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Fall Claudius Holler: Keine Krankenversicherung – was nun?

In Deutschland leben Zehntausende Menschen ohne Krankenversicherung – trotz gesetzlicher Versicherungspflicht. Fälle wie der des Hamburgers Claudius Holler zeigen, wie leicht es ist durch das Netz zu fallen. Was ist dann zu tun?

Der Hamburger Claudius Holler hat Krebs – und keine Krankenversicherung. In einem Youtube-Video bittet er deshalb um finanzielle Unterstützung für seine Behandlung.

Der Hamburger Claudius Holler hat Krebs – und keine Krankenversicherung. In einem Youtube-Video bittet er deshalb um finanzielle Unterstützung für seine Behandlung.

Der Ex-Spitzenkandidat der Hamburger Piratenpartei, Claudius Holler, hat vor wenigen Tagen die Diagnose Hodenkrebs bekommen. Sein Problem: Für die Behandlung fallen Kosten an, und der 38-Jährige ist nicht krankenversichert. In einem Youtube-Clip bittet er deshalb um finanzielle Unterstützung und stößt auf große Resonanz: Sein Video wurde in den vergangenen drei Tagen rund 43.000 Mal geklickt und verbreitete sich unter anderem via Twitter. Nach Informationen des stern belaufen sich die Kosten für die Behandlung dieser Krebsform auf rund 3000 bis 20.000 Euro.

Der Fall des Hamburgers wirft ein Schlaglicht auf ein bis dato kaum beachtetes Phänomen: Menschen, die trotz bestehender Versicherungspflicht in Deutschland keine Krankenversicherung besitzen. Wie viele Menschen sind davon betroffen? Und auf was sollte man achten, wenn man sich die monatlichen Beitragszahlungen nicht leisten kann? Wir haben bei Professor Heinz Rothgang nachgefragt. Er ist Leiter der Abteilung Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen.

Herr Rothgang, vor kurzem wurde der Fall des Hamburgers Claudius Holler bekannt, der nicht krankenversichert ist und nun eine Krebsdiagnose bekommen hat. Ein Einzelfall?

Leider nein. In Deutschland gehen wir derzeit von schätzungsweise 100.000 bis 200.000 Menschen aus, die nicht krankenversichert sind. Dazu kommen noch sogenannte papierlose Menschen, Obdachlose etwa oder Personen, die hier nicht gemeldet sind. Es gibt eine große Grauzone.

Wie kann das sein – trotz bestehender Krankenversicherungspflicht?

Angestellte Arbeitnehmer sind von Haus aus versichert - die Beiträge werden mit dem Lohn abgeführt. Anders sieht es bei Menschen aus, die selbstständig zahlen müssen, Freiberufler etwa. Diese Beiträge lassen sich umgehen: Man meldet sich vielleicht bei keiner Kasse an oder stellt die Beitragszahlungen ein. Dann stehen die Kassen vor einem großen Problem: Wie geht man damit um? Mitunter stauen sich so beträchtliche Beitragsrückstände an, die nicht eingefordert werden können. Es gibt kein Prüfsystem, das diese Fälle überwacht. Die Personen fallen einfach durch das Raster.

Wann können Personen in einen Nicht-Versicherten-Status abrutschen?

Neben der Selbstständigkeit sind Auslandsaufenthalte ein typisches Beispiel: Menschen, die im Ausland versichert waren, sind nicht mehr Teil des deutschen Gesundheitssystem. Kommen sie zurück, fragt niemand nach, ob sie hierzulande versichert sind. Darum müssen sie sich selbst kümmern. Man könnte sagen: Jeder ist für sich selbst verantwortlich.

Beispiel: Selbstständigkeit. Die freiwilligen Beiträge für Freiberufler sind recht hoch bemessen. Der Mindestsatz liegt bei etwa 300 Euro monatlich, der Höchstsatz bei rund 600 Euro. Einige Versicherte können sich das mitunter nicht leisten.

Das stimmt, da sehe ich durchaus ein sozialpolitisches Problem. Allerdings ist es falsch, deshalb die Beiträge nicht zu zahlen. Wer sie sich nicht leisten kann, sollte Privatinsolvenz anmelden. Als Sozialhilfeempfänger ist man automatisch in das Gesundheitssystem eingegliedert: Man erhält eine Versichertenkarte und die normalen medizinischen Leistungen. Jeder, der sich gegen eine Insolvenz entscheidet und die Krankenversicherungsbeiträge einstellt, handelt auf eigene Faust. Das kann schiefgehen – wie im Hamburger Fall.

Wäre eine Privatinsolvenz richtig gewesen?

Im Nachhinein betrachtet, ja. In Deutschland gibt es ein gutes Auffangsystem. Die Sozialhilfe als letztes Netz ist immer da.

Was passiert, wenn man nicht versichert ist und zum Arzt muss?

In einem Notfall wird jeder Arzt helfen – das gebietet die Berufsethik. Schwieriger sieht es bei sogenannten elektiven Leistungen aus, etwa einer anstehenden Operation. In diesem Fall wird das Krankenhaus zunächst den Versichertenstatus abklären wollen.

An wen können sich Personen wenden, die sich wieder versichern lassen möchten?

Betroffene können sich an jede gesetzliche Krankenkasse wenden und anmelden. Sie stehen im Normalfall unter einem sogenannten Kontrahierungszwang, müssen also einen Vertrag abschließen. Das gilt auch für private Versicherer.

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