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Interview

Altersforscher im Gespräch: Wie alt kann ein Mensch maximal werden?

Die Lebenserwartung in Industrienationen steigt und steigt. Bis 2030 soll sie 90 Jahre überschreiten. Das wirft Fragen auf. Gibt es eine natürliche Obergrenze für das Alter? Und welchen Einfluss hat der Einzelne?

Eine Oma verbringt Zeit mit ihrem Enkel.

Mehr Zeit, mehr Gelassenheit: Das Alter bringt auch Vorteile mit sich

Herr Prof. Englert, eine Studie sorgt derzeit für Schlagzeilen. Bis 2030 soll die Lebenserwartung 90 Jahre überschreiten. Warum werden wir immer älter?

Aus meiner Sicht spielen hier drei Faktoren eine Rolle. Da wäre zum einen der medizinische Fortschritt: Die Kindersterblichkeit ist in den letzten 100 Jahren massiv gesunken. Es gibt Fortschritte im Kampf gegen Infektions- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das macht sich durchaus in der Lebenserwartung bemerkbar. Außerdem ist unser Leben körperlich leichter geworden. Statt täglich zwölf Stunden im Bergwerk zu schuften, sitzen wir acht Stunden im Büro. Und natürlich hat sich auch unsere Ernährung verbessert. Wir können rund um das Jahr Obst und Gemüse kaufen und haben zu jeder Zeit Zugang zu Lebensmitteln. Das kann einerseits zum Fluch werden – Stichwort Übergewicht. Letztlich ist es aber ein Segen.

Klingt gut. Heißt das, wir werden immer älter – ohne Grenze nach oben?

Ich bin überzeugt, dass es eine natürliche Obergrenze gibt. Für mich liegt sie bei 120 Jahren – plus, minus. Bis heute kennen wir keinen Menschen, der diese Grenze wesentlich überschritten hat. Die Französin Jeanne Calment ist 1997 im Alter von 122 Jahren gestorben und damit nachweislich der Mensch, der am längsten auf der Erde gelebt hat. Bis heute scheint es so, als könnten wir diese Grenze nicht wesentlich durchbrechen.

Was hindert uns daran, ewig alt zu werden?

Eine schwere Frage, die man letztlich kaum beantworten kann. Das hängt damit zusammen, dass wir noch nicht verstehen, was Altern genau ist und welche Faktoren zum Altern beitragen. Ich persönlich glaube, dass dem unbegrenzten Leben viele Sachen im Weg stehen. Nehmen wir die Mitochondrien, die Kraftwerke unserer Zellen. Mit dem Alter lässt ihre Qualität nach, sie werden weniger. Das trägt zum Altern bei. Die Enden unserer Chromosomen, die Telomere, verkürzen sich im Laufe des Lebens. Das lässt uns ebenfalls altern. In jeder Sekunde, in der wir leben, handeln wir uns jede Menge DNA-Schäden ein. Auch das trägt zum Prozess des Älterwerdens bei. Insofern halte ich die Idee, dass wir einfach einen Schalter umlegen können und dann bedeutend älter werden, für naiv.

Es gibt Menschen, die die Natur auszutricksen scheinen. Sie werden 110, 115 Jahre alt. Wie ist so ein extremes Alter möglich?

Man geht heute davon aus, dass die meisten dieser sogenannten "supercentenarians" genetisch privilegiert sind. Sie besitzen vermutlich ein bestimmtes genetisches Kostüm, das ihnen dabei hilft, so alt zu werden. Interessant ist ja, dass die meisten dieser Menschen keinen besonderen Wert auf ihr Altwerden gelegt haben. Sie haben nie besonders gesund gelebt, sie haben keinen besonderen Sport gemacht, einige haben sogar Zeit ihres Lebens geraucht. Die Französin Jeanne Calment hat sich ihre Zigaretten bis ins hohe Alter angesteckt und erst mit 117 Jahren damit aufgehört. Aber obwohl sie so unvernünftig gelebt hat, hat sie ein beachtliches Alter erreicht. Das spricht dafür, dass sie eine besondere DNA besessen hat.

Ständig liest und hört man von diesen Menschen. Ihr Alter steht im Guinness-Buch der Rekorde. Was fasziniert uns so sehr an ihnen?

Wenn wir Todesanzeigen lesen, stellen wir fest, dass die meisten Menschen um die 80 Jahre alt werden. Ein extrem hohes Alter ist faszinierend, weil es gegen die Wahrscheinlichkeit ist.

Was steuert, wie alt wir werden?

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Mbah Gotho von der indonesischen Insel Java soll schier unglaubliche 146 Jahre geworden sein – damit wäre er der mit Abstand älteste Mensch in der dokumentierten Geschichte. Sein Geheimnis fürs Altwerden? "Geduldig sein", erklärte er gegenüber dem News-Netzwerk "Liputan 6". Gotho starb laut "BBC" am 30. April diesen Jahres.

Mbah Gotho von der indonesischen Insel Java soll schier unglaubliche 146 Jahre geworden sein – damit wäre er der mit Abstand älteste Mensch in der dokumentierten Geschichte. Sein Geheimnis fürs Altwerden? "Geduldig sein", erklärte er gegenüber dem News-Netzwerk "Liputan 6". Gotho starb laut "BBC" am 30. April diesen Jahres.

Unsere Gene – und zwar gewaltig. Sie bestimmen den Rahmen unserer Lebensspanne. Daneben können wir unser Alter aber auch selbst beeinflussen. Wir leben länger, wenn wir nicht rauchen und uns nicht zu viel in der Sonne aufhalten. Wir sollten eine gute Krankenversicherung haben, in einer Beziehung leben und nicht zu dünn ins Alter gehen. All das trägt zu einem längeren Leben bei.

Mit zunehmendem Alter steigt aber auch das Risiko für Krankheiten wie Demenz. Wie erstrebenswert ist ein langes Leben?

Das ist eine schwierige Diskussion. Natürlich steigt die Wahrscheinlichkeit für Alzheimer und Demenz mit zunehmendem Alter – ohne Frage. Und für solche Menschen ist es sicher schwieriger, ihren Alltag zu meistern. Aber pauschal zu sagen: Ein 80-Jähriger ist in geistigen Dingen einem 20-Jährigen haushoch unterlegen, stimmt schlichtweg nicht. Das Bild des kränkelnden alten Menschen, der nichts mehr kann, ist grundfalsch. Das wird uns eingeredet. Es gibt viele Beispiele von alten Menschen, die mit 80 Jahren anfangen, Klavier zu spielen oder eine neue Sprache zu lernen. Und es gibt keinen Grund, warum das nicht gehen sollte.

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Was raten Sie?

Unser Bild des alternden Menschen gehört korrigiert. Leider leben wir in einer Gesellschaft, in der das Altern negativ beleumundet ist – mit Schwäche und Krankheit. Es gibt Studien von Psychologen und Soziologen, die zeigen, dass die Altersbilder, unter denen wir altern, einen massiven Einfluss auf das eigene Altern haben. Im Rückschluss bedeutet das: Wenn es uns gelingt, ein positiveres Bild vom Alter zu zeichnen, altern wir selbst besser.

Welche positiven Dinge bringt das Alter denn mit sich?

Da gibt es eine ganze Menge: die Reife zum Beispiel, die Gelassenheit. Dass man sich nicht mehr über Kleinigkeiten aufregt, über die man sich als Jugendlicher noch wahnsinnig echauffiert hat. Man verfällt nicht mehr so schnell in Hektik, der Blick auf das Leben ist entspannter, man lebt freier. Das ist ein anderes Lebensgefühl als bei jemandem, der mitten in der Mühle hängt und Job und Kinder unter einen Hut bekommen muss.

Hand aufs Herz: Freuen Sie sich auf das eigene Älterwerden?

Die Freude darauf überwiegt, ja. In meiner Verwandtschaft gibt es viele ältere Menschen. Wenn ich mir deren Leben ansehe, ist das etwas, was mich optimistisch stimmt. Und was ist die Alternative zum Altwerden? Die Alternative ist, früh zu sterben. Und das möchte nun wirklich niemand.


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