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Produktrückruf 30.000 Mal unnötig in Quarantäne: Hamburgs Misere mit den fehlerhaften Corona-Schnelltests an Schulen

Falsch-positiv Tests an Schulen
Fällt der Corona-Schnelltest positiv aus, ist der Schultag erstmal beendet. 
© fstop123
Hamburgs Schulen kämpften monatelang mit einem Problem. Viel zu viele Corona-Schnelltests lieferten positive Ergebnisse. Ausbaden mussten das zigtausende Schüler, die in Isolation geschickt wurden. Jetzt steht fest: der Hersteller hatte fehlerhafte Ware geliefert.

Ties Rabe hat schlechte Laune. Der Hamburger Schulsenator hat endlich die Antwort auf ein Problem erhalten, mit dem er sich schon seit Monaten herumschlagen muss – viel zu viele falsch-positive Corona-Tests an Schulen. Ein Umstand, der lange unerklärbar blieb. Bis die Stadt eben jüngst eine E-Mail erhielt, eine "schnodderige E-Mail" wie Rabe sie nannte. Sie umfasst nur ein paar Zeilen, ihr Inhalt aber hat es in sich. Es handelt sich um einen Produktrückruf.

Dass irgendwas nicht stimmen konnte mit den Genrui-Schnelltests, das wurde schon früh gemunkelt. Ausbaden mussten das zigtausende Schüler:innen, die in den vergangenen Monaten unnötigerweise mit Coronaverdacht in die Isolation geschickt wurden. Doch was das Problem mit den Tests war, das wusste eben lange keiner, hatte doch auch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) die Tests mit "gut" bewertet.

Nun, endlich eine – nein, Erklärung kann man es nicht nennen, was der Hersteller ins digitale Postfach lieferte – Bestätigung des Problems. Nach einer gründlichen Untersuchung, ist in dem Schrieb von Genrui Biotech Inc. zu lesen, habe man das Falsch-Positiv-Problem auf zwei Chargen beschränken können. Diese würden nun vom Markt genommen werden. Man bittet in einem Nebensatz, "aufrichtig um Entschuldigung für den Stress und die Unannehmlichkeiten, die durch dieses Problem verursacht worden seien". Weitere Erläuterungen spart sich das Unternehmen, erwähnt aber noch, dass die Verlässlichkeit der Negativergebnisse nicht beeinträchtigt gewesen sei.

Frühe Probleme mit Genrui-Schnelltests

Für Hamburg kommt die Mail etwa drei Monate zu spät. So lange etwa waren Tests aus einer dieser Chargen in der Stadt im Einsatz. Die fehlerhaften Tests hätten nicht nur zahllose Schulgemeinschaften und Familien mit falschen Corona-Meldungen in Angst und Schrecken versetzt, so Rabe in einer Pressemitteilung seiner Behörde, sie hätten auch Kosten in Millionenhöhe verursacht. "Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass der Hersteller nach diesen gewaltigen Problemen jetzt lediglich eine schnodderige E-Mail in alle Welt verschickt, ohne sich um Wiedergutmachung und Schadenersatz zu bemühen", so Rabe.

Seit Beginn der Pandemie gehören die Corona-Schnelltests zu den wichtigsten Werkzeugen im Kampf gegen die Virus-Ausbreitung. Welche in städtische Dienststellen und Einrichtungen, also etwa Behörden, Polizei, Feuerwehr, Justiz, Schulen und Kitas, zum Einsatz kommen, bestimmt die Stadt. Im Hamburger Fall wurden 11,7 Millionen Genrui-Schnelltests eingekauft, rund vier Millionen gingen an Schulen. 

" Von 20 Tests 19 falsch-positiv"

Schon im Oktober, kurz nach dem Nutzungsbeginn der Genrui-Schnelltests, habe sich laut Schulbehörde herausgestellt, dass viele Tests immer wieder Corona-Infektionen anzeigten, die sich bei näherer Überprüfung nicht bestätigten. Und das zu einem Anteil, so die Behörde auf eine stern-Anfrage, der "deutlich höher als bei zuvor genutzten Testmodellen" lag. An einzelnen Schulen seien von 20 Corona-Meldungen 19 falsch-positiv gewesen. 

Anwendungsfehler habe man, so die Behörde, nach einer Gewöhnungszeit an das neue Testmodell ausschließen können. Insbesondere aber sei unerklärlich geblieben, warum einige Schulen besonders stark von falsch-positiven Genrui-Schnelltests betroffen waren, andere aber nicht. Ein Phänomen, das man auch durch die Möglichkeit, dass der Test zum Beispiel auf Erkältungsviren ebenfalls positiv reagiert, nicht erklären konnte.

Ein Schnelltest-Problem ohne schnelle Lösung

Spätestens Anfang November war das Problem so groß, dass die Behörde reagieren musste. Es handele sich um eine Situation, die für alle "unbefriedigend" sei, ist in einem Schulbrief aus dieser Zeit nachzulesen. Aus dem Verkehr gezogen wurden die Schnelltests aber dennoch nicht. Denn, so erklärte die Behörde damals, kurzfristig könnten nicht die erforderlichen Millionen-Mengen anderer Schnelltests für Schulen beschafft werden. In der Spitze werden in den Schulen etwa 500.000 Exemplare pro Woche benötigt. 

Noch rund vier Unterrichtswochen müsse, so die Prognose damals, auf die Genrui-Tests zurückgegriffen werden. Bis dahin sollte ein Maßnahmenkatalog "praktikable Lösungen" bieten. So sollten beispielsweise Schüler:innen, bei denen ein Genrui-Test nachweislich bereits mehr als einmal ein falsch-positives Ergebnis angezeigt hatte, nur noch mit Schnelltests einer anderen Marke getestet werden. Die PCR-Testmöglichkeiten wurden ausgebaut. Im Dezember bestellte die Stadt zudem Schnelltests der Firma Siemens.

Wochen der Unsicherheit

So weit so gut. Für Schüler, Lehrer und Eltern bedeutete dies jedoch weitere Wochen der Unsicherheit.
Denn die Wahrscheinlichkeit ein falsches Ergebnis zu erhalten, war nicht gering. Wie viele Schüler:innen tatsächlich von falschen Testergebnissen betroffen waren, das wurde statistisch nicht erhoben. An Stichtagen aber habe die Quote der falsch-positiven Tests bei rund zwei Drittel gelegen. Man könne davon ausgehen, schätzt die Schulbehörde auf stern-Anfrage, dass über 30.000 Mal Schüler:innen aufgrund falsch-positiver Schnelltests in Isolation mussten. Und das mindestens so lange, bis das Ergebnis des PCR-Tests vorlag. Genau das kann aber durchaus mal drei Tage dauern.

Ein Mitarbeiter hält in einem Coronatest-Labor der Limbach Gruppe PCR-Teströhrchen in den Händen

Noch einmal: 30.000 Mal. "Die Unruhe, die das mit sich bringt, die kann wirklich keiner gebrauchen – weder die Schulen noch die Familien", sagt Alexandra Fragopoulos, Chefin der Elternkammer Hamburg. Sie hätte sich gewünscht, dass die Schulbehörde zum Wohle der Kinder noch schneller reagiert. Schließlich hänge da jedes Mal ein Rattenschwanz dran. Sie spricht von der Stigmatisierung, die Kinder erführen, die positiv getestet werden, von Lernrückstand, der durch den Unterrichtsausfall anfalle. Aber auch vom Stress, den die Eltern zu Schultern hätten – angefangen bei der Betreuung der Kinder und der Organisation der PCR-Tests, bis hin zu möglichen finanziellen Einbußen durch Arbeitsausfall. "Kommt dafür jemand auf?"

Rabe: "Kosten in Millionenhöhe verursacht"

Auch Ties Rabe fragt sich derzeit, wer die ganze Misere eigentlich bezahlen soll. "Angesichts des vom Hersteller Genrui verursachten wochenlangen Ärgers und der vielen Nöte und Probleme in den Familien und Schulgemeinschaften hätte ich eine Entschuldigung und eine faire Wiedergutmachung erwartet", wird der Schulsenator in einer Pressemitteilung der Behörde zitiert. Mit einer lapidaren E-Mail werde man sich nicht zufrieden geben. "Der Hamburger Senat prüft jetzt rechtliche Schritte.“

Seit Januar werden, so die Behörde, nach und nach die Konkurrenzprodukte von Siemens, die Antigen-Selbsttests "Clinitest", eingesetzt. Einen kleinen Restbestand der Genrui-Schnelltest gebe es aber noch, solche aus der fehlerhaften Charge dürften jetzt selbstverständlich nicht mehr verwendet werden. 



 


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