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Lungenkrankheit aus China: Erkrankte, Tote und weitere Fälle: So beurteilen vier Experten die Entwicklungen zum Coronavirus

2750 Erkrankte, 80 Tote und ein Erreger, der sich immer weiter ausbreitet: Die Meldungen zu dem Coronavirus in China überschlagen sich – und ängstigen viele Menschen, weil auch unseriöse Nachrichten die Runde machen. Wie schätzen Forscher die aktuellen Entwicklungen ein?

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Fieber, Husten und Atembeschwerden: In der chinesischen Metropole Wuhan erkrankten Ende Dezember und Anfang Januar etliche Menschen an einer Lungenkrankheit – mit zunächst unklarer Ursache. Mittlerweile ist das Erbgut des Erregers komplett entschlüsselt: Es handelt sich um ein Coronavirus, das offenbar von einem Tier auf den Menschen übergegangen ist und nun von Mensch zu Mensch übertragen wird. 2750 Erkrankte und 80 Tote – das ist die vorläufige Bilanz von 2019-nCoV, wie Experten den Erreger mittlerweile nennen. Tendenz: steigend. Einer der Gründe für die zunehmenden Fallzahlen liegt darin, dass immer mehr Menschen auf den Erreger getestet werden, auch bei leichteren Symptomen.

Außerhalb Chinas gibt es bisher rund 40 bestätigte Fälle, drei davon in Frankreich. Das mag bedrohlich klingen, doch bislang gibt es keine Anzeichen für Sekundärinfektionen – also dass die Reisenden weitere Personen infiziert haben könnten. Auch Todesfälle gab es in anderen Ländern bislang keine.

Dennoch überschlagen sich die Meldungen zu dem Erreger - die Nachrichtenlage ist extrem unübersichtlich. Im Zentrum der Berichterstattung steht die Frage: Wie leicht lässt sich der Erreger übertragen? Und wie gefährlich ist er? Zu diesen beiden Fragen gibt es bereits erste vage Einschätzungen, doch nur wenige gesicherte Daten. Was ist bekannt, was nicht? Das sagen vier Experten.

Wie gefährlich ist das Coronavirus?

Ein wichtiger Anhaltspunkt um die Gefährlichkeit des Erregers einzuschätzen, ist die sogenannte "Case Fatality Rate", also die Sterblichkeitsrate durch den Erreger. Sollten die Angaben aus China stimmen, liegt die Rate nach jetzigem Wissensstand "unter einem Prozent", sagt Prof. Clemens Wendtner, Infektologe an der München Klinik Schwabing. Wendtner wertet das als "gute Nachricht", denn die Sterblichkeit liege aktuell deutlich unter der von SARS und MERS. Das Coronavirus aus China ist genetisch eng verwandt mit dem SARS-Erreger, an dem in den Jahren 2002/2003 rund 800 Menschen starben. Die Sterblichkeitsrate von SARS lag damals bei etwa zehn Prozent, was bedeutete: Einer von zehn Erkrankten starb durch den Erreger. Bei 2019-nCoV ist es aktuell einer von 100.

Hinzu kommt: Schwere Vorläufe scheinen vor allem bei älteren, vorerkrankten Menschen aufzutreten. "Von 17 zuerst beschriebenen Todesfällen waren 15 über 60 Jahre alt, acht über 80", sagt Prof. Bernd Salzberger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. "Es sieht zumindest derzeit so aus, als ob bei jüngeren Menschen die Infektion milder verläuft. Das ist gut so, denn spezifische Medikamente gibt es nicht. Alles was wir tun können ist supportiv – Bettruhe, genügend Flüssigkeit und gegebenenfalls Unterstützung der Atmung."

Wird sich der Erreger weiter ausbreiten?

Die chinesische Regierung versucht derzeit, die weitere Ausbreitung des Erregers mit drastischen Maßnahmen zu verhindern. Neben der Millionenmetropole Wuhan – wo die ersten Fälle der Krankheit registriert worden waren – steht inzwischen fast die gesamte Provinz Hubei unter Quarantäne. 56 Millionen Menschen sind davon betroffen.

Doch sind diese Maßnahmen auch sinnvoll? Forscher versuchen derzeit, eine wichtige Kennzahl zu ermitteln, um das beurteilen zu können – die sogenannte Reproduktionsrate von 2019-nCoV. Sie gibt Aufschluss darüber, wie viele andere Menschen eine infektiöse Person ansteckt und in der Folge auch, wie schnell sich der Erreger ausbreitet. Doch diese Rate schwankt derzeit und liegt je nach Publikation zum Beispiel bei zwei oder zwischen drei und fünf. Eine Person würde in diesen Beispielen zwei beziehungsweise bis zu fünf Personen anstecken.

Sollten die höheren Zahlen stimmen, rechnet Prof. Clemens Wendtner in China und Südostasien mit vielen weiteren Infektionen. "Selbst die Quarantäne von vielen Millionen Menschen würde die weitere Ausbreitung vermutlich nur begrenzt abschwächen."

Prof. Bernd Salzberger weist darauf hin, dass die Schätzungen erst vorläufig seien und "dramatisch danebenliegen" könnten. "Zum Beispiel, wenn sich das Verhalten der Menschen ändert und sie sich besser schützen vor einer Infektion."

Auch Prof. Jonathan Ball, Professor für Molekulare Virologie an der Universität Nottingham, spricht von "frühen" Erkenntnissen. "Ich denke, diese frühen Daten sagen uns, dass wir ein besseres Verständnis darüber gewinnen müssen, was wirklich vor Ort in China vor sich geht. Vor allem, wie leicht das Virus verbreitet wird, ob auch Personen mit leichten oder keinen Symptomen das Virus übertragen können und natürlich, woher das Virus überhaupt stammt", so Ball. "Ich vermute, dass diese Art von Informationen aus dem wirklichen Leben wertvoller sein werden als Modellierungen und theoretische Annahmen über den mutmaßlichen Verlauf der Epidemie."

Chinesische Experten wie der Direktor der nationalen Gesundheitskommission, Ma Xiaowei, gehen derweil davon aus, dass der Erreger bereits während der Inkubationszeit infektiös ist. Infizierte wären demnach ansteckend, auch wenn noch keine Symptome erkennbar seien.

Kann das Virus auch für Deutschland gefährlich werden?

Einzelne, erkrankte Reisende können grundsätzlich auch in Deutschland auftreten, die meisten Experten halten jedoch eine Epidemie für unwahrscheinlich. Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), hält die Gefahr durch das Coronavirus in Deutschland derzeit nach wie vor für "sehr gering", wie er im ZDF-Morgenmagazin betonte. Deutschland sei "absolut gut vorbereitet". Insbesondere die deutschen Flughäfen, über die das Virus nach Deutschland eingeschleppt werden könnte, seien "sehr gut gewappnet".

Prof. Clemens Wendtner rechnet zwar mit einem vereinzelten Import durch infizierte Menschen, sieht insgesamt aber auch "keine signifikante Gefährdung für Deutschland". Aktuell würden auch an dem Klinikum in München, in dem er arbeitet, Vorkehrungen getroffen, um sich auf einen möglichen Ernstfall vorzubereiten. "Ehrlich gesagt gehe ich aber eher davon aus, dass wir 99 Prozent falschen Alarm in den Notaufnahmen in München und in Bayern haben werden. Dann steht der klassische Coronavirusfall mit banalem Schnupfen schnell als Verdacht im Raum."

Wendtner verweist stattdessen auf eine reale Gefahr: aktuell zirkulierende Grippe-Viren. "Es ist für mich insgesamt erstaunlich, dass in Deutschland über 20.000 Influenza-Tote jährlich in der öffentlichen Wahrnehmung weniger schockierend wirken, obwohl hier sogar durch einen einfachen Grippeimpfstoff viel Leid und letztendlich auch viele Todesfälle effizient vermeidbar wären."

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