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Deutsche Ärzte: Der Patient, das "AOK-Schwein"

Ärzte, die gesetzlich Versicherte als "AOK-Schweine" bezeichnen. Kliniken, die unbequeme Patienten abschieben. Der Journalist Werner Bartens beschreibt im stern.de-Interview die Seelenlosigkeit des Medizinbetriebs und erklärt, wie man sich vor schlechten Ärzten schützt.

Der Arzt hört dem Patienten nicht zu, nimmt sich zu wenig Zeit für ihn und besitzt zu wenig Einfühlungsvermögen - so sieht der Alltag in deutschen Praxen oftmals aus

Der Arzt hört dem Patienten nicht zu, nimmt sich zu wenig Zeit für ihn und besitzt zu wenig Einfühlungsvermögen - so sieht der Alltag in deutschen Praxen oftmals aus

Herr Bartens, woran erkenne ich einen schlechten Arzt?

Wenn er mir nicht zuhört. Wenn ich vorher viele Fragen hatte und anschließend das Gefühl habe, diese Fragen nicht gestellt zu haben. Wenn er mir das Wort abschneidet, weil er wohl Angst hat, dass ich von meinen privaten Sorgen erzählen könnte - obwohl das, wie man weiß, viel ergiebiger ist für eine Behandlung. Und vielleicht das wichtigste: Wenn er mir als Patient nicht erklären kann, was der Nutzen und die Risiken einer Untersuchung oder einer Therapie sind, die er vorschlägt. Beste Nagelprobe: Fragen Sie Ihren Arzt, ob er die Behandlung an sich selbst machen würde. Wenn er dann nicht sofort und schlüssig antworten kann, dann wissen Sie Bescheid.

Wie soll ich mich verhalten, wenn ich mich nicht korrekt behandelt fühle?

Sie sollten das in dem Moment sofort ansprechen. Ärzte müssen damit umgehen lernen, dass nachgefragt oder Ihnen widersprochen wird. Wenn sie dann nicht anständig reagieren, ist das ein Grund, den Arzt zu wechseln.

Sie beschreiben in Ihrem Buch in vielen Episoden teilweise drastische Entgleisungen des Medizinbetriebs. Sind diese Fälle die Regel oder die Ausnahme?

Die Geisteshaltung, die dahinter steht, ist die Regel - die Exzesse sind die Ausnahme. Ich habe schon viele Mails auf mein Buch bekommen, vor allem von Ärzten. Die prügeln nicht etwa auf mich als Nestbeschmutzer ein, sondern bestätigen häufig, was ich geschrieben habe. Leider heißt es sogar oft: "An meiner Klinik ist es noch viel schlimmer."

Viele Ärzte, so schreiben Sie, sehen den Patienten als Feind. Wie kommt es zu solch einer Haltung?

Zum Teil ist es die eigene Überlastung, zum Teil eine sich herausbildende Unfähigkeit, auf das Leiden anderer einzugehen. Es entsteht eine Abwehrhaltung - alles, was den Ablauf stört, ist feindselig. Das kann ein Angehöriger eines Kranken sein, der sich ständig nach dem Befinden des Kranken erkundigt. Oder ein Patient, der mehr Aufmerksamkeit benötigt. Es muss nicht aus Bösartigkeit passieren, manchmal prallen einfach Weltbilder aufeinander. Der Arzt denkt, aus medizinisch-naturwissenschaftlicher Sicht ist doch alles in Ordnung. Der Patient aber merkt, dass die Fürsorge und die Pflege leidet.

Deutsche Ärzte sind überlastet, müssen Schichtdienste und viele Überstunden leisten. Immer wieder kam es zu Protesten für bessere Arbeitsbedingungen. Ist die fehlende Menschlichkeit eine zwangsläufige Folge des kränkelnden deutschen Gesundheitssystems?

Es sind mehrere Gründe: Die schlechten Arbeitsbedingungen, Mängel in der Ausbildung, falsch gesetzte Schwerpunkte in den Kliniken. Daraus resultiert eine Überlastung, die viele Ärzte spüren und sie zynisch und sarkastisch werden lässt. Sie versuchen dadurch, diese Dinge von sich abzuwenden. Ein häufiger Reflex, den man vielleicht häufiger bei Männern findet. Sie merken, dass sie so nicht weiterarbeiten können, gehen oft ins Ausland, um eine andere Medizin machen zu können. Daraus - und das hört man häufig von den Ärzten selbst - resultiert eine Negativauslese von Medizinern, die hier in den Kliniken verbleibt.

Lernt ein Arzt während seiner Ausbildung den richtigen Umgang mit dem Patienten?

Viel zu wenig. Es werden zu wenige Praktika beim Hausarzt gemacht, stattdessen schickt man die Studenten in Fachkliniken. Beim Hausarzt aber könnten sie den Umgang mit dem typischen Patienten viel besser lernen. Die Fächer Psychosomatik, Psychiatrie und Soziologie stehen zwar im Stundenplan, führen aber im Studienplan ein Schattendasein.

Gesetzlich Versicherte werden oft schlechter behandelt als Privatpatienten. Die Zwei-Klassen-Medizin ist schon jetzt Realität.

Wenn es um die Terminvergabe geht, haben Sie Recht. Ich erlebe es ja selbst ganz oft, dass man von mir als Arzt automatisch annimmt, dass ich privat versichert bin. Zunächst bietet man mir relativ zügig einen Termin an. Wenn ich dann aber sage, dass ich gesetzlich versichert bin, gibt es plötzlich nur noch einen Termin in frühestens vier Monaten.

Zwei-Klassen-Medizin stimmt aber so auch nicht. Denn häufig haben Privatpatienten viel mehr zu leiden als gesetzlich Versicherte. An ihnen ist nämlich viel mehr Geld zu verdienen, weshalb sie oft unnötige und belastende Untersuchungen und Therapien erleiden müssen. Da kann man oft sogar froh sein, gesetzlich versichert zu sein.

Neu ist, mit welcher Unverfrorenheit Ärzte Patienten spüren lassen, dass sie "nur" gesetzlich versichert sind. Sie selbst wurden sogar als "AOK-Schwein" bezeichnet.

Mittlerweile bin ich bei der GEK, aber "GEK-Schwein" hat noch keiner zu mir gesagt.

Hat Sie dieser Ton überrascht?

Der eigentliche Skandal ist doch, dass sich die Leute damit abgefunden haben, dass es eine institutionalisierte Ungleichbehandlung in der Medizin gibt. In Kliniken gibt es sogar schon von Verwaltungsebene ausgegebene geheime Listen, nach denen Patienten unterschiedlich wichtig sind und Ärzten nahegelegt wird, sich um die lukrativen Privatzahler zu bemühen und nicht zu viel Zeit und Energie auf gesetzlich Versicherte zu verschwenden.

Krankenhäuser, die keine Notfälle aufnehmen wollen. Betten, die in Gängen stehen, stattdessen luxuriöse Abteilungen für zahlungskräftige Patienten aus dem Ausland. Krankenhäuser werden zunehmend von ökonomischen und nicht mehr medizinischen Gesichtspunkten dominiert, schreiben Sie.

Es ist Realität, dass kaufmännische Direktoren, Leute von McKinsey und andere Unternehmensberater in den Kliniken Einzug gehalten haben. Und mit der zunehmenden Privatisierung von Krankenhäusern wird das sicher nicht besser werden.

Der ökonomische Druck in der Medizin ist enorm gestiegen. Wenn man sich mit Ärzten unterhält, wird weniger über die Patienten geredet. Stattdessen über Fallpauschalen, knappe Budgets und ähnliches.

Beispiel Organtransplantation. Wenn jemand eine Niere benötigt, muss ich sie ihm aus medizinischer Sicht transplantieren - ob er nun 17 oder 70 Jahre alt ist. In Deutschland wurde aber eine Altersgrenze eingeführt, die mit einem vermeintlichen Operationsrisiko für Ältere begründet wurde. Tatsächlich aber war das eine rein ökonomische Überlegung - wie lange hat jemand noch mit dem Organ zu leben? -, die medizinisch verklausuliert wurde. In Ländern mit genug Organen gibt es keine solche Altersgrenze.

Was muss sich ändern?

Man muss dem Patienten reinen Wein einschenken. Man kann ja sagen, es ist nicht mehr so viel Geld im Gesundheitswesen da, oder es ist falsch verteilt. Aber dann muss man das dem Patienten auch klipp und klar sagen, dass man ihn nicht so behandeln kann, wie man das eigentlich gerne möchte.

Wird der Patient mit dieser Information dann nicht alleine gelassen?

Nein, das glaube ich nicht. Wenn das viele Patienten zu hören bekommen, wird das relativ schnell eine politische Diskussion anstoßen.

Gibt es eine Instanz, an die ich mich wenden kann, wenn ich das Gefühl habe, bei einem besonders schlechten Arzt gewesen zu sein?

Es gibt die Ärztekammern, die auf Landkreisebene organisiert sind. Allerdings gehen die recht unterschiedlich mit so etwas um. Manche haben ein sehr offenes Ohr und gehen Beschwerden und Verdachtsfällen nach. Bei anderen gilt eher das Motto: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

In Magazinen und Zeitungen gibt es ja manchmal Listen - "die 100 besten Ärzte" oder dergleichen. Das halte ich für kompletten Unsinn, denn da werden meist nur wissenschaftlichen Veröffentlichungen oder der Ruf innerhalb der Kollegenschaft beurteilt. Aber viel zu wenig, was für die Patienten wichtig ist.

Interview: Jens Lubbadeh
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