HOME

Demenz-Forschung: Neuer Wirkstoff könnte Alzheimer heilen

Millionen Menschen leiden weltweit an Alzheimer, dem "großen Vergessen". Nun haben deutsche Forscher einen Wirkstoff entwickelt, der die gefährlichen Ablagerungen im Gehirn fast gänzlich verhindert - zumindest im Tierversuch.

Jedes Jahr erkranken rund 250.000 Menschen in Deutschland an Alzheimer. Ein neuer Wirksstoff soll die Behandung revolutionieren

Jedes Jahr erkranken rund 250.000 Menschen in Deutschland an Alzheimer. Ein neuer Wirksstoff soll die Behandung revolutionieren

Weltweit suchen Wissenschaftler nach Therapien für Alzheimer - Hoffnung auf Heilung gab es bisher jedoch nicht. Einer Gruppe deutscher Forscher um den Biochemiker Hans-Ulrich Demuth könnte nun ein Durchbruch gelungen sein.

Die Behandlungsmethode des Forscherteams verfolgt einen neuen Ansatz: die Blockade des Enzyms Glutaminylzyklase (GC). Dieses Enzym kommt der Studie zufolge im Gehirn von Alzheimer-Patienten gehäuft vor; dort ist es für die Bildung einer Peptid-Variante verantwortlich, die wiederum die Entstehung der für Alzheimer typischen Plaques im Gehirn der Kranken anregt, schreiben die Forscher im Fachblatt "Nature Medicine".

Morbus Alzheimer ist mit etwa einer Million Erkrankten allein in Deutschland die häufigste Form der Demenz. Betroffene leiden unter Gedächtnisverfall, Orientierungs- und Erkennungsstörungen. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft treten jedes Jahr mehr als 250.000 Neuerkrankungen auf.

Die Ablagerungen reduzieren sich um bis zu 80 Prozent

Auch wenn die Ursache für die Alzheimererkrankung noch nicht vollständig geklärt ist, gehen einige Wissenschaftler davon aus, dass Ablagerungen im Gehirn der Betroffenen zum Tod der Nervenzellen führen. Bestimmte Eiweiße im Gehirn von Alzheimer-Patienten können nicht mehr abgebaut werden. Sie flocken dann aus - wie Milch, wenn sie schlecht ist. "Heutige Behandlungsmethoden können das Fortschreiten der Alzheimerschen Krankheit nur vorübergehend aufhalten oder verlangsamen", sagt Demuth. "Alle Versuche, die Krankheit zu heilen sind bislang gescheitert".

Mit der neuen Methode seien im Tierversuch "dramatische Verbesserungen" der Krankheit ereicht worden, so Demuth. Die Ablagerungen konnten bis zu 80 Prozent reduziert werden. Zudem zeigten sich keine Nebenwirkungen des Wirkstoffs. Ganz im Gegenteil: Er hat in Tierversuchen zu einer deutlichen Verbesserung der Gedächtnisleitung geführt. Die Blockade des GC-Enzyms biete "eine einzigartige Möglichkeit bietet, die Zerstörung von Nervenzellen und die Bildung von Plaques zu stoppen oder von vornherein zu verhindern", heißt es beim Pharma-Unternehmen Probiodrug, das an der Studie maßgeblich beteiligt war.

"Für Euphorie ist es zu früh"

Von einem Durchbruch zu sprechen, hält Richard Dodel von der Klinik für Neurologie an der Universität Marburg jedoch für verfrüht: Die publizierten Daten sind zwar sehr vielversprechend, dieser Wirkstoff wurde bislang jedoch nur im Tierversuch getestet. In den vergangenen Jahren haben Forscherteams weltweit immer wieder von erfolgversprechende Tierversuche berichtet. Doch nur ein kleiner Teil hat wirklich das Potenzial, die Behandlungsmöglichkeiten von Alzheimer zu verbessern. Rein rechnerisch liegt die Chance, dass ein wirksames Medikament entwickelt wird, bei etwa 5 Prozent", sagt Dodel im Gespräch mit stern.de.

"Es gibt auch Forscher, die sagen, man solle nicht die Plaques selbst behandeln, sondern deren Vorstufen", so Dodel. "Ob das mit diesem Wirkstoff möglich ist, gehe aus dieser Arbeit nicht direkt hervor. Es wäre falsch Tausenden Betroffenen zu diesem Zeitpunkt Hoffnung zu machen. Zuvor muss sich dieser Ansatz in klinischen Tests beweisen."

Untersuchungen an Patienten starten jedoch frühestens Ende nächsten Jahres. Und selbst wenn die erfolgreich verlaufen, wird es noch viele Jahre dauern, bis ein Medikament auf den Markt kommt. Sollte kein Durchbruch bei Prävention und Therapie gelingen, wird sich die Krankenzahl laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft bis zum Jahr 2050 auf etwa 2,3 Millionen erhöhen. Ein wirksames Alzheimer-Medikament verspricht da auch der Industrie aufgrund der immer älter werdenden Bevölkerung hohe Gewinne.

nis/DPA / DPA

Wissenscommunity