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Das Glück ist ein Turnschuh: Das ganze Leben ist kein Wettbewerb

"Ich lass mich nicht von einer Frau überholen", hat unsere neue stern-Stimme kürzlich hinter sich gehört, nachdem sie zwei Jogger überholt hatte. Ein Plädoyer für weniger männlichen Ehrgeiz.

Vor ein paar Monaten an einem Berg am Hamburger Elbufer. Fünf Kilometer bin ich entspannt am Hafenrand entlang getrabt. Bruno Mars auf den Ohren, der mir den Takt vorgibt. Nichts denken, nichts spüren. Einfach treiben lassen. Jetzt nur noch hier hoch und dann bin ich zu Hause. Ein paar Meter vor mir sind zwei Männer, Mitte Vierzig. Enge Laufhosen, top gepolsterte Schuhe und neongelbe Funktionsshirts. Beide haben hochrote Köpfe und sind komplett außer Atem. Sie können längst nicht mehr rennen, schlendern nur noch und schnaufen dabei schon wie Darth Vader.

Aber kaum dass ich langsamen Schrittes an ihnen vorbeilaufe, höre ich den einen raunen: „Hey, wir lassen uns nicht von einer Frau überholen.“ Und schon rennen sie wieder los. Ziehen vorbei. Ächzend spurten sie 100 Meter weiter bis zur nächsten Ampel. Die Köpfe nun noch roter, stützen sie sich keuchend am Pfosten ab. „Gewonnen“, kann der eine noch zwischen zwei Atemzügen japsen, als ich dann irgendwann neben ihnen auf Grün warte.

Typisch Jungs. Das ganze Leben ist ein Wettbewerb. Dazu gehört natürlich auch die Laufrunde. Männer sind immer auf der Jagd nach Rekorden, Siegen und wollen ihre eigenen Grenzen niederreißen. Einfach mal entspannt sein, fällt ihnen schwer. Gesund ist das selten. Auf den eigenen Körper wird gepfiffen. Es wird gerannt, bis die Knochen knirschen, und die Bänder quietschen. Regeneration ist ein Fremdwort. Es geht um Ruhm und Ehre - und Helden-Geschichten, mit denen man beim nächsten Essen mit Kollegen protzen kann.

Kein Wunder, dass Männer meist diejenigen sind, die beim Marathon den plötzlichen Herztod sterben. Und immer wieder mit Start der Laufsaison im Frühling sind sie die besten Kunden der Orthopäden. Mit Schienbeinschmerzen, entzündeten Fußsohlen und überlasteten Muskeln bevölkern sie die Wartezimmer – immer mit der Hoffnung auf super schnelle Heilung.

Frauen ticken da anders. Die Statistik ist eindeutig: Wir treiben Sport, weil wir uns wohl fühlen wollen. Weil wir etwas für uns tun wollen und uns unsere Pfunde zu viel nerven. Ziehen wir uns die Turnschuhe, wollen wir keine Rekorde brechen. Grenzen sind uns egal. Wir wollen Spaß haben. Vielleicht unterwegs mit der besten Freundin noch ein bisschen plaudern. Auf jeden Fall nicht wie von Sinnen hintereinander her hetzen.Wir lassen es deswegen viel ruhiger angehen. Und werden mit viel, viel weniger Verletzungen und Ermüdungserscheinungen belohnt.

Männer, ihr müsst tapfer sein: Ihr könnt echt noch etwas von uns lernen. Denn, auch die Forschung gibt uns Recht: Unser sanfter Weg ist der bessere. Für einen gesundheitlichen Effekt, ist es total egal, wer am schnellsten den Berg hochrennt. Einzig, dass man sich überhaupt regelmässig bewegt und dabei seinen Puls nach oben treibt, ist wichtig.

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