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Biomarker: Tot in fünf Jahren? Forscher entwickeln Bluttest, der das Sterberisiko vorhersagt

Wie groß ist das Risiko, dass ich in den nächsten fünf oder zehn Jahren sterbe? Forscher wollen das künftig mit einem Bluttest vorhersagen. Eine Sensation? Nicht wirklich. Warum der Test durchaus kritisch zu sehen ist.

Bluttest: Röhrchen mit Blutproben stehen während einer Blutspende in Behältern

Forscher wollen mit Biomarkern im Blut das statistische Sterberisiko vorhersagen (Archivbild)

DPA

Das Alter allein sagt meist wenig über den Gesundheitszustand aus: Es kommt vor, dass Menschen bis weit in ihre Neunziger topfit sind, während andere schon mit 65 Jahren an einem Herzinfarkt sterben. Doch welche Faktoren bestimmen darüber, wie alt ein Mensch wird? Niederländische und deutsche Forscher wollen diesem Rätsel mit einem Bluttest auf die Spur gehen. Im Fachblatt "Nature Communications" stellen sie eine Studie mit 14 Biomarkern vor. Anhand der Werte wollen sie errechnen, wie hoch die statistische Wahrscheinlichkeit ist, in den kommenden fünf oder zehn Jahren zu sterben. 

Zu den Biomarkern zählen unter anderem Aminosäuren, Lipidwerte und Entzündungsparameter. In der Summe liefern diese Werte ein metabolisches Profil, mit dem sich das statistische Sterblichkeitsrisiko bestimmen lässt, glauben die Forscher. Sie planen nun eine Art Bluttest, der in Kliniken zum Einsatz kommen könnte. Marktreif ist ein solcher Test noch nicht. Doch welchen Nutzen hätte eine solche Vorhersage?

Die Ergebnisse des Tests könnten zum Beispiel eine Rolle bei der Entscheidung für oder gegen eine Therapie spielen, glauben die Forscher. Zeigen die Werte an, dass ein Patient sehr labil ist, könnte ihm eine möglicherweise gefährliche Operation erspart bleiben. Auch in der Krebsmedizin oder beim Übergang zu einer palliativen Versorgung könnte der Test eine Rolle spielen. Fraglich ist jedoch, ob der Test nicht auch missbräuchlich benutzt werden könnte. So könnten Krankenkassen mit den Ergebnissen beispielsweise in Frage stellen, ob sich eine teure Therapie für Patienten überhaupt noch lohnt, wenn diese ein hohes Risiko haben, binnen fünf Jahren zu sterben.

Patienten haben ein Recht auf "Nichtwissen"

Annette Rogge ist Vorsitzende des Klinischen Ethikkommitees, nicht an der Studie beteiligt, und warnt vor den "Herausforderungen und Gefahren", die eine solche Vorhersage mit sich bringen würde. "Wie verhindern wir, dass statistische Risikoeinschätzungen einen zu hohen Stellenwert in der Therapiezielfindung einnehmen? Wie verhindern wir, dass die Zugehörigkeit zu einer statistisch analysierten Hochrisikogruppe von Biomarkern zu einer Diskriminierung von Probanden und Patienten führt? Wer teilt dieses Risiko und seine Bedeutung dem einzelnen Patienten mit? Wie begleiten wir seinen Umgang mit diesem Wissen? Wie sichern wir das Recht von Patienten auf Nichtwissen?" Die Nutzung eines solchen Tests sei sowohl heute, als auch in Zukunft "äußerst kritisch zu bewerten".

Rogge stellt den Nutzen des Risikotests grundsätzlich in Frage: Die Information für Arzt und Patient seien sehr abstrakt, der Vorhersage-Zeitraum relativ lang. Die Ergebnisse lieferten zudem nur eine statistische Wahrscheinlichkeit, keine individuelle.

Langer Weg bis zur Marktreife

"Die Ergebnisse sind wissenschaftlich sehr spannend, aber werden von manchen vielleicht auch als beängstigend empfunden", sagt Florian Kronenberg, Professor für Genetische Epidemiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck, der ebenfalls nicht an der Studie beteiligt war. "Die vorgestellten Biomarker sind durchaus biologisch plausibel und wurden in Einzelstudien zum Teil bereits verwendet, aber eben nicht in dieser Kombination."

Er warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen, da der Biomarker-Test noch nicht marktreif ist: "Vor einer klinischen Anwendung ist es nun unbedingt erforderlich, dass erst einmal weitere Studien kontrolliert durchgeführt werden, die die Vor- und Nachteile der Vorhersage überprüfen." Der Wissenschaftler betont, dass es in der Regel viele Jahre und zahlreiche Evaluierungsschritte brauche, bis es ein Biomarker in die klinische Anwendung schaffe.

Gleichzeitig erinnert er daran, den Wunsch des Patienten trotz medizinischer Fortschritte nicht aus dem Blick zu verlieren. Es sei wichtig "die Sichtweise und Präferenzen des Patienten zu berücksichtigen".

ikr
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