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Interview

Amerikanische Faulbrut: Honiggläser ausspülen, um Bienen zu retten? Was an der Meldung dran ist

Die Erreger der Amerikanischen Faulbrut können ganze Bienenvölker ausrotten. Weil die Sporen der Bakterien auch in Honig stecken können, müssen gebrauchte Honiggläser ausgespült werden, bevor sie im Altglas landen - so heißt es zumindest. Ein Experte verrät, was es mit der Warnung auf sich hat.

Gefahr für Honigsammler: Die Amerikanische Faulbrut wird durch Bakterien ausgelöst

Gefahr für Honigsammler: Die Amerikanische Faulbrut wird durch Bakterien ausgelöst

Herr Dr. Otten, auf Facebook warnt ein lokaler Imkerverband davor, nicht ausgewaschene Honiggläser in Altglascontainer zu werfen. Über Honigreste könnten sich Bienen auf Nahrungssuche mit dem Erreger der Faulbrut infizieren, heißt es. Der Post wurde tausendfach geteilt. Müssen wir jetzt alle unsere Honiggläser ausspülen?

Ist der Honig mit Sporen belastet, ist eine Übertragung theoretisch denkbar. Das Risiko ist aber sehr gering. Das wissen wir aus folgender Beobachtung: In Ballungszentren gibt es mehr Glascontainer und auch oft eine höhere Bienendichte als in ländlichen Regionen. Das Erkrankungsrisiko ist in der Stadt wie auf dem Land aber in etwa gleich groß. Für gewöhnlich sammeln auch nicht in Altglascontainern. Sie werden von den Gerüchen nicht angezogen. Und selbst wenn eine Biene in einen Glascontainer fliegen würde: In leeren Gläsern kleben nur sehr geringe Mengen Honig. Die reichen für eine Ansteckung nicht aus.

Wie aber breitet sich die Faulbrut dann aus?

Meist wird die Krankheit übertragen, wenn ein Imker zu spät bemerkt, dass ein Volk erkrankt ist. Ein benachbartes Bienenvolk beräubert das geschwächte Volk, stiehlt ihm die Honigvorräte und trägt die Erreger in den eigenen Stock. Maßnahmen, die der Imker selbst treffen kann, sind im Kampf gegen die Faulbrut viel wirkungsvoller als das Auswaschen von Honiggläsern.

Sind die für den Menschen gefährlich?

Nein, sie sind für den Menschen vollkommen harmlos. Die Faulbrut-Erreger schaden nur besonders jungen Larven. Selbst gegen erwachsene Bienen oder auch ältere Larven kann der Erreger nichts ausrichten.

Viele Menschen dürften die Vorstellung dennoch komisch finden, dass in ihrem womöglich Bakteriensporen stecken.

Honig ist ein Naturprodukt. Und es ist nun einmal so, dass unsere Umwelt nicht vollkommen steril ist. Der Mensch nimmt täglich unzählige Mikroorganismen auf. Der allergrößte Teil ist aber zum Glück harmlos.

Was macht denn der Imker, wenn ein Bienenvolk von Faulbrut betroffen ist?

Er versucht, das Volk zu sanieren – so heißt das in der Fachsprache. Und das geht so: Der Imker kehrt die erwachsenen Bienen des Volkes mitsamt der Königin in eine neue Kiste. Die kranke Bienenbrut in den Waben und auch die belasteten Futtervorräte werden vernichtet. Im neuen Zuhause kann sich das Bienenvolk erholen und erneut Nachwuchs großziehen. Dieses Verfahren nennt sich Kunstschwarmverfahren und ist in der Regel erfolgreich. Nur in sehr seltenen Fällen muss das Bienenvolk getötet werden.

Manche Menschen füttern Bienen gezielt mit Honig an und hoffen, ihnen so einen Gefallen zu tun. Ist das sinnvoll?

Davon kann ich nur abraten. Zum einen werden so größere Mengen Honig und damit auch Sporen verfüttert, was eine Ansteckung des Volkes wahrscheinlicher macht. Zum anderen wird zum Füttern oft Honig aus dem Supermarkt verwendet. Der stammt meist aber aus dem Ausland, was eine Belastung mit Faulbrut-Sporen wahrscheinlicher macht. In einheimischen Honigen finden wir dagegen so gut wie nie Faulbrut-Erreger.

Wie kommt das?

Der Honig in unserem Supermarkt stammt oft aus Südamerika, China und zum Beispiel Kanada. Das sind die Hauptimportländer. Die Imker behandeln die Faulbrut dort mit Antibiotika, was hierzulande nicht gemacht wird. In der Folge wird die Krankheit nicht richtig bekämpft, sondern nur kaschiert. Sporen können sich im Honig ansammeln.


Woher weiß ich als Verbraucher, aus welchem Land der Honig stammt?

Das steht auf den Etiketten. Honig aus Deutschland ist klar als solcher gekennzeichnet. Meist finden sich auf den Etiketten auch Informationen wie "Honig aus EU- und Nicht-EU-Ländern". Dabei handelt es sich um einen sogenannten Mischhonig - große Honigchargen aus verschiedensten Herkunftsländern werden miteinander vermischt.

Das klingt nicht besonders lecker.

Wir empfehlen, Honig regional zu kaufen - am besten vom Imker im Ort. Dieser Honig ist dann auch aus einem "Guss". Außerdem unterstützen Verbraucher so die heimische Imkerei.

Wie steht es derzeit um die Faulbrut-Ausbreitung in Deutschland?

Momentan haben wir eine sehr entspannte Situation. Die Zahl der Ausbrüche liegt 2017 im unteren Levelbereich. Die Erkrankungszahlen verlaufen aber wellenförmig. Wir vermuten daher, dass sie in den nächsten zwei, drei Jahren wieder etwas ansteigen werden, um dann in fünf, sechs Jahren erneut abzufallen.

Was sind die derzeit größten Gefahren für Bienen?

Das größte Problem ist im Moment die Varroamilbe, ein Parasit, der vor etwa 40 Jahren nach Deutschland eingeschleppt wurde. Unsere Bienen können sich kaum gegen den Schädling wehren. Ganze Völker gehen zugrunde. Auch Monokulturen, eine Verarmung der Landschaft und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln können bei Fehlanwendungen Bienen gefährlich werden.

Wie können Verbraucher ihren Alltag bienenfreundlich gestalten?

Das fängt schon vor der eigenen Haustür an: mehr Vielfalt in den Garten bringen, zum Beispiel Pollen spendende Salweiden für´s Frühjahr oder Fetthenne oder Malven für den Spätsommer pflanzen. Wenn das nur ein Einzelner macht, mag das nicht groß ins Gewicht fallen – was zählt, ist die Summe der Maßnahmen. Das tut nicht nur den Bienen gut, sondern allen blütenbesuchenden Insekten.


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