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Bluttest auf Down-Syndrom: Beratung statt Polemik!

Der Streit über einen vorgeburtlichen Test auf das Down-Syndrom flammt erneut auf. Der Grund: Der Blutcheck könnte Kassenleistung werden. Eine sorgfältige Aufklärung der werdenden Eltern wäre dann unerlässlich.

Von Nicole Heißmann

Schwangerschaft wird mittlerweile durch die vielen Vorsorgeuntersuchungen zum Risikogebiet umgedeutet

Es sollte zu denken geben, dass es mittlerweile zum guten Ton gehört, jedes erdenkliche Screening während der Schwangerschaft in Anspruch zu nehmen

Wieder einmal läuft in Deutschland die immer berechtigte, aber oft überhitzt geführte Debatte um vorgeburtliche Diagnostik an. Auf der einen Seite diejenigen, die in solchen Tests während der Schwangerschaft eine unzulässige Auswahl gesunder Kinder und eine Diskriminierung Behinderter sehen. Auf der anderen Seite Frauenverbände, für die das Wissen um künftige Krankheiten des ungeborenen Kindes zum Recht auf Selbstbestimmung gehört.

Aktuell wird über eine Entscheidung diskutiert, die an diesem Donnerstag im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Kassen und Kliniken getroffen wurde. Danach soll in nächster Zeit der Nutzen des "Praenatests" bewertet werden. Der Test ist im deutschsprachigen Raum seit Jahren auf dem Markt und erkennt Erbgutfragmente des ungeborenen Kindes im Blut der Mutter. So lassen sich früh und recht zuverlässig die Trisomien 13, 18 und 21 nachweisen, das sind zusätzliche Chromosomen, die zu Behinderungen führen können, darunter das Down-Syndrom (Trisomie 21). Die Bewertung des Tests kann die Tür dafür öffnen, dass er in einigen Jahren reguläre Kassenleistung wird – zumindest für Frauen, deren Schwangerschaft als risikobehaftet gilt, weil sie zum Beispiel auf die 40 zugehen, was das Risiko für ein Kind mit Down-Syndrom deutlich erhöht. Bislang sollte der Test eigentlich nur in einem Pilotverfahren an wenigen Frauen untersucht werden.

Im Gegensatz zu anderen Untersuchungen, bei denen per Nadel Fruchtwasser oder Plazentagewebe entnommen wird, erhöht der "Praenatest" nicht das Risiko für eine Fehlgeburt. Allerdings kostet er mehrere Hundert Euro. Einige private und gesetzliche Kassen übernehmen im Einzelfall die Kosten, ansonsten zahlen die werdenden Mütter den Check aus eigener Tasche. Es klingt daher zunächst einmal gerecht, wenn ein risikoarmer Test künftig allen Frauen zur Verfügung steht, unabhängig von Einkommen und Versichertenkarte.

Schwangerschaft als Risikogebiet

Allerdings sollte es auch zu denken geben, dass es inzwischen in Mittelschichtskreisen geradezu zum guten Ton gehört, jedes nur erdenkliche Screening während der Schwangerschaft in Anspruch zu nehmen und gegebenenfalls selbst zu bezahlen, auf dass das eigene Kind mit optimalen Voraussetzungen ins Leben starte. Es sollte nachdenklich stimmen, dass die allermeisten Frauen bei einer drohenden Behinderung ihr ungeborenes Kind abtreiben und der Verdacht im Raum steht, dass es durch den "Praenatest" noch mehr werden könnten. Und dass das Internet voll ist von den Unsicherheiten und Ängsten werdender Mütter, die ihre Schwangerschaft offenbar mehr als Zeit der Sorge denn der Erwartung erleben – oder sich darüber ärgern, dass ihr Arzt ihnen einen teuren Test geradezu aufgenötigt hat.

Warum der G-BA ein so heißes Eisen nun überraschend und mitten in den Parlamentsferien anpacken will, erschließt sich nicht. Sechs Verbände, darunter das Gen-ethische Netzwerk und die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft, protestierten bereits im Vorfeld der G-BA-Sitzung per Offenem Brief dagegen, dass der Antrag "ohne Kommunikation mit Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit" gestellt worden sei. Bleibt zu hoffen, dass der Gemeinsame Bundesausschuss das Bewertungsverfahren nun – sicher auch in Reaktion auf die Kritik – besonders transparent und unter Beteiligung aller Interessierten und des deutschen Ethikrates vorantreibt.

Verbindliche Richtlinien für eine Beratung sind nötig

Zu dieser Beteiligung gehört zwingend, dass Kassen, Ärzte, Politiker, Ethiker und Behindertenorganisationen es gemeinsam schaffen, verbindlich und noch präziser als bisher zu definieren, wie Ärzte in Bezug auf den Test zu beraten haben. Es liegt bereits jetzt in der Verantwortung der Mediziner, die Frauen akkurat, unvoreingenommen und keinesfalls werblich über Nutzen und Risiken von Diagnostik in der Schwangerschaft aufzuklären. Wortgeklingel à la: "Sie wollen doch sicher auch das Beste für Ihr Kind?" darf im Arztgespräch keinen Platz haben. Erstens, weil es das Kind ist, dass bei auffälligem Ergebnis eventuell abgetrieben wird. Zweitens, weil es werdende Eltern unter Druck setzt, wirklich alles wissen und tun zu müssen, damit ihr Baby gesund und "normal" zur Welt kommt. Und Drittens, weil eine allzu umfassende Pränataldiagnostik Schwangerschaft letztlich zum Risikogebiet umdeutet, in dem es gilt "Störungen" jeglicher Art von vornherein auszuschließen. Ärzte sollten werdende Mütter (und auch Väter) nach einem beunruhigenden Ergebnis begleiten und zu keiner Entscheidung drängen. Denn am Ende sind es die Eltern, die damit leben werden, wie sie entschieden haben.

Aus diesem Grund tragen aber gerade die Eltern eine Mitverantwortung dafür, sich vor einem Test genau zu informieren und dem Arzt Fragen zu stellen – zumindest die eine, wichtige: Welche Konsequenzen zieht ein auffälliges Ergebnis nach sich? Es ist leider unumgänglich, von Anfang an bis zum Ende durchzudenken, was man in diesem Fall tun wird. Denn die unüberlegte Entscheidung für einen schnellen Bluttest, bloß "um auf der sicheren Seite zu sein", basiert auf einem fundamentalen Trugschluss: Es gibt keine sichere Seite und kein Test der Welt kann verhindern, dass sein Ergebnis am Ende verstörend ausfällt.

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