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Erbgutanalyse bei Ungeborenen: Zahlt den Bluttest auf Down-Syndrom bald die Krankenkasse?

Mit einem einfachen Bluttest können Schwangere feststellen, ob das Kind das Down-Syndrom hat. Der Test ist bereits erhältlich - und könnte bald auch von den Krankenkassen übernommen werden.

Von Lea Wolz

Vorgeburtliche Diagnostik: Mit einem umstrittenen Bluttest lässt sich schon beim Fötus ermitteln, ob eine Trisomie 21 vorliegt

Vorgeburtliche Diagnostik: Mit einem umstrittenen Bluttest lässt sich schon beim Fötus ermitteln, ob eine Trisomie 21 vorliegt

Ein wenig mütterliches Blut, mehr braucht es nicht, um zu erfahren, ob der Embryo Erbschäden hat: Ein Test, der das ermöglicht, ist seit August 2012 in Deutschland erhältlich. Der sogenannte Praenatest der Konstanzer Firma LifeCodexx erfasst mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, ob bei dem noch ungeborenen Kind eine Trisomie 21 - die Ursache für das sogenannte Down-Syndrom - vorliegt. Auch zwei andere Trisomien - 18 und 13 - lassen sich damit diagnostizieren.

Der Test könnte schon bald Kassenleistung sein - zumindest für Schwangere mit einem erhöhten Risiko für ein Kind mit Down-Syndrom. Denn der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) befasst sich momentan mit dem Thema. Das Gremium aus Ärzten und Krankenkassen legt fest, welche Leistungen von der Krankenkasse bezahlt werden müssen. Bei seiner Sitzung an diesem Donnerstag wird der G-BA erneut über den "Praenatest" beraten. Ein Thema, das viel Konfliktpotenzial birgt und heikle Fragen berührt. Fragen und Antworten zu dem umstrittenen Bluttest.

Wie funktioniert der Bluttest?

In Blut befinden sich generell Erbgutstücke abgestorbener Zellen. Bei einer Schwangerschaft gelangen auch Genschnipsel des Fötus ins mütterliche Blut. Diese werden für den Test im Labor isoliert und auf Abweichungen untersucht. Das Erbgut wird dabei allerdings nur auf die zuvor festgesetzten Chromosomenänderungen geprüft, eine komplette Analyse der DNA liefert die Untersuchung nicht.

Der Test kann in der neunten bis zwölften Woche zum Einsatz kommen - und damit früher als die bislang im Rahmen der Pränataldiagnostik angebotene Fruchtwasseruntersuchung. Diese findet in der Regel zwischen der 15. und 18. Schwangerschaftswoche statt und wird bei Risikoschwangerschaften angeboten - etwa weil die Schwangere älter als 35 Jahre ist, es bereits zu Fehl- oder Totgeburten kam oder genetische Belastungen vorliegen.

Ohne Risiken ist die Fruchtwasserentnahme nicht: In 0,5 bis 1 Prozent der Fälle führt sie zu einer Fehlgeburt. Heißt: Eine von 100 bis 200 Frauen ist davon betroffen. Der "Praenatest" hingegen birgt keine Gefahr für den Embryo. Das Ergebnis liegt zudem schneller vor als bei der Fruchtwasseruntersuchung, die belastende Wartezeit ist kürzer. Der Test ist mittlerweile auch erschwinglich. Lagen seine Kosten vor ein paar Jahren noch über 1000 Euro, belaufen sie sich nun nach Angaben der Hersteller auf 350 bis 500 Euro, je nachdem, was alles untersucht wird.

Ist der Test sicher?

Nicht zu hundert Prozent, ein falscher Alarm ist möglich. Der Herstellerfirma zufolge liegt die Testgenauigkeit aber bei etwa 99 Prozent. Sie ist damit sehr hoch. Ein positiver Befund sollte dennoch durch eine invasive Untersuchung - etwa eine Fruchtwasseranalyse - bestätigt werden. In sehr seltenen Fällen liefert der Test gar kein verwertbares Ergebnis, da zu wenig kindliche DNA im Blut der Mutter enthalten ist.

Warum ist der Praenatest umstritten?

Schon die Einführung des Tests auf dem deutschen Markt im Jahr 2012 löste eine ethische Debatte aus. Kritiker befürchten, dass die einfache Blutuntersuchung dazu führt, dass Kinder mit Down-Syndrom häufiger abgetrieben und behinderte Menschen diskriminiert werden. Eine Aufnahme des Tests in den Leistungskatalog der Krankenkassen lehnen sie daher ab. Befürworter weisen darauf hin, dass schon heute Methoden Bestandteil der Regelversorgung sind, mit denen sich Trisomien nachweisen lassen - etwa die Fruchtwasseruntersuchung. Nun auf eine risikoärmere Alternative zu verzichten, sei nicht nachvollziehbar.  

Um was geht es jetzt?

Aufgabe des G-BA ist es, Nutzen und Risiken einer Untersuchungsmethode zu prüfen und auf dieser Basis zu entscheiden, ob die Leistung von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt werden soll. Die ersten Schritte auf dem Weg hin zur Übernahme des "Praenatests" durch die Krankenkassen hat das Gremium bereits eingeleitet. Eigentlich stand im Raum, zuerst eine sogenannte Erprobungsrichtlinie zu erarbeiten - um in einer Studie den Nutzen des Bluttests zu erforschen. Doch darauf soll nun offenbar verzichtet werden. Am Donnerstag geht es nun bereits darum zu entscheiden, ob der G-BA ein Methodenbewertungsverfahren zu dem Bluttest beginnt. Ein entscheidender Schritt - denn am Ende des Bewertungsverfahrens könnte die Kassenzulassung stehen.

Sechs Vereine, darunter das Gen-ethische Netzwerk und die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaften, kritisieren das Vorgehen in einem offenen Brief scharf. Der Antrag sei "ohne Kommunikation mit Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit gestellt" worden, beraten werde "mitten in der Sommerpause". Sie fordern dazu auf, zuvor die "notwendige gesellschaftliche Debatte zu führen". Die Vereine befürchten, dass der G-BA "die gesellschaftspolitische Tragweite" einer Einführung des Tests in die Regelversorgung nicht berücksichtige oder nicht berücksichtigen wolle.

Eine Kritik, die der Vorsitzende des G-BA, Josef Hecken, gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" zurückweist. Es werde "ein transparentes und geordnetes Verfahren angestoßen, in dessen Rahmen die interessierte Öffentlichkeit bereits sehr früh einbezogen wird", sagte er dem Blatt. Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften und der Deutsche Ethikrat sollen ebenfalls eingebunden werden - so ist es auch in der Tagesordnung zu lesen. Hecken betont zudem: Die Untersuchungen vor der Geburt würden auf freiwilliger Basis erfolgen. Dies setze "eine informierte Entscheidung der Frauen mit Risikoschwangerschaften voraus".


lea

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