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TV-Kritik

ARD-Doku über Organspende: "Total frustrierend": So erleben Ärzte den Organmangel in Deutschlands Kliniken

Die ARD-Doku "Organspende - Jetzt reden die Ärzte" blickt hinter die Kulissen des größten Transplantationszentrums Deutschlands. Nüchterne Bilder, die ihre Wirkung nicht verfehlen. 

ARD-Doku "Organspende - Jetzt reden die Ärzte": Chirurg Fabio Ius ruft in der Medizinischen Hochschule Hannover an.

"Die Lunge ist gut": Chirurg Fabio Ius telefoniert bei der Entnahme einer Spenderlunge. Die Ärzte in Hannover können nun die Empfängerin auf die bevorstehende Operation vorbereiten.

Matt liegt die Frau im Bett. Zu ihrer Rechten stehen medizinische Apparate und Monitore. Zu ihrer Linken: ihr Mann. Er trägt einen Mundschutz und hält ihre Hand. Eine Herz-Lungen-Maschine sichert das Leben der Frau. Sie steht auf der Warteliste für ein Spenderorgan und braucht dringend eine Lunge. Wird sie auch eine bekommen?

"Hoffnung", das ist alles, worüber Oberarzt Gregor Warnecke mit dem Ehepaar sprechen kann. Doch zu viel will er den beiden davon nicht machen. Auf eine Spenderlunge könne man sich "nicht verlassen", sagt der Arzt von der Medizinischen Hochschule Hannover. Zumindest sei eine geeignete Spende "nicht unwahrscheinlich". Bevor er das Zimmer der Intensivstation verlässt, faltet er die Hände und sagt: "Darauf bauen wir jetzt".

"Darauf bauen" - das müssen in Deutschland derzeit mehr als 9000 schwerkranke Menschen, die auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen. Es bedeutet für sie, nicht zu wissen, ob ihr Leben in Kürze enden wird. Oder ob sie doch noch die Chance auf ein lebensverlängerndes Spenderorgan bekommen. Deutschland ist das einzige Land, das seit Jahren mehr Organe über Eurotransplant aus dem Ausland bezieht als es anbietet. 955 Organspender gab es in Deutschland im Jahr 2018. Zwar immerhin 20 Prozent mehr als im Vorjahr, in dem ein historischer Tiefpunkt erreicht worden war. Doch immer noch zu wenige.

Deutschland - ein Organmangel-Land

Warum erklären sich hierzulande so wenige Menschen bereit, nach ihrem Hirntod Organe zu spenden? Und wie laufen eine Hirntod-Diagnostik und eine Organ-Entnahme ab? Diesen Fragen stellt sich die Dokumentation "Organspende - Jetzt reden die Ärzte", die am Montagabend zur Primetime um 20.15 Uhr in der ARD läuft. Wichtige Fragen, die zu einem wichtigen Zeitpunkt gestellt werden: An diesem Donnerstag entscheiden die Mitglieder des Deutschen Bundestages über eine Neuregelung der Organspende. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plant, eine doppelte Widerspruchslösung einzuführen. Der Gesetzesentwurf sieht vor, dass alle Bürger automatisch zu Organspendern werden - es sei denn, sie oder nahestehende Angehörige widersprechen. Durch die Änderung soll die Zahl der Organspenden erhöht werden. Medizinethiker sehen den Vorschlag hingegen kritisch, da ein Schweigen zu diesem Thema als ein "Ja" zur Organspende interpretiert werden könnte.

Kultur der Unentschlossenheit

Autorin Antje Büll durfte für den NDR Chirurgen des größten Transplantationszentrums Deutschlands an der Medizinischen Hochschule in Hannover begleiten. 103 Lungen und 23 Herzen wurden dort im vergangenen Jahr verpflanzt. Die Kamera zeichnet den Weg der Organe nach: von einem potenziellen Spender, über die Entnahme bis hin zu den Organempfängern. Es sind nüchterne Bilder, die nicht werten, sondern informieren. Und ein Schlaglicht auf ein Thema werfen, mit dem sich Menschen nur ungern auseinandersetzen: der eigenen Sterblichkeit. 

ARD-Doku "Organspende - Jetzt reden die Ärzte"

Mitarbeiter der Deutschen Stiftung Organtransplantation organisieren mit dem Chirurgen Fabio Ius den Transport der Organe. Per Flugzeug gelangt die Spenderlunge nach Hannover.

In einer Szene testet Intensivmediziner Frank Logemann die Reflexe eines Patienten, um zu untersuchen, ob ein Hirntod vorliegt. Ein Hirntod ist die Voraussetzung für eine Organspende und bedeutet: Die Funktion des Gehirns ist unwiderruflich erloschen. Ein Neurochirurg begleitet ihn. Logemann spricht mit dem Mann, als wäre er noch bei Bewusstsein und erklärt ihm jede einzelne Maßnahme: Er leuchtet ihm in die Augen und führt einen Schlauch in die Lunge ein, um einen potenziellen Würgereflex auszulösen. Diese und weitere Tests zeigen, dass der Mann tot ist. Er wird künstlich beatmet, sein Herz schlägt noch. Damit käme er als potenzieller Organspender in Frage. Doch seine Angehörigen lehnen eine Spende ab. Sie glauben, er habe es so gewollt.

Dann ist da auch der Fall eines Kleinkindes, das bei einem Verkehrsunfall schwer verunglückt ist. Das Kind liegt auf der Intensivstation, ist komatös und wird nicht überleben. "Auf unter ein Prozent" schätzt Logemann die Wahrscheinlichkeit, dass die Mutter des Kindes einer Organspende zustimmen wird. Er wird Recht behalten. 

Bilder, die zu Diskussionen anregen

Schwerkranke wartende Patienten und medizinisches Know-How auf der einen Seite, Organmangel auf der anderen Seite: Für den Chirurgen Gregor Warnecke ist diese Situation "total frustrierend". Er sagt: "In Deutschland gibt es keine Kultur für Organspender. Und natürlich ist es richtig, dass Menschen sich ethische Gedanken machen. Aber diese Kultur führt dazu, dass Menschen, die zum Beispiel unentschlossen sind, auch unentschlossen bleiben."

Mitunter müssen die Chirurgen aus Hannover deshalb weite Strecken für ein Spenderorgan zurücklegen. Eurotransplant hat die Medizinische Hochschule Hannover darüber informiert, dass es einen Organspender gibt, dessen Lungenflügel das Leben einer Patientin retten könnte. Chirurg Fabio Ius besteigt ein Privatflugzeug. Kaum ist der Arzt gelandet, prüft er das Organ, entnimmt es und fliegt zurück nach Hannover. Dort wartet bereits die Patientin. "Emotional sind wir abgeschirmt. Wir sehen keine Angehörigen und kommen, wenn alles schon vorbereitet ist", sagt der Mediziner. "Aber ich glaube, jeder Chirurg sollte im OP nochmal nachdenken und dem Spender für das Organ danken."

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"Organspende - Jetzt reden die Ärzte" ist kein Plädoyer, sich für eine Spende zu entscheiden. Und auch kein Plädoyer, es nicht zu tun. Aber die Dokumentation regt an, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und zu diskutieren - und zwar dort, wo diese Fragen stattfinden sollten: zu Hause in den eigenen vier Wänden, im Kreise der Familie. Mag sein, dass dies dem ein oder anderen Unentschlossenen dabei hilft, eine Entscheidung zu treffen. Ganz gleich, wie diese ausfallen wird. Und doch wäre damit schon vielen Menschen geholfen.

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