Das Glück ist ein Turnschuh Zu fett zum Laufen?


Es ist ein populärer Satz: Du bist zu fett, du kannst nicht laufen!

Und mal Hand aufs Herz, wie oft haben Sie das schon gedacht, wenn Ihnen eine übergewichtige Läuferin entgegen kam?

Dabei ist dieser Satz fies, gemein und infam. Er kommt als guter Ratschlag daher. Nicht, dass man seiner Gesundheit schadet. Ja, ja. Schon klar.

Aber in Wahrheit verwehrt er den Angesprochenen jede Chance auf einen gesunden Lebensstil. Statt du motivieren, zerstört er alle Hoffnungen.

Auch Julie Creffield hat diesen Satz oft gehört. Die 36-Jährige aus East-London lässt ihn sich aber längst nicht mehr gefallen. Auf ihrer Website "The Fat Girls' Guide to Running" kämpft sie vehement dagegen an. Ins Leben rief sie ihren Blog 2010. Weil die übergewichtige Frau es leid war, jedes Mal wenn sie sich auf einen Volkslauf vorbereitete, zu hören, dass das eigentlich nichts für sie sei. Statt sich von negativen Gedanken klein machen zu lassen, versucht sie nun sich und ihre Leser zu einem gesünderen Lebensstil durch Laufen anzuregen.

"Sich für sein Übergewicht zu schämen, ist ein riesiges Problem", sagt sie. Und macht deutlich: "Ich glaube, es ist für Frauen die größte Hürde, die sie daran hindert, raus zu gehen, zu trainieren und etwas für ihre Gesundheit zu tun."

Creffields Geschichte zeigt, dass es auch anders geht. 2003 startete sie bei ihrem ersten Rennen. Die Frau, die Kleidergröße 48 trägt, erinnert sich: "Ich konnte keine 30 Sekunden am Stück rennen, das war für mich ein großer Schock. Das war der Moment in dem ich verstand, dass ich etwas ändern muss. An meinem Gewicht - und dass ich mich mit weiteren Rennen herausfordern muss."

Sie trainierte regelmäßig.Von Monat zu Monat wurde sie besser. Langsam und in ihrem Tempo. Hörte auf ihren Körper. Wusste, wann sie aufhören musste. Nahm an Rennen teil, schaffte im Laufe der Jahre mehrere Marathons. Und folgte ihrer inneren Überzeugung: "Es ist völlig egal, ob ich als Letzte ins Ziel kommen, Hauptsache ich schaffe es."

Woher sie diese Stärke nimmt? Creffield erklärt: "Wenn man sich Olympia anschaut, erinnern wir uns alle an die Typen, die als erste ins Ziel kommen. Aber erinnern wir uns an den, der als Letzter ankam? Oder denken wir gar: "Schäm dich, du bist Letzter? Nein, wir feuern ihn an und finden ihn cool. Denn, dabei sein ist alles."

Bis zu dieser selbstbewussten Erkenntnis war es aber auch für Creffield ein steiniger Weg. Immer wieder wurde sie in eine Ecke gestellt. Das "Fett-Schämen" reichte von einem Arzt, der ihr sagte, sie sei zu unfit für einen Marathon. Wenige Wochen danach hatte sie die 42 Kilometer geschafft und lief jubelnd ins Ziel. Bis zu einem siebenjährigen Jungen, der sie während eines 3K-Laufes anschrie: "Lauf, Fetty, lauf.

Das war erniedrigen und verletzte Creffield natürlich. Heute sagt sie: "Wenn du hörst, wie andere Leute über dich denken, wie sie dich sehen, dann trifft dich das. Und man zweifelt: Vielleicht bin ich nicht so gut aussehend, wie ich bisher dachte."

Viel Lob gibt heute deswegen für Creffields Initiative von Rebecca Puhl, der Direktorin des Rudd Center for Food Policy and Obesity der Yale University. "Creffield ist jemand, der erfolgreich negative auf Gewicht basierende Stereotype durchbricht." Puhl schiebt hinterher: "Ihre Message ist wichtig. Sie zeigt, dass die Körpermaße eines Menschen nichts darüber aussagen, wie athletisch jemand ist oder wozu jemand in der Lage ist."

Puhl berichtet, dass Meldungen von Beschimpfungen oder Diskriminierungen wegen Übergewichts in den USA in den letzten Jahren um 66 Prozent gestiegen sind. Sie seien inzwischen auf dem selben Niveau wie rassistische Beschimpfungen von Frauen. Das sei besonders schlimm, weil Frauen verletzlicher seien, als Männer, wenn es um persönliche Angriffe ginge.

Puhl meint: "Wir leben in einer Gesellschaft, in der diese Vorurteile weit verbreitet und anerkannt sind. Aber kaum jemand spricht darüber, welchen Schaden sie anrichten." So sei durch Studien belegt, dass Menschen, die sich für ihr Gewicht schämen, häufiger unter Depressionen, Angst und geringerem Selbstbewusstsein leiden. Das löse einen Teufelskreis aus. Die Betroffenen würden sich nur noch mehr in den ungesunden Lebensstil stürzen. An Training sei in solchen Fällen nicht zu denken, so Puhl.

Eine Erfahrung, die auch Creffield machte Sie sagt: "Dünne, gesünder aussehende Personen sitzen oft auf dem hohen Ross und haben all diese negativen Vorurteile über Dicke." Das mache die Situation für Übergewichtige besonders schwierig: "Wer Angst vor Spott hat, trainiert nicht gerne."

Creffield hat es geschafft und den Spieß umgedreht. Sie versucht nun, die schlechten Gedanken als Motivation zu nehmen. Wie das geht, erzählt sie an einem Beispiel: "Ein paar Wochen nach der Geburt meiner Tochter war ich laufen, da kamen mir ein paar Kerle entgegen, die direkt auf dem Nachtclub kamen. Einer schlug mir auf den Hintern. Ich war so wütend. Ich habe rumgeschrien. Und sie lachten über mich. Dann rief ich die Polizei. Wir haben gemeinsam die Stadt nach den Jungs abgesucht. Aber nach einer Stunde konnte ich über den Vorfall lachen. Ich war immer noch wütend, aber ich wusste: Jetzt habe ich wieder tolles Material für meinen Blog."


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