchern allerdings wichtig ist, dass die Sauger frei von Bisphenol A sind, werden wir darauf reagieren", heißt es aus dem Unternehmen.

Dem BUND ist das zu wenig: Weil der freiwillige Verzicht nicht ausreiche, fordert die Umweltschutzorganisation eine gesetzliche Regelung. "Schnuller, Babyspielzeug und -fläschchen dürfen kein Bisphenol A enthalten", sagt Wefers. Ähnliches gelte für Produkte, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen. Ginge es nach dem BUND, müsste dieses Verbot in der neuen europäischen Chemikalienverordnung Reach festgeschrieben werden. Doch genau das dürfte ein Problem werden. Denn die Wissenschaft streitet sich schon lange darüber, wie gefährlich Bisphenol A für den Menschen überhaupt ist. Die Diskussion dreht sich dabei im Wesentlichen um zwei Fragen: Ist der Mensch so viel Bisphenol A ausgesetzt, dass es schädlich wirkt? Und löst die Chemikalie tatsächlich Krankheiten aus und müsste somit verboten werden?

Bisphenol A in Gewässern, Staub und Treibhausobst

In verschiedenen Studien wurde Bisphenol A in Gewässern, in Staub oder auch in Treibhausobst nachgewiesen. "Die Belastung mit Bisphenol A ist allgegenwärtig", sagt Wefers. Und sie kommt beim Menschen an. In einer Studie des Umweltbundesamtes wurde der Urin von 3- bis 14-Jährigen Kindern untersucht und Bisphenol A in 99 Prozent der Proben gefunden. Die Efsa und die deutsche toxikologische Gesellschaft sehen kein Risiko, solange der Grenzwert eingehalten wird, da die Chemikalie innerhalb von Stunden im Körper abgebaut wird. Andere Wissenschaftler wie BUND-Experte Wefers und der Würzburger Toxikologe Gilbert Schönfelder halten den Grenzwert allerdings für zu hoch. In Tierstudien sei nachgewiesen, dass bereits kleinste Mengen der hormonähnlichen Chemikalie gesundheitsschädigend wirken können - insbesondere bei Föten und Säuglingen. "Diese bauen Bisphenol A bis zu zehn Mal langsamer ab", sagt Schönfelder. Die Arbeitsgruppe um den Toxikologen will den Stoff daher auch im Blut von Schwangeren und Kindern nachgewiesen haben - und zwar in den Mengen, die in Tierversuchen bereits schädlich waren. Die Efsa bezieht diese Untersuchungen bis jetzt allerdings nicht in ihre Risikobewertung mit ein. Sie seien methodisch mangelhaft, so der Vorwurf, der mittlerweile von einer US-Überprüfungskommission widerlegt wurde. Stattdessen stützt sich die europäische Lebensmittelbehörde auf Studien, die keine Effekte bei niedrigen Dosen zeigen. Können sie auch gar nicht, sagen Kritiker, denn die Untersuchungen werden von der chemischen Industrie finanziert. Tatsächlich lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Studienergebnis und dem Auftraggeber der Studien beobachten.

Für Schönfelder zählt jedoch ein anderes Argument: "Diese Studien wurden nur an Erwachsenen durchgeführt, auf Kinder rückzuschließen ist nicht so einfach möglich, da bei Säuglingen und Kleinkindern der Stoffwechsel verändert ist."

In anderen Ländern längst verboten

Keine Zweifel am von der Efsa festgelegten Grenzwert hat man im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV). Erwachsene, Säuglinge und Kleinkinder würden diesen durch den Verzehr von Lebensmitteln bei weitem nicht ausschöpfen. "Aus der Aufnahme von Bisphenol A über Lebensmittel resultieren folglich keine nachteiligen gesundheitlichen Wirkungen", heißt es aus dem Ministerium. Was das Risiko durch die belasteten Schnuller angeht, wartet das BMELV auf eine abschließende Bewertung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).

Dort zeigt man sich ebenfalls zurückhaltend. Der Grenzwert von täglich 0,05 Milligramm Bisphenol A pro Kilo Körpergewicht sei in Ordnung, heißt es. "Die Chemikalie ist in Schnullern jedoch unerwünscht und zu vermeiden", sagt eine BfR-Sprecherin. "Insofern ist es auch gut, dass die Schnuller auf Bisphenol A untersucht werden." In eigenen Untersuchungen konnte das BfR die Ergebnisse der Umweltschutzorganisation allerdings nicht bestätigen. In einem Drittel der untersuchten Schnuller habe man den Stoff nicht nachweisen können, in den restlichen habe der Gehalt teilweise um den Faktor zehn unter dem vom BUND veröffentlichten gelegen. Die Umweltschutzorganisation hatte in den Plastikschildchen, die den Sauger halten, Konzentrationen zwischen 200 und 2300 Milligramm pro Kilogramm Kunststoff entdeckt, in den Saugern waren es zwischen 80 und 400 Milligramm. Auch die Verbraucherorganisation Ökotest bewertet die vom BUND gefundenen Mengen an Bisphenol A in Schnullern als ungefährlich. Wie die Chemikalie überhaupt in die Sauger kommt - über die Polycarbonatschildchen, die Verpackung oder den aus Latex oder Silikon bestehenden Schnuller - ist laut BfR noch nicht bekannt und soll weiter untersucht werden. Ebenso wie die Frage, wie viel des Stoffes bei den Kindern überhaupt ankommt.

Beim BUND will man sich nicht um Milli- oder Mikrogramm streiten. "Wenn ein derartig problematischer Stoff im Blut von Säuglingen und Kleinkindern nachweisbar ist, ist dies Grund genug zu handeln", sagt Wefers. "Unter Vorsorgeaspekten, auch dann, wenn eine abschließende Bewertung noch nicht möglich ist." In Kanada ist der Einsatz von Bisphenol A bei Babyflaschen und medizinischen Produkten jedenfalls bereits verboten, in den skandinavischen Ländern schließt man Risiken ebenfalls nicht aus und in Amerika wurden belastete Plastik-Babyfläschchen aus dem Verkehr gezogen.

Für die Verbraucher sind die unterschiedlichen Einschätzungen der Behörden wohl nur schwer nachzuvollziehen. Wer daher auf Nummer sicher gehen will, sollte auf Glasflaschen zurückgreifen und bei Schnullern darauf achten, dass sie kein Polycarbonat enthalten.

Wissenscommunity