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Darum sind wir, wie wir sind: Warum lästern wir so gern?

Lästern hat einen schlechten Ruf. Trotzdem tun wir es. Was reizt uns so sehr am Klatschen und Tratschen, dass wir es einfach nicht lassen können? 

"Hast du schon gehört?"... Was reizt uns am Lästern so sehr, dass wir es immer wieder tun?

"Hast du schon gehört?"... Was reizt uns am Lästern so sehr, dass wir es immer wieder tun?

Wer lästert, gibt ein Stück seiner eigenen Unzulänglichkeit preis, gilt als wenig gönnerhaft und neidisch. Wahre Charakterstärke demonstriert dagegen, wer sich in die Angelegenheiten anderer nicht einmischt. Leben und leben lassen. 

Doch so liberal und lässig wir uns gerne geben: Die Realität sieht anders aus. Schon Jugendliche tratschen laut einer Studie der Michigan Universität 18 Mal pro Stunde. Und Erwachsene stehen ihnen diesbezüglich in nichts nach: Rund 15 Prozent aller "Arbeits"-Emails enthalten Gossip (engl. für Klatsch und Tratsch) über Kollegen oder den Arbeitgeber, so eine Analyse der Technischen Universität in Georgia. Negatives über Kollegen und Vorgesetzte würde dabei dreimal so häufig verschickt wie Positives. 

Was macht (negatives) Gewäsch über andere so attraktiv, dass wir es einfach nicht lassen können, hinter dem Rücken unserer Mitmenschen deren Verhalten zu sezieren? 

Vielleicht die Tatsache, dass Lästern mehr als nur ein Laster ist. Die Wissenschaft ist sich mittlerweile sicher: Das gemeinsame Herziehen, bzw. Austauschen über Dritte kann positive Effekte auf unsere Psyche und unser soziales Miteinander  haben. 

Sag mir, wer dein Feind ist und ich sag dir, wer du bist 

So stärkt Lästern etwa die Zugehörigkeit zu einer Person oder Gruppe. Entgegen des gängigen Glaubens, dass positive Gespräche über Dritte den Charakter und damit die Beziehung stärken, schweißt es Menschen stärker zusammen, wenn sie negativ über andere sprechen. Ein Experiment um die Psychologin Jennifer Bosson zeigte: Zwei fremde Menschen verstanden sich deutlich besser, wenn sie zuvor erfahren hatten, dass sie beide eine Abneigung gegenüber einer außenstehenden Person hegten, als wenn einer oder beide positiv über diesen Dritten urteilten. 

 Jede gute Beziehung braucht ein gemeinsames Feindbild. In einer Paarbeziehung kann das der nervende Nachbar sein, unter Kollegen der cholerische Chef, bei Sportfans der verhasste Konkurrenzverein. Je größer die gemeinsam gepflegte Abneigung, desto größer der Zusammenhalt, so die Ergebnisse einer Studie der Cornell-Universität in Ithaca (New York) 

Doch Lästerei entscheidet nicht nur, zu wem man gehört, sondern auch, wer man ist, bzw. sein möchte. Mit Klatsch und Tratsch werden eigene Werte bestätigt und verfestigt. Ein Beispiel: Die Kollegin kommt mit einer teuren Handtasche zur Arbeit. In der Mittagspause betont man gegenüber einer dritten Kollegin, wie peinlich man solche Statussymbole finde und dass man das Geld doch lieber in eine Reise investieren würde. Pflichtet die Kollegin bei, wird die Überlegenheit der eigenen Werte bestätigt (Weltoffenheit versus materielle Beschränktheit)  - und man fühlt sich gleich ein bisschen besser. 

Lästern als Erziehungsauftrag 

Wer fürchtet, durchs Tratschen negatives Karma anzuhäufen, dem sei gesagt: Lästern kann auch dem Gemeinwohl dienen. Jeder kennt diesen einen  Kollegen/ Freund/ Verwandten, der für seinen eigenen Vorteil über Leichen geht. Dem kann man schweigend zusehen. Doch der eigenen Gesundheit und dem Gemeinwohl zuträglicher ist es, seinem Ärger darüber Luft zu machen, so die Ergebnisse einer Studie der Universität von Kalifornien in Berkeley. Die Versuchspersonen fühlten sich schlecht, weil sie mitbekamen, wie jemand bei einem Spiel schummelte. Ihre Herzfrequenz war deutlich erhöht. Hinterher konnten sie in einer Läster-Nachricht einen anderen Spieler vor dem Betrüger warnen. Sie fühlten sich danach deutlich besser, ihr Puls sank wieder. Je altruistischer sich die Personen zuvor selbst eingestuft hatten, desto stärker nutzten sie die Möglichkeit, über den Schummler zu lästern. "Wenn Gossip dazu dient, zu verhindern, dass andere ausgebeutet werden, sollten wir uns nicht schuldig fühlen", sagt der Studienautor Matthew Feinberg. Ein Läster-Freifahrtschein sozusagen, der dazu dient, Sozialschmarotzer zu identifizieren - und umzuerziehen. 

Denn Tratsch kann tatsächlich das Verhalten der Person, über die geredet wird, beeinflussen, wie ein Experiment  um den Soziologen Robb Willer von der Stanford Universität zeigte. Erfuhren Menschen, dass andere über sie redeten und dadurch ausgegrenzt wurden, veränderten diese in der Regel ihr Verhalten und waren künftig fairer. Auch die bloße Befürchtung, Opfer von Tratsch zu werden, führe dazu, dass sich Menschen sozialer verhalten, so die Studienergebnisse. Während Lästern zwar oftmals boshaft ist, kann es also auch dazu dienen Egoisten abzustrafen und die soziale Ordnung in Gruppen aufrechtzuerhalten. 

Die Schattenseiten des Tratschens

Doch nicht alle Menschen lästern gleich viel und gerne. Nur wer sich selbst unzulänglich findet, zieht mit großer Freude über die Mängel andere her. Denkt man. Interessanterweise stimmt genau das Gegenteil: Menschen mit einem hohen gefühlten Marktwert lästern mehr. An der Spitze der Klatschbasen: Frauen, die wissen, dass sie bei anderen gut ankommen, wie Karlijn Massar von der Universität Maastricht zeigte. Eine andere Studie der Universität von Texas liefert eine mögliche Erklärung: Attraktive Jugendliche verloren nicht an Beliebtheit, wenn sie tratschten. Weniger attraktive schon. Wer ohnehin gut ankommt, kann es sich offenbar auch eher leisten, ein Lästermaul zu sein. Die Welt ist manchmal ungerecht. 

Doch es gibt noch so etwas wie Gerechtigkeit: Zwar büßt ein attraktiver Mensch durchs Tratschen nicht an Anziehungskraft ein. Dafür an Vertrauenswürdigkeit und Sympathie. Wer über die Stränge schlägt, macht sich langfristig keine Freunde - egal wie attraktiv er ist. Denn die Eigenschaften, die man an anderen Leuten kritisiert, werden von den Zuhörern unterbewusst auf einen selbst übertragen, schreibt der britische Psychologe Richard Wiseman. Wer sich ständig über die Misserfolge einer Person auslässt, wird von anderen irgendwann selbst als inkompetent abgestempelt. Wer dagegen viel Gutes über andere zu berichten weiß, erfährt eine Aufwertung - durch andere aber auch durch sich selbst: Lob für andere steigert das eigene Selbstbewusstsein.

Fazit: Lästern ist menschlich und hat seine guten Seiten. Doch wer es übertreibt, wird irgendwann selbst zur Zielscheibe von Klatsch und Tratsch.

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