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Kriminologin im Interview: Wie ticken Amokläufer?

Ali David S., 18 Jahre alt, erschoss vergangenen Freitag neun Menschen in München und richtete sich im Anschluss selbst. Was macht junge Menschen zu Tätern? Und wie können Amokläufe künftig verhindert werden? Eine Kriminologin gibt Antworten.

Von Doris Schneyink

Eine Junge trauert nach dem Amokluaf von München vor Kerzen und Blumen.

Trauer nach dem Amoklauf in München: Was macht junge Menschen zu Tätern?

Professor Britta Bannenberg arbeitet als Kriminologin an der Universität Giessen. Im Juni veröffentlichte sie eine Studie über alle 35 Amokläufe und Mehrfachtötungen von jungen Leuten, die seit 1992 in Deutschland stattgefunden haben.

Frau Professor Bannenberg, was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse über die Täter?

Sämtliche Taten waren lang geplant und es handelte sich um Einzeltäter. Das ist der Unterschied zu terroristischen Akten, die in der Regel in der Gruppe geplant und begangen werden.

Warum tötet ein junger Mensch sich und andere?

Diese jugendlichen Täter haben schwere Persönlichkeitsstörungen. Sie sind emotional kalt, ohne Empathie, egoistisch und glauben, über allen anderen zu stehen. Sie fühlen sich häufig als Mobbing-Opfer und wollen sich rächen, aber in keinem der 35 Fälle lag Mobbing vor. Diese Wahrnehmung ist Teil ihrer gestörten Persönlichkeit. Aufgrund ihres Narzissmus berührt es sie nicht, dass sie andere schädigen. Sie sind sehr kränkbar und zeigen eine extrem menschenfeindliche Haltung. Aber: Sie sind nicht krank!

Wo verläuft die Grenze zur psychischen Erkrankung?

Die Grenze markiert die Psychose. Bei der Psychose kommen Wahnvorstellungen hinzu, was zu einer völligen Realitätsverkennung führt. Menschen mit Psychosen fühlen sich beispielsweise angegriffen von Zombies. Sie fühlen sich bedroht von Menschen, die harmlos auf einer Parkbank sitzen. Bei den jugendlichen Amoktätern sehen wir diese Krankheitsbilder nicht. Sie sind schwer gestörte Persönlichkeiten, aber sie sind nicht psychotisch. Sie wissen, was sie tun und steuern ihr Handeln. Sie sind voll schuldfähig.

Ali David S. war wohl depressiv, aber vor allem hatte er Angstschübe, soziale Phobien, kam nicht unter Menschen klar. Wie schätzen Sie dieses Krankheitsbild ein? Man fand bei ihm Medikamente, weiß aber nicht, ob er sie genommen hat...

Bei ihm handelt es sich mit Sicherheit nicht nur um eine Depression. Depressive töten keinen Menschen. Die Suizidgedanken eines Amokläufers kommen aus einer völlig anderen Ecke als die des Depressiven. Der Depressive kann nicht mehr, sieht keinen Sinn, fühlt sich minderwertig und hat Schuldgefühle. Der Amokläufer denkt: 'Ihr Schweine, Euch zeige ich es!' Das macht ihn so gefährlich.

Der Amokläufer reiste letzte Jahr, vermutlich alleine, zu den Tatorten nach Winnenden, machte Fotos und plante danach die Tat. Was sagt das über ihn aus? Welche Rolle spielen Vorbilder?

Dass er nach Winnenden fuhr, zeigt, dass er sich mit dem Täter identifiziert hat und sich möglicherweise dessen Weg genau vorgestellt hat. Amoktäter folgen häufig dem Skript der von ihnen bewunderten Vorgängertaten. Mir haben überlebende Amokläufer gesagt, wie wichtig vor allem die Tat von Columbine für sie gewesen ist. Von dem Amoklauf an einer amerikanischen Highschool 1999 kursiert ein Video im Internet, das leider nicht mehr wegzubekommen ist, es zeigt die Tat in der Cafeteria – eine Inszenierung von Macht und Hass und Gewalt – damit identifizieren sich Nachahmer absolut.

Auch Ali David S. spielte das Videospiel Counterstrike-Source. Was zieht die Täter da an? Bauen sie mit dem Spiel Schusshemmungen ab?

Ego-Shooter wie Counterstrike verstärken die Fantasie der Amoktäter, die Tat selbst auszuführen, sie sind Teil der mentalen Vorbereitung. Es geht aber nicht um den Abbau von Hemmungen, denn der Wille zum Töten ist schon lange vorhanden.

Muss man den Konsum von Ego-Shootern wie Counterstrike einschränken?

Menschen mit solchen Tötungsfantasien sehen solche Spiele oder Filme wie "Natural born killers", der ein Vorbild für die Columbine-Täter war, anders als andere. Das lässt sich nicht verhindern. Wir können das auch nicht alles verbieten, so gern ich es ehrlich gesagt bei den Ego-Shootern täte. Bei Counterstrike gilt der Jugendschutz, das darf eigentlich erst ab 18 gespielt werden, aber daran hält sich niemand. Die Spieleindustrie ist mächtig, und die Eltern haben längst kapituliert. Das Beste wäre, die soziale Kontrolle zu verstärken. Also Mitspieler, die auf Spieleplattformen wie Steam merken, da hat sich jemand ein besonders martialisches Profil gegeben, erfreut sich auf besonders unangenehme Weise an Kopfschüssen, die sollten die Polizei informieren. Jugendliche haben ein sehr gutes Gespür dafür, was normal ist und was nicht.

Was kann man tun, um Amokläufe zu verhindern?

Bei der Berichterstattung sollten die Medien niemals die Täter zitieren. Andere Jugendliche, die Tötungsfantasien haben, könnten dadurch angeregt werden. Auch die Opfer sollten nicht gezeigt werden oder der Tathergang gar als Video ins Netz hochgeladen werden. Im Gespräch mit mir bezeichneten Amoktäter ihre Opfer mehrfach als 'Trophäe'. Die Opfer und das von ihnen angerichtete Chaos, die Panik zu sehen, das macht die Täter und potenzielle Nachahmer regelrecht an. Aber grundsätzlich gilt: Amokläufe sind ein sehr seltenes Phänomen.

Sie bieten eine Beratung für Eltern, Lehrer, Ärzte an, die fürchten, ein Jugendlicher könne zum Amokläufer werden. Wie funktioniert das?

Wir haben 3,5 Millionen Euro Forschungsgelder erhalten und gerade die Studie abgeschlossen. Wir wissen wirklich viel über jugendliche Amokläufer. Deshalb bieten wir ein niedrigschwelliges Angebot an: Lehrer oder Eltern oder Ärzte, die wegen der Schweigepflicht ihren Verdacht nicht der Polizei mitteilen wollen, können uns anrufen oder auf unserer Homepage anonym schildern, was sie beunruhigt. Wir machen uns ein Bild und rufen zurück und helfen. Die aggressiven, gewalttätigen Jugendlichen sind übrigens nicht das Problem, die hauen einem gleich auf die Nase, wenn sie wütend sind. Problematisch sind eher die Stillen, da sollte man hellhörig werden, wenn einer Tötungsfantasien äußert oder sagt 'Ihr werden noch von mir hören' oder an den fünften Jahrestag von Utoya erinnert.

Konnten Sie potenzielle Amokläufer herausfinden?

Von etwa 30 Mitteilungen waren zwei, drei sehr beunruhigende Fälle. Es wurde immer die Polizei eingeschaltet. Es gab auch zwei Fälle, in denen Psychologen uns von Jugendlichen mit Tötungsfantasien berichteten. Wir schalteten forensische Psychiater ein und die Polizei. Bei einigen Jugendlichen konnten Waffen sichergestellt werden. Andere begaben sich freiwillig in die Psychiatrie.

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