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Coronavirus in Italien Protokoll der Fahrlässigkeit: Warum es wohl keinen "Patient 0", sondern nur "Patient 1" geben wird

Turin: Zwei Mitarbeiter in Schutzanzügen stehen in einem Krankenhaus neben einer Liege
Turin: Zwei Mitarbeiter in Schutzanzügen stehen in einem Krankenhaus neben einer Liege. Die Vorsichtsmaßnahmen in Italien werden massiv hochgefahren
© Diego Puletto / SOPA Images via ZUMA Wire / DPA
Kein Land in Europa ist so stark vom Coronavirus betroffen wie Italien. Aber wer hat das Virus eingeschleppt? Die Suche nach Patient 0 verlief so fahrlässig, dass dies mittlerweile wohl nicht mehr festgestellt werden kann. Ein Protokoll.

Wer hat das Coronavirus nach Italien gebracht? Noch immer ist diese Frage nicht final beantwortet. Die Suche nach "Patient Null" wurde derart verschlafen, dass sich das wohl kaum noch nachvollziehen lässt. Lediglich eins ist bekannt: Der erste dokumentierte Fall ist der eines 38-jährigen Mannes aus dem lombardischen Ort Codogno.

Bloß: Weil die Identifikation dieses Falls so unglaublich lange gedauert hat, konnte sich das Virus zunächst ungebremst ausbreiten. Und das ausgerechnet in einem Krankenhaus, wo sich ohnehin schon viele immungeschwächte Menschen aufhalten. Die Zeitung "Corriere della Sera" hat die Chronik der Fahrlässigkeiten rekonstruiert.

19. Februar, 3.12 Uhr

Es ist bereits das zweite Mal, dass Mattia in die Notaufnahme des Krankenhauses in Codogno kommt. Schon am Tag zuvor war er dort gewesen, aber nicht stationär aufgenommen worden. Nun geht es ihm aber so schlecht, dass er da bleibt.

Er hat Grippe-Symptome, wird entsprechend behandelt und erhält tagsüber viel Besuch: Verwandte und Freunde kommen, dazu schauen regelmäßig Ärzte, Krankenschwestern und weiteres Personal vorbei. Auch mit anderen Patienten ist er in Kontakt. 

Auf die Idee, ihn auf das Coronavirus zu testen, kommt niemand. Der Grund: Mattia kam nicht aus China. Und es gibt seit dem 27. Januar eine neue Richtlinie des Gesundheitsministeriums, die besagt, dass nur auf Coronavirus getestet werden soll, wer aus China zurückgekommen ist.

20. Februar, 16 Uhr

Mittlerweile sind rund 36 Stunden vergangen, seitdem Mattia im Krankenhaus aufgenommen wurde. Es geht es immer noch nicht besser. Seine Frau berichtet, der 38-Jährige habe sich kürzlich mit einem aus China zurückgekehrten Freund getroffen. Endlich schlägt jemand vor, Mattia auf das Coronavirus zu testen. Bis das Ergebnis da ist, dauert es aber weitere Stunden. Stunden, in denen der 38-Jährige weiter Kontakt mit anderen hat. Auch mit seiner hochschwangeren Frau.

Ob der Mann, den Mattia getroffen hat, tatsächlich der Ursprung des Ausbruchs ist, ist bislang aber weiter unklar: Das Virus kann bei dem bereits im Januar zurückgekehrten Freund zunächst nicht nachgewiesen werden. Auch habe er zu keiner Zeit Symptome gehabt, heißt es.

20. Februar, 20 Uhr

Die Testergebnisse sind da. Mattia hat Covid-19. Es dauert noch bis Mitternacht, bis das diensthabende Personal Großalarm auslöst. Erst dann werden im Krankenhaus alle informiert. Und ab diesem Zeitpunkt wird das Ganze "kompliziert, um nicht zu sagen chaotisch", schreibt "Corriere della Sera". Aus Chatprotokollen liest die Zeitung heraus, dass "stundenlang alles und das Gegenteil von allem entschieden" wurde. Zwischen Ärzten, Krankenschwestern, Management, der Provinzregierung und dem Gesundheitsministerium werden hektisch Nachrichten ausgetauscht.

Mattia wird auf die Intensivstation gebracht und steckt dort die beiden Anästhesisten an, die sich um seine Intubation kümmern.

Als erste Maßnahme wird erwogen, die Notaufnahme zu schließen und das ganze Krankenhaus abzuriegeln – wer drin ist, bleibt drin. Dann zieht man in Betracht, die anwesenden Patienten in andere Kliniken zu verlegen. Ärzte und Schwestern der Nachtschicht gehen nach Hause mit der Ansage, dort zu bleiben und in die sogenannte Selbstisolation zu gehen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Sie werden zurück ins Krankenhaus beordert, wo sie auf die Kollegen der anderen Schichten treffen. Im Laufe des Tages wird dann entschieden, wer tatsächlich heimgehen darf und wer erst einmal dableiben muss. Zeit, in der weiteres Ansteckungspotenzial besteht.

21. Februar, vormittags

Es ist später Vormittag, als man endlich beschließt, das Krankenhaus abzuriegeln. Jetzt soll wirklich niemand mehr rein- oder rauskommen.

Erst im Laufe der nächsten Tage stellt sich heraus, dass Mattia offenbar der erste dokumentierte Fall von Corona in Italien ist. Ob er tatsächlich auch derjenige ist, der das Virus ins Land gebracht hat, kann man nicht mehr nachvollziehen. Mattia gilt deswegen als "Patient Eins".

25. Februar

Der Regionalrat tagt, der zuständige Gesundheitsrat der Provinzregierung, Giulio Gallera, wird zu den Vorgängen in Sachen Corona befragt. Er sagt, dass das Krankenhaus in Codogno alle Protokolle eingehalten hat. 

Premierminister Giuseppe Conte zweifelt jedoch, ob die Vorgänge in Codogno richtig waren: "Es gab einen Hotspot und von dort hat sich das Virus ausgebreitet, teilweise aufgrund des Managements eines Krankenhauses, das nicht komplett nach den protokollierten Vorsichtsmaßnahmen gehandelt hat, die in diesen Fällen empfohlen werden", so Conte. 

Gallera entgegnet, diese Unterstellungen seien "haltlos und inakzeptabel". Man habe sich "sklavenhaft" an alle Protokolle gehalten.

26. Februar

Wie viele Menschen sich an Mattia angesteckt haben, ist unklar. Sicher ist nur: Von Italien aus hat sich das Virus auch auf andere Länder in Europa ausgebreitet, darunter Österreich, Spanien und Kroatien.

Mattias Gesundheitszustand sei "ernst, aber stabil", heißt es am Mittwoch. Mittlerweile wird er in einem Krankenhaus in Pavia behandelt – auf der abgeriegelten Intensivstation.

Quellen:"Corriere della Sera", Nachrichtenagenturen DPA, AFP, ANSA 


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